12:00 19 November 2018
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    Manuelle Maßarbeit für Nord Stream 2

    Kuhhandel: Deutschland kauft Nord Stream 2 frei – mit Flüssiggas aus USA

    © Foto: Nord Stream 2 / Wolfram Scheible
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    Wirtschaftlich betrachtet braucht Deutschland keins, baut aber eins: Im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel, direkt am Nord-Ostsee-Kanal, soll bald ein LNG-Terminal entstehen, wie das „Handelsblatt“ berichtet. Für Berlin ist der Bau der Flüssiggasanlage vor allem ein politisches Vorhaben.

    In Europa sind in den letzten Jahren viele Flüssiggas-Terminals entstanden. Doch was hat man davon? Ausgelastet sind die Anlagen zu weniger als einem Drittel, die restlichen Kapazitäten stehen leer und kosten Geld. 235 Milliarden Kubikmeter verflüssigtes Erdgas (LNG) könnten alle europäischen Terminals zusammen gegenwärtig aufnehmen – 55 Milliarden Kubikmeter hat die EU im vergangenen Jahr tatsächlich bezogen.

    Nun soll auch Deutschland einen LNG-Hafen erhalten, wie „Handelsblatt“ schreibt. Die Agentur „Bloomberg“ hat im April dieses Jahres berichtet, eine Anlage dieser Art solle in der Nähe von Hamburg gebaut werden. 600 Millionen Dollar soll der Terminal laut der Agentur kosten und nach Fertigstellung bis zu fünf Millionen Tonnen Flüssiggas aufnehmen können. 2019 schon sollen die Bauarbeiten beginnen, sodass der Betrieb 2022 starten könne.

    Wirtschaftlich gesehen gibt es für Deutschland keinen einzigen Grund auch nur einen LNG-Terminal anzulegen. Ein Blick ins benachbarte Polen oder nach Litauen genügt, um aus dem mäßigen Erfolg der Nachbarn zu lernen. Die beiden Länder haben ebenfalls Flüssiggas-Terminals gebaut, die sie bis heute nicht auslasten können. Aus einem ganz banalen Grund: Verflüssigtes Erdgas ist teurer als Pipeline-Gas.

    „Dieser Schritt ist für Deutschland eine reine Formalie, um im Klub der LNG-Fans nicht aufzufallen“, sagt der Marktanalyst Igor Juschkow von der Stiftung für nationale Energiesicherheit (FNEB). „In der EU gibt es ja ein Mantra: Hast du ein LNG-Terminal gebaut, muss Gazprom dir preislich entgegenkommen, also hast du das Monopol gebrochen. In Wirklichkeit aber ist so etwas nur eine Einbildung.“

    Das Flüssiggas aus den USA ist weiterhin teurer als das Erdgas von Gazprom, das über Pipelines nach Deutschland geliefert wird. Auch hat sich die Vorstellung mancher Länder, mit dem Transit von LNG ein Geschäft machen zu können, bisher nicht bestätigt. Polen und Litauen haben gehofft, durch den Bau von Flüssiggas-Terminals zu „Gas-Hubs“ in Osteuropa zu werden – also nicht nur den eigenen Gasbedarf zu decken, sondern auch am Gasexport in die Nachbarländer zu verdienen.

    Bislang aber ist der einzige Abnehmer von US-Flüssiggas in Litauen ein Staatsunternehmen, das nur auf Druck der Regierung einen Langzeitvertrag mit dem Lieferanten geschlossen hat. Weitere Kunden haben sich nicht gefunden. LNG lohnt sich ja auch nicht, wenn günstigeres Pipeline-Gas gleich um die Ecke zu haben ist.

    Für die litauische Firma war das ein Minusgeschäft, doch die Regierung hat das Schlimmste durch ein Gesetz verhindert, das alle Abnehmer dazu verpflichtet, bestimmte LNG-Mengen beim Staatsunternehmen zu kaufen. Es greifen also nicht-marktwirtschaftliche Druckmittel – und nur deshalb arbeiten die Terminals überhaupt noch.

    „Wäre es ein fairer Wettbewerb – frei von Doppelstandards –, würde Gazprom sich gegen seine Konkurrenten durchsetzen. Aber dem russischen Unternehmen legt man Steine in den Weg, während man für seine Wettbewerber vorzügliche Rahmenbedingungen schafft“, sagt der Experte Juschkow.

    Dabei baut Gazprom auch einen LNG-Terminal, in der russischen Exklave Kaliningrad. „Den braucht Kaliningrad aber auch, um die eigene Energieversorgung zu sichern, weil es ein Ausfallrisiko gibt, wenn Pipeline-Gas über Litauen in die russische Region geliefert wird“, erklärt der Analyst. „Im Falle Deutschlands aber ist die Notwendigkeit eines solchen Terminals mehr als fraglich.“

    Wozu soll dann der künftige LNG-Hafen in Brunsbüttel für Deutschland gut sein? Das „Handelsblatt“ spricht da von politischen Motiven. Die Flüssiggasanlage in Schleswig-Holstein könne das Argument des Weißen Hauses entkräften, dass Deutschland vom russischen Gas zu abhängig sei und sich gegen amerikanisches Gas sperre.

    Für Donald Trump ist Nord Stream 2 ein echter Dorn im Auge. Der US-Präsident setzt allerlei Druckmittel gegen EU-Länder ein, um sie zu zwingen, flüssiges Erdgas abzunehmen. Mit Polen ging das ja auch gut, Deutschland aber ist ein weitaus stärkerer Gegner: Berlin hatte sich gewehrt. Und dann ließ Trump durchblicken (nach dem Treffen mit Putin), dass es womöglich doch keine Sanktionen gegen Nord Stream 2 geben werde.

    So einfach wird die US-Führung den europäischen Gasmarkt aber sicherlich nicht aufgeben: „Deutschland könnte genötigt werden, einen nutzlosen LNG-Terminal zu bauen. Aber das wird dann auch nur ein Projekt, um endlich in Ruhe gelassen zu werden. Das heißt, Berlin zahlt 500-600 Millionen Dollar im Gegenzug für den Nord Stream 2“, so der Marktexperte Juschkow.

    Im Grunde ist das kein allzu hoher Preis. Zumal der Terminal künftig wirklich gebraucht werden könnte, um den EU-Anforderungen zu entsprechen, wonach ein Abnehmerland über drei Lieferländer verfügen müsse. Deutschland entspricht dieser Richtlinie auch ohne den LNG-Hafen: Es erhält Erdgas über Pipelines aus Russland, Norwegen und den Niederlanden.

    Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (l.) und US-Präsident Donald Trump in Brüssel
    © AP Photo / Pablo Martinez Monsivais
    Nur könnte es sein, dass die niederländischen Erdgas-Felder in fünf Jahren schon leer sind. Dann wird das Land zu einem Gas-Importeur, sodass Deutschland seinen Flüssiggas-Terminal als dritte Bezugsquelle gebrauchen könnte. Eine Gefahr für Gazprom und Nord Stream 2 wäre das aber nicht. Denn außer dem Preis – und Deutschland erhält russisches Gas zum niedrigsten Tarif überhaupt – sind auch die Liefermengen und die Zuverlässigkeit entscheidend.

    Die Kapazitäten der Terminals sind mit jenen der russischen Pipelines überhaupt nicht vergleichbar. Allein Nord Stream 2 liefert 55 Milliarden Kubikmeter – so viel verflüssigtes Erdgas hat Europa insgesamt im letzten Jahr bezogen. Und außerdem: Stabilität und Flexibilität der Lieferungen können Gastanker nicht bieten – auch hier sind Pipelines die bessere Lösung.

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    Tags:
    LNG, Gaslieferungen, Gaspipeline, Nord Stream 2, Gazprom, Donald Trump, Wladimir Putin, Osteuropa, Schleswig-Holstein, Europa, Niederlande, Litauen, Polen, USA, Russland