22:03 22 Juli 2018
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    Polens MiG-29 (Archiv)

    Warum Nato-Staaten mit sowjetischen Waffen kämpfen wollen

    CC BY 2.0 / Peter Gronemann / Polish MiG-29 Fulcrum
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    Die Nato-Staaten haben vereinbart, die sowjetische und russische Militärtechnik loszuwerden. Dennoch behalten einige Länder nicht nur ihre sowjetischen Waffen, sondern kaufen weiterhin Waffen bei Russland. Auch wenn einige Nato-Staaten formell auf sowjetische Waffen verzichten werden, werden sie sie in der Praxis weiterhin nutzen. Aber wie?

    Beim Nato-Gipfel in Brüssel sind die Nato-Mitgliedsstaaten darin übereinkommen, die Überbleibsel an sowjetischer und russischer Militärtechnik loszuwerden. Das steht in der Erklärung nach dem ersten Tag des Gipfels.

    Die Teilnehmer kamen zu dem Schluss, dass die Herausforderungen der sich wandelnden Lage von den Nato-Ländern „operativ kompatible“ Mittel und Kräfte erfordern, die sich in hoher Bereitschaft befinden sollen. Deswegen sollen die Staaten, die zur Allianz gehören, die Frage der bestehenden Abhängigkeit von der geerbten Militärtechnik russischer Herkunft lösen.

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    Über das größte Arsenal sowjetischer Waffen in der Nato verfügen die Länder, die einst zum sowjetischen Block gehörten – der Organisation des Warschauer Paktes – Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Tschechien und die Slowakei. Ursprünglich war geplant, dass beim Nato-Beitritt der Länder Osteuropas (1999 bis 2004) alle sowjetische Waffen und ihre Analoga zu westlichen Waffen ersetzt werden. Doch in der Realität sieht nicht alles ganz so eindeutig aus.

    Das wichtigste Land der Region, Polen, verfügt über folgende sowjetische Waffen: Kalaschnikow-Gewehre, sowjetische lenkbare Anti-Panzer-Raketen und Flugabwehrkomplexe Strela-2, nahezu alle Flugabwehrsysteme wie Selbstfahrlafette ZSU-23-4 Schilka und Luftabwehrsystem S-200 Wega, Raketenartillerie BM-21 Grad und RM-70-Systeme, die tschechische Modifikation von Grad-Systemen. Zu den wichtigsten Kampfpanzern gehören der T-72M, zu den Flugzeugen – MiG-29, Su-22M4 (Exportversion der Su-17), die Hubschrauberflotte besteht aus klassischen sowjetischen Maschinen von Mi-8 bis Mi-24. Von den osteuropäischen Ländern hat bislang nur Ungarn die sowjetischen Flugzeuge aussortiert. Auch Deutschland hat die MiG-29 erst 2004 aussortiert. Griechenland, das zuletzt ein eher abgekühltes Verhältnis zu Russland pflegt, beeilt sich auch nicht, den Nato-Waffen vollständig zu vertrauen. Bereits zu Beginn der 1990er-Jahre besorgten sich die Griechen russische Flugabwehrsysteme S-300, Tor-M1, Luftkissenschiffe und Panzerabwehrraketenkomplexe. Auch heute noch will Athen weitere russische Rüstungsgüter kaufen.

    Die Türkei will trotz Drohungen der USA die russischen Raketensysteme S-400 beschaffen. Wie der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Donnerstag sagte, werden die ersten S-400-Systeme Ende 2019 geliefert. Zudem stehen in der türkischen Armee russische Schützenpanzerwagen BTR-80, Hubschrauber Mi-17, Panzerabwehrraketenkomplexe und verschiedene Schusswaffen im Dienst.

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    Über zahlreiche sowjetische und russische Waffen verfügen auch die Balkanländer. Vor kurzem wurde berichtet, dass die Nato nach einem Auftragnehmer zur Ausmusterung sowjetischer Waffen in Lagern in Montenegro sucht, das der Allianz im vergangenen Jahr  beigetreten ist. Auch andere Balkanländer haben viele sowjetische Waffen. Slowenien verfügt über Panzer M-84 (jugoslawische Variante des T-72), Panzerhaubitzen Maljutka und Fagot, verschiedene Flugabwehrraketenkomplexe, es gibt auch ein Überwachungsboot des russischen Projekts 10412. Der kroatischen Armee stehen Panzer T-72/M-84, sowjetische BTR/50, Maljutka und Fagot, hunderte Flugabwehrsysteme (Strela-2, Igla), darüber hinaus alte sowjetische MiG-21-Flugzeuge zur Verfügung.

    Im Ganzen kann man nur erahnen, wie viele sowjetische Waffen die Nato-Mitglieder noch haben, ob Patronen, Minen, Gefechtsköpfe, Torpedos, doch es handelt sich um enorme Vorräte. So wurden vor kurzem die Pläne Warschaus bekannt, im Osten des Landes eine neue schwer bewaffnete Division ins Leben zu rufen. Als zusätzliche Technik wurde keine neue westliche Technik, sondern wurden T-72-Panzer ausgewählt, die sich noch in polnischen Lagern befinden. Zudem verfügen auch Bulgarien, Ungarn, Rumänien, die Slowakei, Tschechien und sogar Deutschland (in Depots) über solche Panzer. Neben den Panzern gibt es in den ehemaligen Ländern des Warschauer Paktes hunderte sowjetische Schützenpanzerwagen und Aufklärungskampffahrzeuge.

    Der Leiter des Zentrums für Analyse von Strategien und Technologien, Ruslan Puchow, sagte, dass der Punkt über den Verzicht auf sowjetische Technik in die Erklärung nur aus dem Grund aufgenommen worden sei, weil das Dokument US-Präsident Donald Trump nicht passen würde, der zuvor die Unterzeichnung des Schlusskommuniqués beim G7-Gipfel sabotiert habe. Puchow zufolge sind nach dem Zerfall der Sowjetunion in den Nato-Ländern nicht mehr so viele sowjetische Waffen verblieben. „Diese Waffen werden auf natürliche Weise verschwinden. Die Technik wird älter, ihre Ressourcen gehen aus. Auch die Slowaken sagten anscheinend beim Gipfel, dass sie F-16-Jets haben und die MiG-29 loswerden werden wollen“, so Puchow.

    Dieser Meinung ist auch Wadim Kosjulin vom PIR-Zentrum. Ihm zufolge verschwinden die sowjetischen Waffen von selbst. Die Nato-Mitgliedsstaaten verkaufen sie aktiv an Drittländer. Bulgarien musste selbst Munition für eigene alte Militärtechnik produzieren, was bedeutet, dass die Lager leer sind.

    Bundeskanzlerin Angela Merkel beim NATO-Gipfel
    © REUTERS / Kevin Lamarque
    Im Dienst bleiben vor allem hochtechnologische Waffen – Raketen, Torpedos, Flugabwehrsysteme. Doch sie erfordern Modernisierungen, technische Wartungen, was zahlreiche Probleme bereitet. „Dasselbe betrifft die Fliegerkräfte, die professionelle Wartung erfordern. Dabei entstehen Probleme. Man muss sich an Länder wenden, die keine Berechtigung als Entwickler haben. Im Ergebnis führt das zum Versagen bei der Technik. So übernimmt die Ukraine, wo noch Reste der sowjetischen Rüstungsindustrie bestehen, Wartungen, doch qualitativ nicht besonders hochwertig“, sagte der Experte.

    Das gesamte Kriegsgerät aus den 1960er bis 1990er Jahren wird allmählich zu alt. Seit 2014, nach der Einstellung der militärtechnischen Kooperation der Nato-Länder mit Russland, fehlt den osteuropäischen Ländern die Lizenz zur Wartung dieser Technik. Deswegen befassen sich jetzt Privatfirmen mit der technischen Versorgung der Hubschrauber und Flugzeuge ohne vollständige technische Dokumentation, was zu Pannen führt. In der vergangenen Woche stürzte in Polen ein MiG-29-Jet ab. Der Pilot aktivierte zwar den Schleudersitz, kam jedoch ums Leben. Am nächsten Tag stürzte bei einem Schauflug in Rumänien ein MiG-21-Jet ab. Der Pilot kam ebenfalls ums Leben.

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    Neben den technischen Aspekten stecken hinter dem Beschluss, auf die sowjetische Technik zu verzichten, auch wirtschaftliche und politische Motive. Laut Kosjulin werden neue Nato-Mitglieder absichtlich zur Erneuerung der Militärtechnik gezwungen, um die westliche Rüstungsindustrie zu unterstützen. Dem Experten zufolge wird die alte sowjetische Technik vor allem durch ausgemusterte US-Technik ersetzt.

    Doch es handelt sich um einen wahrlich riesigen Waffenmarkt, milliardenschwere Ausgaben, die diese Länder selbst übernehmen sollen. Deswegen würden diese Länder es kaum schaffen, das verlorene Potential wegen der teuren Technik schnell zu kompensieren. Die Umrüstungsprogramme sind auf Dutzende Jahre ausgelegt.

    Es gibt auch einen anderen Aspekt – das vollständige Verdrängen der russischen Rüstungsbranche von den Nato-Märkten. Laut Kosjulin wird es Russland nun noch schwerer fallen, neue Käufer unter den Nato-Mitgliedsstaaten zu finden. Griechenland, das in der Vergangenheit russische Waffen kaufte, hat finanzielle Probleme und kann seine eigene Politik nicht durchsetzen, es wird einfach dem Nato-Druck nicht standhalten, falls es beschließen sollte, russische Waffen zu erwerben.

    Allerdings ist trotz der neuen Nato-Erklärung kaum zu erwarten, dass die russische und sowjetische Technik vollständig aus den Nato-Ländern verschwindet. Denn die osteuropäischen Länder entdeckten selbst eine Lücke. Sie entwickelten auf Basis sowjetischer Muster eigene modernisierte Waffen. Die größten Erfolge haben dabei Polen und Tschechien zu verzeichnen. Diese Technik wird wohl kaum ausgemustert, weil sich diese neue Richtlinie nicht auf sie erstreckt.

    Puchow zufolge bezeichnet Polen diese Waffen als eigene Entwicklung: „Einige Nato-Länder bezeichnen mehrere Waffen als nicht-sowjetisch. Polen betrachtet die MiG-29- sowie F-16-Jets als eigene Flugzeuge. Bereits in den 1990er-Jahren kaufte Warschau bei Russland die Lizenz für die Herstellung der Flugabwehrsysteme. Unsere Igla-Systeme wurden „Grom“ genannt. Sie werden auf diese Technik nicht verzichten“, sagte Puchow. Eine ähnliche Situation ist bei den Panzern zu erkennen – der polnische Panzer PT-91 Twardy ist de facto eine modernisierte T72-Version, die von Polen auch früher gegen Lizenz produziert worden war.

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    Tags:
    Kooperation, Rüstung, Einsatz, Technologie, Waffen, F-16, MiG-21, S-400, MiG-29, NATO-Gipfel, G7, NATO, Slowakei, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Polen, Russland, UdSSR
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