21:34 16 November 2018
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    Feldmarschall Chalifa Haftar (l.) grüßt seine Truppen in Bengasi

    90 Prozent Libyens unter Kontrolle: Wer ist der neue Muammar, Vater der Nation?

    © AFP 2018 / Abdullah Doma
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    Die Libysche Nationale Armee will 90 Prozent des Territoriums des Landes unter ihre Kontrolle genommen haben. Wenn das wirklich so ist, dann könnte Feldmarschall Chalifa Haftar zum neuen „Gaddafi“ (sprich zum neuen „Vater der Nation“) werden, und dann könnte der inzwischen sieben Jahre dauernde Bürgerkrieg ein Ende finden, schreibt Wsgljad.

    Ob diese Behauptungen aber der Wahrheit entsprechen, ist fraglich.

    Historisch besteht Libyen de facto aus drei kulturell und ethnisch unterschiedlichen Gebieten: dem westlichen (Tripolitanien), dem östlichen (Kyrenaika) und dem südlichen (Fezzan).  Jeder Libyer identifiziert sich vor allem als zu einem gewissen Stamm zugehörig, dann zu einer der drei Regionen und erst dann als Bürger seines Landes. 

    Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 zerfiel Libyen faktisch in drei Teile, wo diverse bewaffnete Kräfte das Sagen haben, die oft nach dem ethnischen bzw. Stammesprinzip entstanden. Im Süden brach ein blutiger ethnischer Konflikt zwischen den Berbern und den Tubu aus.

    In Tripolitanien sitzt die von der Uno als einzige legitime Macht anerkannte Regierung der nationalen Einheit mit Fayiz as-Sarradsch an der Spitze, die aber nicht einmal die Hauptstadt Tripolis vollständig kontrolliert. Sarradsch steht das Parlament in Tobruk gegenüber, das die Regierung der nationalen Einheit nicht akzeptiert.

    In Kyrenaika, wo die Einwohner überwiegend islamisch sind, sind radikale extremistische Gruppierungen wie al-Qaida und IS aktiv. Gegen sie kämpft Haftar.

    Haftar selbst stammt aus Kyrenaika und gehört dem einflussreichen Stamm Firdschan an. Er beteiligte sich am Machtsturz 1969 und war ein enger Mitstreiter Muammar al-Gaddafis. In den 1990er-Jahren zerstritten sie sich allerdings, und Haftar musste das Land verlassen.

    Sein Leben ist paradoxerweise gleichermaßen mit den beiden Teilnehmern des Kalten Krieges verbunden – der Sowjetunion und den USA. Haftar studierte in der UdSSR und spricht ziemlich gut Russisch. Allerdings lebte er nach seiner Flucht aus Libyen fast 20 Jahre in Amerika. Europäische Medien behaupteten sogar, Haftar wäre CIA-Agent, was er jedoch bestritt.

    Nach Gaddafis Sturz gründete der Feldmarschall mithilfe Ägyptens die Libysche Nationale Armee. Formell ist sie dem Parlament in Tobruk untergeordnet, aber de facto wird sie nur von Haftar selbst kontrolliert. In den letzten Jahren positionierte er sich als Verbündeter Russlands, doch niemand kann garantieren, dass dies im Falle seiner Machtübernahme auch weiter so bleiben wird.

    Libyen
    © REUTERS / Esam Omran Al-Fetori
    Es ist übrigens nicht auszuschließen, dass LNA-Vertreter ihre Erfolge übersteigern. Denn von der Eroberung Bengasis, der Hauptstadt Kyrenaikas, hatten Haftars Streitkräfte noch vor einem Jahr berichtet, aber in Wirklichkeit konnten sie die Stadt erst in diesem Sommer unter ihre Kontrolle nehmen.

    Der frühere Botschafter Russlands in Libyen Weniamin Popow zweifelt daran, dass die LNA tatsächlich den größten Teil des Landes unter ihrer Kontrolle hält. „Libyen ist ein riesiges Territorium, dessen größter Teil in der kaum besiedelten Wüste liegt. Im Süden kann überhaupt niemand etwas kontrollieren – dort gibt es andere Kräfte, andere Stämme“, betonte der Diplomat.

    Diese Behauptungen führt er auf einen möglichen politischen Handel zurück, der mit der für Dezember angesetzten Präsidentschaftswahl verbunden sein könnte. Daran wird sich voraussichtlich Haftar beteiligen, und Frankreich soll dafür etwa 80 Millionen Euro versprochen haben, damit er dem Bürgerkrieg ein Ende setzt. Dieses Geld hat Haftar jedoch noch nicht bekommen.

    Aber jedenfalls ist die Libysche Nationale Armee richtig stark und könnte 60 000 bis 70 000 Kämpfer zählen. Außer Zweifel steht auch, dass Haftar mehrere Ölterminals in verschiedenen Regionen des Landes kontrolliert. Ihm sind größere Territorien in ganz Libyen, darunter das ganze Kyrenaika, unterstellt.

    Der Präsident der Gesellschaft für Freundschaft und Geschäftskooperation mit arabischen Ländern, Wjatscheslaw Matusow, ist überzeugt, dass Libyens Zukunft mit der Libyschen Nationalen Armee verbunden sei. Nach seinen Worten traf er sich unlängst in Tunesien mit Vertretern verschiedener libyscher Stämme, und diese neigen dazu, dass es im Land eine starke zentrale Macht geben soll. Diese sollte gerade Haftars Armee werden, so der Experte.

    Für Russland ist es notwendig, dass die politische Macht wiederhergestellt wird, damit sich dieses Land nicht endgültig in ein Nest von Terroristen verwandelt, die aus Syrien gerade nach Libyen flüchten“, so Matusow. Deshalb sei Russland, wie auch die ganze Welt, an einer nationalen militärpolitischen Konsolidierung der Macht in diesem Land interessiert. „Die politische Basis bildet das Parlament, und die militärische Basis ist die LNA. Ich denke, am Ende werden das sowohl die Italiener als auch die Franzosen und die Amerikaner einsehen.“

    Wichtig ist aber auch, dass Libyen ein ölreiches Land ist. Dennoch sollte man diesen Faktor nicht überbewerten, findet Experte Popow. Libyens Ölreserven seien nicht so groß, dass ihre Erschließung die Preise auf dem Weltmarkt beeinflussen könnte.

    Enorm wichtig ist allerdings, dass gerade durch Libyen die Wege der illegalen Migration aus Afrika und dem Nahen Osten nach Europa führen.

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    Tags:
    Vereinigung, Terroristen, Terrorbekämpfung, Zerfall, Bürgerkrieg, LNA, Terrormiliz Daesh, Pentagon, Al-Qaida, CIA, EU, NATO, Chalifa Haftar, Muammar al-Gaddafi, Tobruk, Sowjetunion, Europa, Nordafrika, Italien, Libyen, USA, Frankreich, Moskau, Russland