13:21 26 September 2018
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    Manöver der US-Marines nahe Hawaii-Inseln (Archivbild)

    Wegen Insel-Annexion: Wie der erste Krieg zwischen Russland und USA (fast) ausbrach

    © Foto: U.S. Marine Corps/ Staff Sgt. Christopher Giannetti
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    Dem Streit um die Hawaii-Inseln setzte US-Präsident William McKinley eigensinnig ein Ende. Vor genau 120 Jahren schloss er die Inselgruppe gegen den Willen ihrer Bewohner per Erlass an die USA an. Bis zum Anschluss war die Geschichte des Archipels eine sehr bewegte: Die Pazifikinseln wurden zum Austragungsort für Konflikte der damaligen Großmächte.

    Der kühne Seefahrer James Cook war es, der als erster Europäer auf die Hawaii-Inseln stieß, im Januar 1778. Wie es in der Epoche großer geografischer Entdeckungen häufig vorkam, hielten die Eingeborenen der Insel die weißen Männer aus Übersee mit ihren großen Schiffen anfangs für Götter und hießen die Briten zunächst gerne willkommen.

    Ein Jahr später, auf der Rückkehr von einer großen Entdeckungsfahrt durch den nördlichen Pazifik, entschied Cook, dass die Hawaii-Inseln ein guter Ort zum Überwintern wären. Diesmal aber zeigten sich beim Kontakt zwischen den Briten und den Insulanern einige unüberwindbare Differenzen in der Geisteshaltung: Nach wie vor teilten die Hawaiianer ihre Reichtümer mit den Einwanderern gern, waren aber auch der Ansicht, sich auf den Schiffen der Briten nach Belieben bedienen zu dürfen.

    Als die Eingeborenen sich einer ganzen Barkasse bemächtigten, riss Cooks Geduldsfaden mit lautem Schnalzen. Um weiteren Besitzverlusten vorzubeugen und das Geraubte zurückzuholen, versuchte der Captain, den lokalen Stammesfürsten als Geisel zu nehmen. Diese Aktion wurde ihm zum Verhängnis: Zusammen mit einigen seiner Matrosen wurde der Seefahrer getötet. Das Kommando über die Expedition übernahm Captain Charles Clerke. Er wollte die Herausgabe der sterblichen Überreste seines ehemaligen Vorgesetzten auf friedlichem Wege durchsetzen, doch die Hawaiianer verweigerten sich den Verhandlungen mit den ehemaligen Göttern.

    Also brannten die britischen Entdecker mehrere Küstensiedlungen der Inselbewohner nieder, was diese wiederrum dazu veranlasste, einige Flechtkörbe voll mit Fleisch (höchstwahrscheinlich menschlichem) und Cooks Kopf ohne Unterkiefer an Bord der Schiffe zu bringen. Damit war übrigens der Grundstein für die Legende gelegt, wonach die eingeborenen Hawaiianer den Captain aufgefressen hätten – die Beschuldigten selbst streiten diese Unterstellung vehement ab.

    Hochlebe der König!

    Unter den Leuten, die den Captain Cook und seine Mannschaft bei dessen erster Anlandung auf Hawaii begrüßt hatten, war auch der junge Häuptling Kamehameha gewesen. Bald nach der Ankunft der Briten besuchten auch andere weiße Männer die Inseln: Franzosen, Amerikaner, Russen … Kamehameha verstand es, aus der Situation Profit zu schlagen, kam in den Besitz von Feuerwaffen, stellte ein zehntausendköpfiges Heer auf und machte sich daran, die Hawaii-Inseln mit Gewalt unter seiner Führung zu vereinen. So ging er denn auch als Kamehameha I. – der erste König der Hawaiianer – in die Geschichte ein.

    Porträt von Kamehameha I.
    © Foto : Public Domain
    Porträt von Kamehameha I.

    Eine große Rolle in den Eroberungsfeldzügen des künftigen Königs spielte dessen geliebte Frau Kahaumanu. Sie inspirierte und motivierte ihren Ehemann, einen geeinten hawaiianischen Staat zu gründen. Nach dem Tod von Kamehameha I. übernahm sie als Regentin die Thronfolge, ließ sich 1824 taufen und fing damit an, die Christianisierung ihrer Untertanen voranzutreiben.

    Erster russisch-amerikanischer Krieg

    Neun Jahre zuvor war vor der Küste der Insel Kauaʻi ein russisches Schiff – die „Bering“ – gestrandet.  Ein Lokalfürst, für den der europäische Begriff „konfiszieren“ damals längst kein Fremdwort mehr war, ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen und raubte die Schiffbrüchigen aus. Den Vorfall aufzuklären, wurde dem im Dienste der russischen Krone stehenden deutschen Arzt Georg Schäffer aufgetragen.

    Auf der Pazifikinsel angekommen gewann dieser schnell das Vertrauen der Häuptlingsfamilie und erfuhr bald, dass Kauaʻi sich der neuen gewaltsamen Zentralmacht entschieden verweigert. Im Gegenzug für die Unterstützung beim Sturz von Kamehameha I. versprach der Lokalfürst dem russischen Gesandten, nicht nur das geraubte Schiffsgut zurückzugeben, sondern auch noch Gebiete zu schenken, die dieser aussuchen würde – und zwar im Voraus, quasi als Vorschuss. Und sollte der Putsch gegen die Zentralmacht gelingen, würde der Häuptling von Kauaʻi, darauf gab er sein Ehrenwort, zum Vasallen des russischen Zaren Alexander I.

    Der deutsche Bedienstete schickte sogleich einen mehrseitigen Bericht nach Sankt Petersburg, in dem er ausführlich alle Vorzüge einer Annexion der Inselgruppe darlegte, und machte sich, ohne die Antwort des Zaren abzuwarten, beflissen ans Werk: Er gründete ein Dorf und legte drei Festungen im Namen der russischen Krone auf der Insel an … was den amerikanischen Geschäftsleuten mächtig missfiel, die bereits eigene Interessen auf Hawaii hatten.

    Die Staatsbürger der noch jungen Vereinigten Staaten waren waghalsigen Unternehmungen nicht weniger abgeneigt als der deutsche Gesandte des russischen Zaren. Sie kolportierten Gerüchte unter den Eingeborenen, dass Russland sich im Krieg mit den europäischen Großmächten und Amerika befinde, und dass Kampfschiffe dieser Staaten bereits die Insel ansteuerten. Die Hawaiianer, die von den drei russischen Festungen aus die Insel bewachten und beschützten, glaubten die Fake-News der Amerikaner und suchten das Weite. Die zahlenmäßige Überlegenheit auf diese hinterlistige Weise erlangt, hatten die Amerikaner leichtes Spiel, die Russen davonzujagen – mehrere Menschen starben bei den Auseinandersetzungen sogar.

    Bei seiner Ankunft in Petersburg versuchte Schäffer, den Zaren mit aller Kraft von den Vorteilen einer Annexion des Archipels im Pazifik zu überzeugen, erhielt aber eine Absage. Letztlich wurde der übermäßig engagierte Deutsche aus dem russischen Dienst entlassen und ging nach Brasilien, wo er bereits eine deutsche Kolonie gegründet hatte. Das Bemühen, ein russisch-hawaiianisches Bündnis zu schließen, riss jedoch nicht ab und wurde unter anderen Umständen fortgesetzt.

    Zwischen London und Washington

    In den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts verfügten die Hawaiianer über ein durchaus selbstständiges Staatswesen samt einer Regierung, einer Gesetzgebung, einer regulären Armee und Flotte, einer eigenständigen Außenpolitik. Die Regentin Kahaumanu (Nachfolgerin ihres verstorbenen Ehemanns Kamehameha I.) begriff: Ihr Inselreich sind winzige, aber an strategisch wichtiger Stelle gelegene Punkte auf der Landkarte – also braucht das Land mächtige Freunde. Russland verzichtete indes entschieden darauf, irgendeinen Anspruch auf Hawaii zu erheben, auch wenn etliche Geschäftsleute und Diplomaten den Zaren dazu trieben, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.

    Kamehameha III. setzte den Aufbau des hawaiianischen Staates fort. Unter seiner Führung wurde Hawaii international anerkannt, 1840 erhielt die junge Nation eine eigene Verfassung. Innerhalb von nur 50 Jahren legten die Hawaiianer den Weg von einem indigenen Volk zu einer konstitutionellen Monarchie zurück, deren Regierung etliche Ausländer angehörten: Die Elite des neuen Landes festigte ihre Verbindungen zur westlichen Zivilisation durch Eheschließungen mit Engländerinnen, Französinnen und Amerikanerinnen.

    Diese Weltoffenheit hatte aber auch eine Kehrseite: Der erstarkende Einfluss der US-Amerikaner auf Hawaii beunruhigte London. Die britische Krone erkannte, dass der Inselstaat bald den von Texas und Kalifornien geebneten Weg gehen und in die Hände Washingtons fallen könnte. Es galt etwas zu unternehmen … und die Briten taten es. Unter Androhung einer gewaltsamen Intervention musste Kamehameha III. seine Ländereien unter britisches Protektorat überstellen. Washington war außer sich.

    Der letzte König der Hawaiianer

    1872 erlosch die Kamehameha-Dynastie. Da der König keinen Nachfolger benannt hatte, musste laut Verfassung das Volk über die Thronnachfolge entscheiden (auf Grundlage eines Zensuswahlrechts). Zwei Anwärter gab es: Lunalilo, ein entfernter Verwandter des Königs, und Kalakuha, ein angesehener Adeliger. Der erste war ein unentschlossener Mensch mit einer Neigung zum Alkohol. Der zweite ein nationalorientierter Politiker mit der Devise „Hawaii für die Hawaiianer“.

    Von den rund 12.500 Stimmberechtigten stimmten nur 50 für den Nationalisten – Lunalilo gewann den Volksentscheid mit großem Vorsprung. Kurz darauf erlag er seiner Schwäche für Spirituosen und starb an einer Tuberkulose, sodass Kalakuha letztlich doch die Macht erlangte. Um seine Position zu festigen, ging er ein taktisches Bündnis mit den Amerikanern ein. Seitdem nutzten die USA die Hafenbucht Pearl Harbour als Stützpunkt für ihre Kriegsflotte. Im Gegenzug erhielten die Hawaiianer ein Freihandelsabkommen über die zollfreie Einfuhr von Zuckerrohr in die Vereinigten Staaten.

    Nachdem er nun derlei „politische Erfolge“ erreicht hatte, ging Kalakuha auf Weltreise (er war übrigens der erste Monarch, der die Erde umrundete). Seine proamerikanischen Verbündeten zuhause spannen derweil Intrigen, erledigten ihre politischen Widersacher, besetzten Schlüsselpositionen in der Armee und wurden mit dem Handel von Zuckerrohr immer reicher. Von einer konstitutionellen Monarchie verwandelten sich die Hawaii-Inseln in eine Oligarchenrepublik mit einigen wenigen Zuckerbaronen an der Spitze.

    Nach der Rückkehr von seiner Weltreise erkannte Kalakuha das ganze Elend. Seine Versuche, die amerikanische Übermacht im eigenen Reich einzudämmen, endeten in einer Palastrevolte: Die Verschwörer zwangen den König, eine Verfassung zu unterschreiben, die die Rechte des Monarchen zugunsten des Parlaments beschnitt. Vier Jahre nach dieser faktischen Entmachtung verstarb Kalakuha, seine Schwester Liliuokalani übernahm das Machtruder, die einst taktische Allianz mit den USA wurde endgültig zementiert.

    Hinsichtlich der inneren Ordnung war das kleine Inselreich jedoch weiterhin gespalten. Das Gros des einfachen Volkes forderte, dass die Königin wieder die Macht erlangt, damit sie endlich mit der Oligarchie hätte aufräumen können. Die Alternative einer Aufnahme in die USA gefiel zwar dem hawaiianischen Zuckerbaron Sanford Dole, missfiel jedoch seinen Konkurrenten, die es vorzogen, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben.

    Auch die einfachen Insulaner waren dagegen. Für sie waren die Vereinigten Staaten der Innbegriff einer Oligarchie, weshalb später rund 38.000 Hawaiianer von den insgesamt 100.000 Einwohnern der Inseln eine Petition gegen den Beitritt zu den USA unterzeichnen werden. Auf diese Unterstützung im Volke aufbauend versuchte die Königin Liliuokalani, die einstige Macht wiederzuerlangen, wurde jedoch im Januar 1893 gestürzt, wonach die provisorische Regierung unter dem Vorsitz des Zuckerkönigs Dole die USA um eine Aufnahme Hawaiis ersuchte.

    Nieder mit der Monarchie!

    Im Juli 1894 wurde Hawaii zur Republik erklärt, der Zuckerkönig Sanford Dole wurde zu ihrem ersten Präsidenten. Die polynesische Elite und das einfache Volk hielten ihn für einen Usurpator, weshalb er vier schwere Regierungsjahre und mehrere Putschversuche durchstehen musste – bis in den USA die Republikaner an die Macht kamen. 1898 unterzeichnete der 25. US-Präsident William McKinley ein Dekret über die Aufnahme Hawaiis in die USA.

    Die Demokraten blockierten den Beschluss zunächst, doch mit dem Ausbruch des amerikanisch-spanischen Krieges brauchten die Vereinigten Staaten umso dringender einen verlässlichen Hafenstützpunkt im Pazifik. Die Resolution über den Anschluss des Archipels ans US-Territorium brachte der Demokrat Francis Newlands in den Kongress ein. Bald darauf wurde Sanford Dole zum Gouverneur des neuen US-Gebiets – noch waren die Hawaii-Inseln kein Bundesstaat – ernannt. Zum vollwertigen Bundesstaat der Vereinigten Staaten wird die Inselgruppe erst im Jahr 1959. Und 34 Jahre später entschuldigt sich die US-Regierung bei den Hawaiianern dafür, ihre Monarchie gestürzt und ihr Gebiet entgegen ihrem Willen annektiert zu haben.

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    Tags:
    Kriegsgefahr, Kolonisierung, Entdeckung, Kolonialpolitik, Flotte, Krieg, Invasion, Hawaii, Australien, Spanien, Großbritannien, USA, Russland