11:42 24 September 2018
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    Montage vom Schutzblock am AKW Tschernobyl (Archivbild)

    Können ukrainische AKW mit Tschernobyl-Potenzial ohne Russland auskommen?

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    Kiew erwägt die Wiederaufnahme von gemeinsamen Projekten mit Russland in der Atomenergie. Das berichteten dieser Tage ukrainische Medien, die zugleich präzisierten, dass es sich dabei um die Produktion von Spaltstoffgruppen für ein Atomkraftwerk im Gebiet Kirowograd handeln würde.

    Der ukrainische Energieminister Ihor Nassalyk dementierte jedoch diese Behauptungen und sprach von „Fake News“.

    Experten sind dennoch überzeugt, dass die Ukraine nach ihrer gescheiterten Kooperation mit den USA auf den russischen Konzern Rosatom angewiesen ist.

    Die ukrainische Zeitung „Ekonomitscheskaja Prawda“ („Wirtschaftswahrheit“) schrieb am 10. Juli von der möglichen Wiederaufnahme der russisch-ukrainischen Kooperation in der Atomenergie und berief sich dabei auf einen angeblichen Brief Nassalyks an den Ersten Vizechef von Rosatom, Kyrill Komarow. Dabei hätte der ukrainische Minister das hohe Kooperationsniveau auf diesem Gebiet hervorgehoben und auf die Perspektiven für den Ausbau des Zusammenwirkens und zugleich auf mehrere gemeinsame Projekte verwiesen. Die ukrainische Seite hätte den Russen ein Treffen in Brüssel zwischen dem 9. und 12. Juli angeboten. 

    Nassalyk bestritt jedoch seinerseits, sich an die russische Seite gewandt zu haben.

    2010 hatten der ukrainische Konzern „Kernbrennstoff“ und die russische Firma TVEL (gehört Rosatom an) ein Joint Venture zwecks Produktion von Kernbrennstoff auf dem Territorium der Ukraine gegründet. Der entsprechende Betrieb sollte im Gebiet Kirowograd gebaut werden, doch das Projekt kam nie zustande: Kiew bestätigte den Haushaltsplan nicht und verweigerte die Finanzierung der Bauarbeiten. Die russische Seite behauptete, ihre Verpflichtungen im Rahmen des Projekts vollständig erfüllt zu haben.

    Laut dem ukrainischen Programm zur Entwicklung der Atomenergiebranche bis 2020 würde dieses Projekt 5,64 Milliarden Griwna kosten. Aus dem Haushalt sollten 300 Millionen Griwna bereitgestellt werden. Die restlichen Mittel wären herangezogene Investitionen.

    Die „Ekonomitscheskaja Prawda“ behauptete, Kiew wäre bereit, zu diesem Projekt zurückzukehren, aber es sei vorerst unklar, wie dieses umgesetzt werden könnte.

    Der Pressedienst des Energieministeriums teilte seinerseits am 10. Juli mit, dass die China Nuclear Fuel Corporation Russlands Anteil an dem nicht zustande gekommenen Joint Venture erwerben könnte. Die Rede wäre von 50 Prozent minus eine Aktie.

    „Zwecks Heranziehung von Investitionen zur Finanzierung des Errichtung des Betriebs für die Kernbrennstoffproduktion in der Ukraine fanden 2015 und 2016 Verhandlungen mit potenziellen Investoren statt, unter anderem mit der China Nuclear Fuel Corporation, die eine gemeinsame Produktion von Kernbrennstoff für ukrainische AKW anbot“, heißt es in der entsprechenden Mitteilung. „Es ist vorgesehen, dass die chinesische Seite die Aktien der TVEL AG in vollem Umfang kaufen und die vollständige Finanzierung des Projekts ermöglichen wird.“

    Der chinesische Konzern hatte Anfang Juni ein dreiseitiges Treffen im Ukraine-China-Russland-Format initiiert. Die ukrainische Seite behauptet, bis dato zehn Millionen Dollar in das Projekt investiert zu haben, insbesondere 5,2 Millionen Dollar „für die Herstellung von nichtstandardmäßigen Anlagen durch die TVEL AG“.

    Dieses Projekt sollte Rosatom helfen, gegen die Expansion des US-Unternehmens Westinghouse auf dem ukrainischen Markt zu kämpfen, sagte Alexej Chochlow vom Energetischen Zentrum bei der Moskauer School of Management Skolkovo.

    Wenn es zwischen den Ländern keinen politischen Konflikt gegeben hätte, würde man nach Investitionen unter Beteiligung der russischen Seite suchen, zeigte sich der Analyst von Alor Broker, Alexej Antonow, überzeugt. Kiew braucht nach seinen Worten einen starken Investor, der die Verluste des Staatskonzerns „Kernbrennstoff“ ausgleichen könnte. Die Heranziehung des chinesischen Unternehmens, das seine eigenen Interessen auf dem ukrainischen Markt verfolge, würde das Problem Geldmangel lösen, ergänzte der Branchenkenner.

    In der Ukraine funktionieren aktuell insgesamt vier Kernkraftwerke mit 15 Meilern, deren gesamte Kapazitäten 13,8 Gigawatt betragen.

    All diese Atomkraftwerke werden vom Staatskonzern Energoatom betrieben, der den Kernbrennstoff in Übereinstimmung mit Verträgen mit TVEL (Russland) und der Firma Westinghouse Electric Sweden (der schwedischen „Tochter“ von Toshiba (Japan)) kauft. Dabei hatte der ukrainische Energieminister Nassalyk noch im Dezember 2017 angekündigt, er würde in diesem Jahr die Geschäfte mit Westinghouse von den jetzigen 40 auf 55 Prozent aufstocken. Aber in Wahrheit war es keine so leichte Aufgabe, den amerikanischen Brennstoff den Bedürfnissen der ukrainischen AKW anzupassen.

    Das ukrainische Projekt sei für Westinghouse Electric wohl das krasseste Beispiel eines Misserfolgs in der Atomenergie, findet der Branchenkenner Alexander Rakscha. Für die Anpassung seiner Brennelemente, damit diese in sowjetischen Meilern funktionieren könnten, habe das Unternehmen wesentlich mehr Geld ausgegeben als später für ihre Lieferung eingenommen.

    Für Kiew sei die Rückkehr zu Rosatom ein alternativloser Schritt, zeigte sich der Leiter der Expertengruppe Veta, Dmitri Scharski, überzeugt. Anfang dieses Jahres haben die 15 ukrainischen Meiler 55 Prozent der ganzen Energie produziert, und angesichts der immer geringeren Effizienz von Heizkraftwerken wegen der sinkenden Qualität und des steigenden Preises für Kohle sei die Belastung der AKW wesentlich gewachsen; und die nebulösen Perspektiven von neuen Verträgen mit Gazprom könnten für die ukrainische Energiewirtschaft eine viel größere Herausforderung werden – und das schon in drei bis fünf Jahren, warnte der Experte.

    Der Vizepräsident der Firma TVEL, Oleg Grigorjew, hatte inzwischen gesagt, sein Unternehmen wäre bereit, die erwähnten Spaltstoffgruppen an die ukrainische Seite zu liefern.

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    Atomenergie, Entwicklung, Modernisierung, Krise, Bau, Zusammenarbeit, AKW, Brennstabhersteller TVEL, Rosatom, Tschernobyl, China, Russland, Ukraine