12:46 12 Dezember 2018
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    Recep Tayyip Erdogan in Kreml während Moskau-Besuchs (Archivbild)

    Nordsyrien: Härtetest für Schulterschluss von Putin und Erdogan bahnt sich an

    © Sputnik / Sergej Guneew
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    Ein kleineres IS-Nest im Südwesten Syriens muss noch zerschlagen werden, dann richten Damaskus und seine Verbündeten ihr Vorgehen auf die Provinz Idlib im Norden des Landes aus – zumindest zeichnet sich das gegenwärtig deutlich ab. Eine Offensive in der nordsyrischen Region könnte aber das Verhältnis zwischen Moskau und Ankara belasten.

    Syrische Regierungstruppen kommen in der Großoffensive gegen Terroristen in der Provinz Deraa weiter voran. Etliche Terrorgruppen haben bereits kapituliert, andere – verhandlungsunwillige – Einheiten werden in die Provinz Idlib im Norden Syriens gebracht. Dort befindet sich die letzte der vier Deeskalationszonen, die sowohl zwischen Russland, den USA und Jordanien ausgehandelt als auch im Friedensprozess von Astana vereinbart wurden (Moskau, Ankara und Teheran wirken in diesem Format als Garantiemächte).

    Eine Offensive der syrischen Regierungstruppen gegen die Dschihadisten fand in der Region Idlib wie auch in den angrenzenden Provinzen Hama und Aleppo bereits Anfang dieses Jahres statt. Dabei ist es gelungen, die Terroristen von vielen ihrer Stellungen zu vertreiben und einen strategisch wichtigen Militärflugplatz östlich der Stadt Idlib zurückzuerobern.

    Anschließend haben Russland, die Türkei und der Iran Beobachtungsposten in der Region eingerichtet, um – wie im Astana-Format vereinbart – die Einhaltung der Waffenruhe zu überwachen. Seither ist die Lage in diesem Gebiet relativ stabil. Nur deutet einiges darauf hin, dass es problematisch sein wird, die Situation in Idlib auf militärischem Weg zu regulieren.

    Familienbanden

    Das Schwierige an dieser Provinz ist, dass sich in der dortigen Deeskalationszone verhandlungsunwillige Dschihadisten aufhalten, die aufgrund von Waffenstillstandsvereinbarungen aus den Regionen Ost-Ghuta, Hama, Homs und eben Deraa dorthin gebracht wurden.

    Tausende Extremisten befinden sich in der nordsyrischen Region. Davon abgesehen ist die Provinz Idlib gleichermaßen das Ursprungsgebiet der Al-Nusra-Front, einer der radikalsten Terrorbanden im Syrienkrieg.

    Das allein wäre für die syrischen Regierungstruppen und die russische Luftwaffe kein Problem, denn sie haben im Verlauf des Konflikts ausreichend Erfahrung in der Bekämpfung von Terroristen gesammelt. Das Problem besteht vielmehr darin, dass zusammen mit den Extremisten auch deren Familien nach Idlib evakuiert wurden.

    Die Familienangehörigen als Zivilisten zu bezeichnen, wäre sicherlich eine Verharmlosung, kam es laut Beobachtern doch häufig vor, dass zehn- und zwölfjährige Söhne der Dschihadisten den gefangenen syrischen Soldaten ebenso gekonnt die Köpfe abschnitten wie ihre Väter.

    Dieser Tatsache zum Trotz würde ein Waffeneinsatz syrischer und russischer Streitkräfte mit Sicherheit eine Lawine an Kritik gegen Damaskus und Moskau auslösen – zumal die Rückeroberung Idlibs faktisch die vollständige Zerschlagung der Terroristen in Syrien bedeuten würde.

    Türkische Barrieren

    Noch haben die syrischen Regierungstruppen den Süden des Landes nicht vollends unter Kontrolle gebracht – da macht sich die Türkei schon für das weitere Vorgehen im Norden des Landes fertig. Kürzlich haben Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan telefoniert.

    Dabei hat der türkische Staatschef, wie Medien unter Berufung auf vertraute Quellen berichten, auf die Vereinbarungen von Astana verwiesen: Eine mögliche Offensive syrischer Truppen, begleitet von Luftschlägen „gegen Zivilisten“, würde diese Vereinbarungen in der Substanz treffen, so Erdogan.

    Nur eine beiläufige Floskel? Sicherlich nicht. Später hat ein ranghoher Berater des türkischen Präsidenten im Gespräch mit einer arabischen Zeitung die Haltung Erdogans zu Idlib bestätigt. Dass die nordsyrische Region für Ankara von so großer Bedeutung ist, überrascht nicht.

    Die Provinz grenzt im Nordwesten an die Türkei und im Norden an jene syrischen Gebiete, die die türkischen Truppen bei der Großoffensive „Olivenzweig“ gegen die Kurden besetzt haben. Zudem halten sich in der Deeskalationszone von Idlib zahlreiche Gruppen der sogenannten bewaffneten Opposition auf, die von Ankara kontrolliert werden.

    Bei dieser Sachlage könnte eine Offensive in der Region die fortschreitende Zusammenarbeit zwischen Moskau und Ankara belasten. Dass aber Terroristen in Idlib bleiben könnten, ist für Moskau eine offenkundig missliebige Variante. Unter anderem weil der russische Stützpunkt Hmeimim bereits mehrmals (erfolglos) von Drohnen angegriffen wurde, die im Norden der Provinz Latakia starteten, die wiederrum Teil der Deeskalationszone ist.

    Allerdings stehen die Zeichen gegenwärtig auf eine friedliche Regulierung der Lage in Idlib. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Evakuierung von Zivilisten aus den Städten Fua und Kafraja. Mehrheitlich von Schiiten bewohnt, wurden diese Städte von den Extremisten der Al-Nusra-Front und anderer Terrorbanden lange Zeit belagert – jetzt können die Einwohner erleichtert aufatmen.

    Aber: Im Gegenzug musste Damaskus laut Medienberichten rund 1500 gefangene Rebellen freilassen. Ohne die Vermittlung Moskaus und Ankaras hätte eine derartige Vereinbarung nicht erzielt werden können, berichten mehrere arabische Medien.

    Zugleich heißt es, Ankara habe Moskau ein Whitepaper zukommen lassen: Ein Positionspapier, in dem die türkische Führung darlegt, wie sie die Möglichkeiten einer Regulierung in der Deeskalationszone von Idlib sieht.

    Einer der verbindlichen Punkte des Papiers ist die Wiederaufnahme von ungehindertem Verkehr auf der strategisch wichtigen Straßenverbindung zwischen der syrischen Hauptstadt und der nordsyrischen Metropole Aleppo. Zudem ruft die Türkei in dem Schreiben alle bewaffneten Einheiten – auch die Terrorgruppen – dazu auf, an einer „gemeinsamen Konferenz“ teilzunehmen, um die möglichen weiteren Entwicklungen in der syrischen Region zu besprechen.

    Auf dieser Konferenz würde Ankara von den Guerillas verlangen, dass sie ihre schweren und mittelschweren Waffen abgeben. Aus den übriggebliebenen zersplitterten Gruppen würde eine Nationalarmee gebildet. Außerdem würde eine der Türkei unterstehende Behörde geschaffen, die die Versorgung der Ortschaften in der Deeskalationszone sicherstellen soll. 

    Moskau müsste demnach im Gegenzug garantieren, dass Damaskus keine Offensive in Idlib startet. Und in gewisser Weise könnte das türkische Positionspapier – sofern denn die Medienberichte stimmen und dieses Dokument tatsächlich existiert – den Interessen Moskaus entgegenkommen. Die russische Führung hat bereits mehrmals dazu aufgerufen, eine Entflechtung von Terroristen und bewaffneter Opposition vorzunehmen.

    Wenn es dann auch noch gelingt, die Terroristen zur Abgabe ihrer schweren und mittelschweren Waffen zu bewegen, wäre ein in der Tat großer Durchbruch erzielt. Was jedoch beunruhigen muss, ist der Umstand, dass der türkische Vorschlag die Rückkehr der Provinz Idlib unter die Kontrolle der rechtmäßigen syrischen Regierung hinauszögern würde.

    Dabei hat Ankara gemeinsam mit Moskau und Teheran beim letzten Treffen in Ankara im Mai dieses Jahres noch bestätigt: Die Einrichtung von Deeskalationszonen sei eine „zeitlich begrenzte Maßnahme“ und werde keinesfalls „die Souveränität, die Unabhängigkeit, die Einheit und die territoriale Integrität Syriens“ gefährden.

    Eines bleibt festzuhalten: Die weitere Entwicklung der Lage in Idlib wird gegenwärtig in den Medien diskutiert, deren Berichte auf geleakten Infos basieren. Konkrete Fortschritte sind aber auch zu erkennen, siehe die Vereinbarungen zu Fua und Kafraja. Weitere Schritte sind für die Zeit nach dem nächsten Treffen im Astana-Format zu erwarten, das noch in diesem Monat in Sotschi stattfinden soll.

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    Tags:
    Deeskalationszonen, Konfliktregelung, Vereinbarungen, Konfliktlösung, Gefahr, Verhandlungen, Konflikt, Eskalation, Kurden, Al-Nusra-Front, Recep Tayyip Erdogan, Wladimir Putin, Nordsyrien, Idlib, Jordanien, Türkei, Iran, Syrien, USA, Russland