12:23 24 September 2018
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    Boris Johnson verlässt die Residenz der britischen Premierministerin May auf der 10 Downing street

    Boris Johnson: Ein Brexit-Schwärmer geht samt Traum von „Groß“-Britannien

    © AFP 2018 / Niklas Halle'n
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    Was lässt man sich nicht alles einfallen, um nicht zur Fußball-WM zu fahren. Boris Johnson hat sogar seinen Rücktritt eingereicht, um beim Fußballereignis in Russland nicht dabei sein zu müssen, welches er jüngst mit der Hitler-Olympiade von 1936 verglichen hat. Aber mal im Ernst …

    Die Gründe für Johnsons Rücktritt sind natürlich weitaus triftiger, wie aus dessen „Abschiedsbrief“ an Theresa May hervorgeht. In dem Schreiben wirft der Ex-Außenminister der britischen Regierungschefin vor, den Brexit verraten und das britische Volk mit all seinem Willen und seinen Hoffnungen betrogen zu haben.

    „Der Brexit sollte eine Möglichkeit und eine Hoffnung, eine Chance werden, etwas anders zu machen“, heißt es in Johnsons Brief.

    Der Austritt aus der EU hätte die Gelegenheit sein können, „flexibler und dynamischer zu werden, und die Vorteile Großbritanniens als einer offenen und globalen Wirtschaft maximal zu nutzen“. Stattdessen bewege sich das Land auf einen „Halb-Brexit“, ja sogar auf den „Status einer Kolonie“ zu.

    Boris Johnson – einer der Brexit-Ideologen, der durch das Referendum auf die Höhen der Macht emporgehoben wurde – springt ab vom Zug der May-Regierung, ehe dieser bei voller Fahrt gegen die Wand knallt. Seinem historischen Vorbild Winston Churchill nacheifernd versucht Johnson, als ein Mann in die Geschichte einzugehen, der alle gewarnt und auf den keiner gehört hat. Mit diesem Image wird er nach einer Weile – vielleicht sogar schon bald – ganz bestimmt in die Politik zurückkehren.

    Vielleicht aber hat Johnson es langsam satt, einen Clown zu spielen, der ständig auf plumpste Weise gegen Russland stichelt, statt die Unabhängigkeit Großbritanniens von den Eurokraten zu vertreten und zu verkünden. Die aggressiv hysterische russlandfeindliche Politik der Regierung May ist sicherlich nicht Johnsons Erfindung – aber es war definitiv er, der diese Politik auf Zirkus-Niveau gebracht hat. Seine burlesken Tricks stachen dabei durch scharfsinnig-intellektuelle Allüren ebenso hervor wie sie an der eigenen Unschärfe scheiterten.

    Johnsons Tragödie sind jedoch nicht der Zirkus und nicht die Russophobie. Das Tragische besteht vielmehr darin, dass die Sache, deren Ideologe der ehemalige Außenminister war, ihren Sinn verloren hat.

    Vor einem Jahrhundert waren eine Gruppe Gentlemen aus einem in Zigarrendunst gehüllten Kabinett in der Downing Street praktisch die Götter dieser Welt. Sie lenkten die Börsen und bestimmten die Währungskurse, sie entsandten an jeden Punkt des Imperiums, in dem die Sonne niemals unterging, die weltgrößte Flotte und Armee … Die Agenten des Secret Service töteten Monarchen und die als unsterblich geltenden Starzen an ihrem Hofe. Großbritannien beherrschte nicht nur die Meere, sondern – so schien es – die Länder, die Luft und die Erde samt den Schätzen darin.

    Der anschließende Crash war so stark und schmerzhaft, dass ein großer Teil dieser Welt den Zusammenbruch bis heute nicht wahrhaben will. Daher kommt auch der unerschütterliche Glaube der Verschwörungstheoretiker, dass Großbritannien insgeheim weiterhin Russland, Amerika und überhaupt den gesamten Erdball regiere, dass es die britischen Eliten seien, die die wichtigsten Entscheidungen treffen.

    „Es tut sich was im Hintergrund“ – diese Schablone des Verschwörungsdiskurses scheint auf alles zu passen. Den Briten wird eine übersinnliche Soft-Power zugeschrieben, kraft derer sie allen Völkern eine Pseudogeschichte andichten, fremde Kulturen steuern und die globalen Eliteschichten prägen. Mitunter fangen die Briten selbst an, an ihre in Privatschulen geformte Exklusivität zu glauben. Genau darum geht es jedenfalls in Joanne Rowlings Saga. Ein feinsinniger Professor Dumbledore schmiedet im Inferno eines magischen Krieges die künftige Aristokratie der Zauberwelt: Harry und seine Freunde.

    Es hat ja seinen Grund, dass Boris Johnson durch den Vergleich Putins mit einem Hauself berühmt geworden ist – ein Versuch, den russischen Staatspräsidenten in einer imaginären Hierarchie zu verorten. Ein anderer Versuch einer hierarchischen Entwertung war der Vorfall, als Boris Johnson dem russischen Außenminister Sergej Lawrow bei einem Treffen seinen Mantel reichte: eine Anspielung auf den berühmten Eklat, als Edward Halifax, der britische Außenminister in den 1930er Jahren, den deutschen Führer für einen Landknecht hielt.

    Tragikomisch ist hierbei, dass Johnson sich mit seinem aristokratischen Gehabe regelmäßig auf ganz dünnes Eis begibt. Trotz der hervorragenden Ausbildung in Eton und Oxford glänzt Boris allzu oft durch peinliches Halbwissen. So hat er mal den Westen mit dem antiken Athen und Russland mit dem rastlosen Sparta zu Zeiten des Peloponnesischen Kriegs verglichen. Was ihm dabei entgangen sein musste, ist der Umstand, dass Sparta seinen Gegner in dem Krieg vernichtend geschlagen hatte. Und was den Vergleich der Fußball-WM in Russland mit den Olympischen Spielen von 1936 angeht: Es waren die britischen Athleten, die sich damals in Hitler-Deutschland auf skandalösere Weise durchkämpften.

    Was aber sehr viel wesentlicher ist: Zum Leidwesen der Verschwörungstheoretiker ist es nicht nur so, dass Großbritannien die Welt nicht regiert – das Land hat nicht mal einen vernünftigen Platz in dieser Welt. Der Brexit erweist sich als eine Sackgasse, weil die Briten mit ihrem Traum von Unabhängigkeit niemanden haben, auf den sie sich stützen könnten. Das Zeitalter des Imperiums, in dem die Pax Britannica den ganzen Planeten durch Telefonkabel wie durch Ketten fesselte, ist längst Geschichte. Die Hoffnung der Briten auf ein eigenmächtiges Leben hat sich nicht erfüllt.

    Die von Margaret Thatcher vollzogene Deindustrialisierung Großbritanniens hat die Grundlagen der ehemaligen „Werkbank der Welt“ erschüttert. Was den Insulanern geblieben ist, ist der Handel mit Finanzdienstleistungen, kostspieliger Bildung und feinen Manieren – weshalb unter den Oligarchen auf der ganzen Welt das Gerücht verbreitet werden muss, man könne sich durch britische Bildung einer Weltaristokratie anreihen.

    Mag es paradox erscheinen, doch haben die britischen Nationalisten, die sich für den Brexit einsetzen, allzu große Hoffnung auf die Globalisierung gesetzt. Sie sind sich zu sicher, dass die Zeit für Großbritannien reif sei, nicht länger als kleinerer Bruder innerhalb des US-Imperiums und nicht als ein Anhängsel einer deutschdominierten EU zu existieren, sondern als eigenständige Kraft, die wie ein globaler Magnet das Beste und die Besten aus aller Welt anzieht. Diese Vorstellung hat sich als Trugbild erwiesen: Das einsam herumstehende England will niemand haben.

    Donald Trump hat nämlich damit begonnen, das Weltwirtschafssystem zu demontieren, also jenen Raum, in dem die Engländer sich am wohlsten fühlen. Und eine eigene, nationale Wirtschaft hat England sei Thatchers Zeiten, wie schon gesagt, nicht mehr. Die Londoner City setzt durch transnationale Finanzströme zwar immer mehr Fett an, doch diese Quelle wird mit dem Anbruch der neuen Ära nationaler Volkswirtschaften versiegen. Ohne eine eigene Industrie und ohne ein eigenes Imperium interessiert Großbritannien niemanden.

    In dieser Situation fiel der Regierung und den Medien in London nichts Besseres ein, als die treuesten Fans des britischen Polit- und Kulturmythos – die russischen (in großen Anführungszeichen) Oligarchen – erbittert zu bekriegen. Diese Menschen glaubten an das Britentum wie an eine Religion, sie waren gar bereit für diese „Ware“ zu bezahlen. Die britische Gesellschaft hat es jedoch vorgezogen, sie aus dem Land zu schmeißen, wodurch sie eigentlich ja nur den verhassten Putin gestärkt hat.

    Im großen geopolitischen Spiel hätten die Engländer auf Russland setzen können, auf die einzige große geopolitische Kraft auf dieser Welt, die einem irrationalen England-Kult frönt und dabei auch noch ein Interesse hat, das britische Projekt zu unterstützen. Die Engländer hätten durchaus den Trick aus dem 18. Jahrhundert wiederholen können, als die Industrierevolution auch mit Russlands reichhaltigen Ressourcen vonstattenging. Die neue Industrierevolution, die Reindustrialisierung Großbritanniens – wie vom Brexit gefordert – hätte nur mit unserer Unterstützung erfolgen können. Stattdessen sind die Briten in einer irrationalen Russophobie versunken und haben dabei ungeahnte Tiefen erreicht.

    Der Traum eines unabhängigen und eigenmächtigen Großbritanniens, den der ehemalige Außenminister Johnson verkörperte, verwandelt sich in den grauen Dunst einer ewigbeleidigten hysterischen Diva, die plötzlich verlassen und verloren dasteht. Und daneben Boris Johnson, der weniger wie ein neuer Churchill als ein verschlissener Clown aussieht. Vielleicht aber hat er genau deshalb auf einen mächtigen Posten verzichtet? Vielleicht sehen wir ihn ja in wenigen Monaten in der Politik wieder – dann mit dem neuen Profil eines Trumpisten und Rechtspopulisten, wie sie in Europa derzeit immer gefragter werden.

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