21:25 13 November 2018
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    Sowjets Soldaten in Afghanistan (Archiv)

    Eklat: Afghanischer Botschafter mit Wissenslücken fordert Entschuldigung von Moskau

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    Das afghanische Volk erwartet von Russland eine Entschuldigung – wegen Fehlern, die die UdSSR vor 40 Jahren angeblich begangen hat. Dies sagte der afghanische Russland-Botschafter Abdul Kayum Kuchai im russischen Parlament. Es ist nicht das erste Mal, dass der Diplomat durch abstruse Erklärungen auffällt, die offensichtlich auf Unwissen basieren.

    Ein Einwurf ohne Beispiel, dafür mit unbegründeten Ansprüchen ist das, was der afghanische Botschafter im russischen Parlament gesagt hat. Bei einem Besuch der LDPR-Fraktion in der Duma erklärte der Diplomat: „Wir rechnen damit, dass Russlands Regierung das afghanischen Volk in gewisser Weise um Entschuldigung bittet … Eine derartige Erklärung wäre einer echten Vertiefung und Festigung unserer Beziehungen zuträglich.“

    Was Russland aus Sicht des afghanischen Botschafters angeblich verschuldet hat, liegt bald 40 Jahre zurück: „Wir sind daran interessiert, dass unsere Beziehungen sich weiterentwickeln, dass einstige Fehler sich nicht wiederholen. Solche Fehler etwa, wie sie 1979 passierten“, sagte Kuchai. In Afghanistan kamen 1978 „linke Kräfte“ an die Macht, „die in Wirklichkeit überhaupt nicht links waren“. Sie seien nur von der Machtgier getrieben gewesen. „Indem sie diese Regierung anerkannte, machte die UdSSR ihren ersten Fehler.“ Die Regierung sei dann auch eine „Marionettenregierung“ gewesen, so der Diplomat.

    Der zweite Fehler der UdSSR sei die Entsendung von Truppen nach Afghanistan 1979 gewesen, fuhr der Botschafter fort. „Über zwei Millionen Afghanen und eine große Zahl sowjetischer Soldaten“ seien infolgedessen gestorben, „die gesamte Infrastruktur des Landes“ sei zerstört worden.

    Eine deutlich wahrnehmbare offizielle Reaktion auf diesen Eklat hat es in Russland nicht gegeben. Der LDPR-Chef Wladimir Schirinowski – für seine wortgewaltigen Auslassungen zur Außenpolitik berühmt – schweigt bislang. Auch das Außenministerium hat sich noch nicht geäußert.

    Der einzige, der die Forderung des afghanischen Botschafters kommentiert hat, ist der Sondervertreter des russischen Präsidenten zu Afghanistan, Samir Kabulow: „Natürlich wird Russland niemanden um Entschuldigung bitten. Die Sowjetregierung erkannte die neue Regierung Afghanistans an und baute ein normales Verhältnis zu ihr auf. Die Truppenentsendung kam später, infolge bestimmter Schritte, die gegen diese Regierung unternommen worden waren. Diese Erklärung stiftet nichts als Aufregung und Verwirrung“, sagte der Sondervertreter im Gespräch mit „Sputniknews“.

    Seit über 40 Jahren ist Samir Kabulow im diplomatischen Dienst tätig. Seit 1983 ist er in Afghanistan eingesetzt, verhandelte in den Neunzigerjahren mit den Taliban, war von 2004 bis 2009 russischer Botschafter in Kabul. Der Hauptgrund, warum es nichts gibt, wofür Russland sich entschuldigen müsste, ist seiner Ansicht nach der, dass die Sowjettruppen damals auf eine Bitte der afghanischen Regierung hin nach Afghanistan entsandt worden waren (auf gleicher Grundlage, auf der russische Truppen heute in Syrien aktiv sind).

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    Neben diesem wichtigen Aspekt gibt es noch etliche gewichtige Gründe, warum die Forderung des afghanischen Diplomaten ins Leere läuft. Denn damals unterstützte Moskau nicht nur die legitime afghanische Regierung, sondern leistete auch humanitäre Hilfe für das afghanische Volk. Es war die Sowjetunion, die den Bau von Straßen und Betrieben in Afghanistan finanzierte – und Forschung im Lande vorantrieb: Der erste und einzige afghanische Raumfahrer wurde mit sowjetischer Unterstützung in den Erdorbit geschickt, zur Weltraumstation „Mir“.

    Die Hilfe der Sowjets war lang vor dem Einmarsch der Truppen nach Afghanistan gekommen und blieb dort noch einige Zeit nach deren Abzug. Mit anderen Worten: Die russischen Barbaren brachen in die Bergdörfer von Afghanistan herein und hinterließen dort nichts als Städte, Bibliotheken und Universitäten. Und Schulden: Elf Milliarden US-Dollar hätte die afghanische Regierung der damaligen Sowjetunion und später Russland zahlen müssen – bis die russische Führung diese Schulden 2007 einfach annullierte.

    Die Sowjetunion zerstörte die Infrastruktur Afghanistans nicht, sie baute sie auf. Zerstört wurde sie von den Mudschaheddin, mit aktiver Unterstützung aus Pakistan und den Vereinigten Staaten. Und seit dem 11. September 2001 herrscht in dem Land Bürgerkrieg, mit tatkräftiger Beteiligung der Nato-Truppen. Die Infrastruktur wird aufgebaut und augenblicklich wieder zerstört. Die USA greifen regelmäßig auch zivile Objekte an – wofür sie sich bisweilen sogar wirklich entschuldigen.

    Der Vorwurf des afghanischen Botschafters an Russland ist insofern abwegig. Aber es ist nicht seine erste Anklage dieser Art. Es seien die Russen und die tadschikische Mafia, die hinter dem Drogenanbau in Afghanistan steckten, sagte Abdul Kayum Kuchai in einem Interview im Januar letzten Jahres. Im selben Interview unterstellte er Russland auch noch, die ehemalige Sowjetrepublik Tadschikistan kolonisiert zu haben: „Tadschikistan ist ein kleiner Staat, wo weniger als fünf Millionen Menschen leben, von denen eine Million Russen sind. Die Kultur in diesem Land ist russisch, Russisch ist auch die Amtssprache. Die Tadschiken haben nicht mal das Recht, in ihrer eigenen Sprache zu schreiben, sie haben sogar ihre Schrift verändert“, sagte der Botschafter.

    Auffällig ist, dass der afghanische Botschafter sich bei seiner Einschätzung längst veralteter Daten bedient. Weniger als fünf Millionen Menschen lebten in Tadschikistan vor 1988 – heute sind es über neun Millionen, trotz aller Bürgerkriege und der Arbeitsmigration nach Russland und in die anderen GUS-Staaten. Von den einstigen fünf Millionen waren rund 400.000 – also keine halbe Million – Russen. Die meisten von ihnen verließen das Land 1992, nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges. Heute leben in Tadschikistan höchstens 35.000 russischstämmige Bürger.

    Was die Landessprache angeht: Die Tadschiken schreiben auf Tadschikisch, aber in kyrillischer Schrift. Etwa so wie die Afghanen keine eigenen, sondern die persischen Buchstaben nutzen, um das Dari in Schrift zu fassen.

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    Jedenfalls wurden nach diesem Interview Forderungen nach Abzug des Botschafters aus Russland laut. Ein afghanischer Abgeordneter sagte der russischen Zeitung „Iswestija“: „Die Aussagen von Herrn Abdul Kuchai sind inakzeptabel. Tadschikistan und Russland sind einige der Länder, die Afghanistan besonders nahestehen. Wir haben sehr gute Beziehungen zu diesen Staaten. … Die Aussagen des Herrn Botschafters geben seine persönliche Meinung wieder. Es handelt sich dabei weder um die Position des afghanischen Staates noch des Parlaments noch des afghanischen Volkes.“

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    Entschuldigung, Forderung, Truppen, Einmarsch, Eklat, LDPR, Samir Kabulow, Wladimir Schirinowski, USA, UdSSR, Afghanistan, Russland