15:28 21 November 2018
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    ein bewaffneter Mann in Salt Lake City (Symbolbild)Demonstranten in Charlottesville (Archiv)

    Bürgerkrieg in den USA: Seit langem verschwiegen – seit langem real

    © AP Photo / Rick Bowmer © AP Photo / Matt Slocum
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    US-Bürger entwerfen Lagepläne künftiger Kämpfe, horten Munition und suchen sichere Orte, wo der 2. Bürgerkrieg ausgesessen werden könnte. Noch vor kurzem war dieses Thema in den amerikanischen Medien ein No-Go, heute schreiben renommierte New Yorker Tagesblätter darüber. Wovor haben sie Angst? Und warum gerade jetzt?

    Es sind nicht nur die Zahlen, die überraschen, obwohl sie für ein wohlhabendes Land wie die USA doch schon extrem hoch sind. Was vielmehr erstaunt, ist, dass es das Thema eines bewaffneten Konflikts zwischen den Bürgern der Vereinigten Staaten seit vielen, vielen Jahren wieder in die etablierten Medien geschafft hat. Vor kurzem war es noch tabu.

    Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Rasmussen Reports halten 31 Prozent der Amerikaner den Ausbruch eines Bürgerkriegs in den Vereinigten Staaten in den nächsten fünf Jahren für möglich. Im vergangenen März ist eine solche Befragung unter Historikern und anderen Experten durchgeführt worden: Ein Drittel von ihnen erwartet, dass schon in der nächsten Zeit ein innerstaatlicher Konflikt in den USA toben wird.

    Wer an die Möglichkeit eines Bürgerkriegs in „The Land of the Free“ glaubt, bekommt schnell einen Stempel aufgedrückt: „Verschwörungstheoretiker“, „Paläokonservativer“, „Extremist“ und dergleichen Worte mehr, die dazu dienen sollen, das Thema totzuschweigen. Dabei ist der Bürgerkrieg ein im wahren Sinne konstituierendes Element der US-amerikanischen Geschichte. Der Horror vor einer möglichen Wiederkehr der Ereignisse von 1861-64 prägt und bestimmt in der US-Politik nahezu alles – auch das, was Außenstehende vielleicht als Schrulle bewerten würden.

    Die scheinbar absurde Politkorrektheit zum Beispiel – das ist eine Reaktion auf die wilden Sechzigerjahre, als die USA am Rande eines echten Rassenkrieges standen. Und die pervertierten linken Ideen: ein Gegengift gegen echten Sozialismus, der das Zeug dazu hätte, einen Klassenkrieg in den Vereinigten Staaten zu entfachen. Einer der führenden Geschichtsprofessoren in den USA, David Blight, sieht im Bürgerkrieg einen „gigantischen schlummernden Drachen der amerikanischen Geschichte, jederzeit bereit aufzuwachen und uns alle einzuäschern“.

    Anfang des 20. Jahrhunderts glaubten US-Intellektuelle, der kommende innergesellschaftliche Konflikt werde als Klassenkampf – das Volk gegen die Oligarchen – ausgetragen. Die ganze Große Depression hindurch behielt diese Vorstellung ihre Aktualität.

    In den 1960er Jahren prägte die Angst vor einem Rassenkrieg das öffentliche Bewusstsein. Bei den Massenprotesten schwarzhäutiger Amerikaner, dem Kampf gegen die Segregation (Rassentrennung) und den Terror der „Black Panthers“ schien es, das Land stünde am Abgrund eines Blutvergießens zwischen Schwarzen und Weißen. Die „Reaganomics“ mit den günstigen Verbraucherkrediten und einer umfassenden sozialen Absicherung dienten unter anderem auch dazu, die Lage der sozial benachteiligten Schwarzen zu verbessern und einen Rassenkrieg zu verhindern.

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    Dass der Rassenhass dadurch aus der amerikanischen Gesellschaft nicht getilgt wurde, haben unter anderem die Massenunruhen in Los Angeles 1994 gezeigt. Vorher waren alle Diskussionen über die Möglichkeit eines Bürgerkrieges in den USA unterdrückt worden: Die liberalen Massenmedien hatten jedes Gespräch über den „schlummernden Drachen“ vorsorglich blockiert. Die tiefsitzende Angst vor einem 2. Bürgerkrieg löste sich dadurch nicht auf, sie wurde lediglich an den Rand des medialen Mainstreams verdrängt.

    Jedes Jahr wieder erschienen in den Vereinigten Staaten Dystopien zu diesem Thema – so viele, dass sie sogar ein eigenes Genre begründet haben. Veröffentlicht wurden aber auch durchaus ernstzunehmende Analysen. Im Jahr 1997 präsentierte der Militärexperte Thomas Chittum, ein Vietnam- und Jugoslawien-Veteran, seine Vorstellung davon, wie die Vereinigten Staaten unter dem Druck eines Wirtschaftscrashs auseinanderbrechen würden. In seinem Buch „Civil War II: The Coming Breakup of America“ (Der 2. Bürgerkrieg: Das kommende Auseinanderfallen von Amerika) projiziert Chittum den Jugoslawien-Konflikt auf die Landkarte der USA und deren Regionen mit einem besonders hohen Anteil ethnischer Minderheiten.

    Anhand dieses Modells nimmt der Analyst an, im Falle eines Rassenkrieges würden die schwarzhäutigen Amerikaner den gesamten Südosten der USA für sich beanspruchen und in New Orleans ihre Hauptstadt gründen. Die Hispanics würden Kalifornien samt dem gesamten Südwesten unter ihre Kontrolle bringen und dort ein sozialistisches System errichten. Die weiße Bevölkerung würde demnach in den Norden und ins Landesinnere verdrängt, wo es bisweilen zu Auseinandersetzungen mit „schwarzen Enklaven“ käme.

    Im Erscheinungsjahr 1997 wurde Chittums Buch einfach nicht beachtet, den US-Zeitungen war die Publikation keine einzige Rezension wert. Allein die Idee, dass Afroamerikaner gegen Latinos kämpfen würden, galt damals als himmelschreiend unkorrekt. Heute wundern sich Chittums Leser auf dessen Amazon-Seite über die Exaktheit seiner Analyse: „Ein erschreckendes Buch, und wir werden bald sehen, wie es wahr wird.“

    Erst nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten wurde das Thema salonfähig. Die Demokraten waren nämlich so sehr vom Wahlergebnis enttäuscht, dass sie ihr eigenes Tabu gebrochen haben. Nach den Massenunruhen in Charlottesville und dem Skandal mit dem Abriss der Konföderierten-Denkmäler erklärte die linksliberale Presse, die hinterhältigen Alt-Rights würden eine Bürgerschlacht anschüren. Bewaffnet und gefährlich seien sie, hieß es. Es gelte, sie schnellstens zu entwaffnen und aus allen Ämtern zu jagen. Die Ultrarechten hielten dagegen, es seien die Antifa und die linken Anarchos, die durchs ganze Land reisten, um die Pro-Trump-Mehrheit einzuschüchtern.

    Die Möglichkeit eines Bürgerkrieges ist in den USA längst ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen: Erst in den Zeitungen und Foren, nun auch in Talkshows spekulieren Experten allen Ernstes darüber, wer im Bürgerkriegsfall besser mit Lebensmitteln und Munition versorgt sein werde, die roten „Trump-Staaten“ im Landesinneren oder die blauen „Hillary-Staaten“ an der Küste.

    Mitten in dieser Debatte veröffentlichte der kanadische Publizist mit ägyptischen Wurzeln Omar El Akkad sein Buch „American War“, welches es mit besten Rezensionen auf Anhieb in die Bestsellerliste der „New York Times“ geschafft hat. El Akkad war Kriegsreporter, berichtete über den Arabischen Frühling und den Syrienkonflikt. In seinem Buch untersucht er, ob und wie die Bunten Revolutionen, die von den Vereinigten Staaten überall in der Welt erfolgreich ausgelöst werden, in den USA selbst funktionieren würden. Ernsthafte Hürden dafür gibt es seiner Ansicht nach jedenfalls nicht.

    Ob es einen Bürgerkrieg geben wird, ist in den USA gegenwärtig also keine Frage mehr – debattiert wird allein darüber, wie dieser Krieg verlaufen wird. Dabei rechnen die Konservativen damit, dass es künftig zu noch größeren Spaltungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft kommen wird: Die soziale Ungleichheit wächst, die Mittelschicht verarmt, das Reichtum der Reichen wächst exponentiell an.

    Die wirtschaftlichen Probleme vertiefen die ethnischen Bruchlinien. Welche Wut sich bei den schwarzhäutigen US-Bürgern angestaut hat, hat der Aufruhr von Ferguson aller Welt deutlich vor Augen geführt – man denke an die Polizistenmorde und den Abriss der Denkmäler für die Helden der Südstaaten. Für die arbeitslosen schwarzen Jugendlichen kann eine Rebellion der einzige Weg sein, überhaupt zu Geld zu kommen. Schon Chittum schrieb in seinem „Auseinanderfallen von Amerika“, die US-Regierung züchte durch ihr eigenes Tun die Armee heran, „die ihr die Kehle durchschneiden wird“, weil sie in die Jugend nichts investiere.

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    Der Geschichtsprofessor David Blight – der mit dem Bild des „schlummernden Drachen“ – betont die verblüffenden Parallelen zwischen der gegenwärtigen Situation in den USA und der Zeit kurz vor dem Ausbruch des 1. Bürgerkrieges von 1861-64. Es waren die gleichen immer wieder aufflammenden Unruhen und Aufstände, die gleichen Übergriffe auf die Polizei und staatliche Behörden, eine sehr ähnliche Flüchtlingskrise (in den 1850er Jahren wurden die USA von Einwanderern aus dem hungernden Irland überrannt) und die gleichen unerklärlich brutalen Massenmorde (seit Jahren übertreffen die Vereinigten Staaten sich selbst bei der Anzahl von Massakern).

    Die damalige Epoche und die heutige Zeit ähneln sich nicht zuletzt durch die Atmosphäre der Intoleranz, des Radikalismus und der paranoiden Suche nach Feinden. Diese jedes Maß übersteigende innergesellschaftliche Feindschaft begleitet die Amerikaner seit der Zeit der Gründerväter. Der 1. Bürgerkrieg raffte schätzungsweise 600.000 bis 700.000 Menschenleben dahin – zwei Prozent der damaligen Bevölkerung. Überträgt man diese Zählung auf die Gegenwart, würden rund sechs Millionen US-amerikanische Bürger die inneren Widersprüche ihrer Gesellschaft mit dem Leben bezahlen.

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