02:12 20 Oktober 2018
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    Gayparade vor der Gedächtniskirche in Berlin (Archivbild)

    Westliche Christen zwingen Gott Geschlechtsneutralität auf

    © AFP 2018 / Clemens Bilan
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    Wenn es um das Streben nach Geschlechtergleichheit in den protestantischen Kirchen Europas und Amerikas geht, ist für viele von ihnen die Präsenz von Frauen unter den Geistlichen und selbst in höchsten Kirchenämtern seit langem eine gewöhnliche Sache. Aber wer ist Gott – ein Er, eine Sie oder womöglich ein Es?

    Einige Kirchengruppen rufen dazu auf, sich Gedanken zu folgendem Thema zu machen: Darf Gott weiterhin ausschließlich in männlicher Form bzw. Gestalt erwähnt werden? Derzeit sind die meisten Kirchen nicht zu einer grundlegenden Revision der Kirchentexte im Namen der Geschlechtergleichheit bereit. Doch einige von ihnen machen gewisse Schritte in dieser Richtung. Wie die Zeitung „The Daily Mail“ berichtete, gab es in der amerikanischen Episkopalkirche Debatten zum Gebrauch einiger Pronomen und Bezeichnungen von Gott im „Book of Common Prayer“ (BCP), dem offiziellen Gottesdienstbuch der Kirchenmitglieder.

    Ob das Wort „Gott“ geschlechtsneutral ist und ob man das Gebetbuch ändern soll – diese Fragen wurden von Leitern der Kirche und Theologen bei der letzten Generalversammlung der US-Bischöfe besprochen. Bei der vorherigen Generalversammlung wurden homosexuelle Ehen und Taufen für Transgender erlaubt. Das Abgeordnetenhaus der Generalversammlung verabschiedete eine Resolution, die den Beginn der Revision des BCP zugunsten der sexuellen Minderheiten billigt.

    Laut der Resolution soll die „liturgische, kulturelle, Rassen-, Alters-, sprachliche, Geschlechts-, physische und ethnische Vielfalt der Kirche“ anerkannt werden. Von den Geistlichen stimmten 63 Personen dafür, von den einfachen Mitgliedern 69, also die Mehrheit von beiden Fraktionen. Doch das Dokument muss noch von der oberen Bischofskammer gebilligt werden. Auch der Prozess der sexuellen Revision des BCP wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen – das Transgender-Gebetbuch wird bestenfalls 2030 erscheinen.

    Wie der „Episcopal News Service” berichtet, sind Anhänger der LGBT-Sprache im Gebet der Meinung, dass Gott kein Geschlecht hat und man den Begriff „Sie” (Plural) nutzen soll. Laut Angaben der „Washington Post” greifen einige Prediger bereits zu dieser Praxis. Die Predigerin der Episkopalkirche, Will Gafney, betont in ihren Bibelwissenschaftswerken, dass die Anwendung von geschlechtsneutralen Bezeichnungen für Gott die Gleichberechtigung von Männern und Frauen fördern würde. Aus diesem Grund ändert sie einige Gottesdiensttexte. Sie nennt Gott „Sie“ und ersetzt das Wort „King“ durch geschlechtsneutrale Wörter wie „Governor“. Gafney tut dies, obwohl sie dazu eigentlich die Genehmigung der obersten Kirchenführung braucht.

    verlassene Kirche (Symbolbild)
    © AP Photo / Binsar Bakkara
    Laut „Seattle Time” verbreitete die Episkopalkirche bereits lange vor den Debatten zur sexuellen Reform geschlechtsneutrale Gebetstexte, die die Prediger zusammen mit dem anerkannten Gebetbuch nutzen können. Wie „Newsweek“ berichtete, meint der Bischof von Chicago, Jeffrey Lee, dass diese Materialien die für viele Gläubigen beleidigenden männlichen Gebete ersetzen können, wo Gott nur in männlicher Form dargestellt ist.

    Eine rein männliche Gestalt sei eine nicht vollständige Darstellung Gottes. Nach den Vorwürfen gegen Harvey Weinstein wegen sexueller Belästigung gegenüber Schauspielerinnen posteten zahlreiche Frauen in den sozialen Netzwerken den Hashtag #MeToo – als Zeichen dafür, dass die Besitzerin dieses Accounts ebenfalls ein Opfer von sexuellen Belästigungen ist. Laut Lee bedeutet das für ihn als Pastor, dass man den Forderungen der Frauen zuhören und auf eine rein männliche Bezeichnung Gottes verzichten sollte.

    Die Episkopalkirche ist nicht die einzige religiöse Organisation in den USA, die sich Gedanken um die Nutzung der geschlechtsneutralen Sprache im Gottesdienst macht. „The Washington Post“ schreibt, dass dieses Thema auch die Evangelisch-Methodistische Kirche und die Evangelisch-Lutherische Kirche in den USA bewegt. Amerikanische Reformisten im Judentum veröffentlichten bereits 2007 ein Sammelbuch geschlechtsneutraler Gebete. In Europa ist die Idee der sexuellen Revolution auch nicht neu. Doch bis zur Umsetzung dieser Ideen kommt es in den europäischen Kirchen nur sehr selten. Nach Angaben von „The Guardian” billigte die Generalversammlung der Evangelisch-Lutherischen Kirche Schwedens am 20. Mai die geschlechtsneutrale Fassung des Kirchenbuchs der schwedischen Lutheraner.

    Skandinavische Medien berichteten, dass im neuen Kirchenbuch statt „Han“ (Er) der Gott „Hen“ genannt wird – unbestimmten Geschlechts. Dazu äußerten sich Vertreter der Kirche Schwedens. Die Chefin des Kirchenausschusses für den Gottesdienst, Sofija Pedersen Videke, sagte, dass das Pronomen „Hen“ in der neuen Fassung kein einziges Mal erwähnt wird und das Pronomen „Han“ nur an einer Stelle gelöscht wurde. Ihr zufolge verbietet niemand die Anwendung der gewöhnlichen Begriffe „Er“ bzw. „Gott“. Den schwedischen Geistlichen wurde eine Auswahl aus drei Varianten angeboten, die die Dreifaltigkeit bezeichnen. Neben der traditionellen Formel „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ wurde die geschlechtsneutrale Version „im Namen des Gottes und der Dreifaltigkeit“ eingeführt.

    Änderungen der Gottesdiensttexte wie in Schweden könnte es auch in der Episkopalkirche in den USA geben, falls die Bischofskammer das „sexuell reformierte“ Gebetbuch billigt. Man darf hoffen, dass die Amerikaner und die Schweden nicht so weit kommen, die männliche Nennung von Gott zu verbieten.

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    Tags:
    Toleranz, Gott, Streit, Geschlecht, geschlechtsneutral, Evangelische Kirche, LGBT, Katholische Kirche, Jesus Christi, Europa, USA, Schweden