12:51 16 November 2018
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    Kampfjet MiG-29 der sowjetischen Luftstreitkräfte (Archivbild)

    Seit Kaltem Krieg im Einsatz: Wer beherrscht den Kampfjet-Markt der Zukunft?

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    Jagdflugzeuge sind seit den Anfängen der Luftfahrt die am schnellsten alternde Flugzeugklasse überhaupt. Kein Wunder: Ihr Leben ist ein ständiger Wettkampf – ein Zurückbleiben (ob in puncto Flugeigenschaften oder Bewaffnung) muss dabei buchstäblich mit dem Leben bezahlt werden. Doch es gibt Veteranen, die sich die Zukunft erkämpft haben.

    Im Zeitalter der Weltkriege alterten Jagdflugzeuge prompt: Ein bis höchstens zwei Jahre nach dem Produktionsstart musste mindestens eine PS-stärkere und am besten noch schwerer bewaffnete Version her.

    Auch die Jahre, die die ersten Düsenjäger der Nachkriegszeit im Einsatz blieben, ließen sich an einer Hand abzählen. Die sehr erfolgreiche und massenweise gebaute MiG-15 etwa schied nach nur vierjähriger Dienstzeit als Jagdflugzeug aus. Aber: Mit jeder neuen Generation der Kampfjets stieg auch deren Lebenserwartung.

    Der sowjetische Abfangjäger MiG-21
    © Sputnik / Wladimir Perwenzew
    Der sowjetische Abfangjäger MiG-21

    Die MiG-21 wurde in der UdSSR ganze 26 Jahre lang gebaut; in der Volksrepublik China wurden die Kopien des legendären Jägers bis 2013 (!) in Serie produziert. Deren US-amerikanische Gegnerin am Himmel über Vietnam und Nahost – die F-4 Phantom II – hielt sich 20 Jahre in der Serienfertigung.

    Dies hatte viele Gründe. Die Flugzeuge wurden immer komplexer und teurer, die Optimierungsmöglichkeiten bei den Flugeigenschaften erreichten ihre natürlichen Grenzen, deren Überwindung gemessen am Ergebnis inakzeptable Kosten verursacht hätte.

    Erst mit der 4. Kampfjet-Generation – der letzten des Kalten Krieges – schien ein Durchbruch gelungen zu sein. Trotz des respektablen Alters und der serienreifen Nachkommen weigern sich die in den 1970er Jahren entwickelten Jäger bis heute beharrlich, in Rente zu gehen.

    Falken, Adler und Stürmer

    Am 18. August 1978 wurde in Texas in einer feierlichen Zeremonie die erste F-16 Falcon an die US Air Force übergeben. Die Neuentwicklung des US-Konzerns General Dynamics hatte die Konkurrenz bei einer Ausschreibung für einen günstigen und agilen Kampfjet hinter sich gelassen. Der neue Fighter sollte zusammen mit der schwereren F-15 die Luftüberlegenheit für die USA nach den bitteren Erfahrungen des Vietnamkriegs zurückerobern.

    Die Aussichten der F-16 waren blendend – nicht nur bei der Air Force, auch bei US-Verbündeten. Der iranische Schah bestellte ganze 160 Maschinen mit einer Option auf weitere 140 Stück, wenige Tage davor hatte Israel 75 Flugzeuge geordert (zwar im Rahmen der Rüstungshilfe, aber welchen Unterschied macht es für den Hersteller schon, wer die Flugzeuge am Ende bezahlt).

    Dass rund 40 Jahre später auf der britischen Luftfahrtmesse in Farnborough verkündet wird, das Jagdflugzeug erlebe ein echtes Revival, das hätte sich 1978 in Texas bestimmt niemand vorstellen können.

    Aber es ist so: Innerhalb eines halben Jahres seien 30 Bestellungen für die neue Version der Falcons, für die F-16V, eingegangen. Insgesamt sei mit 200 Bestellungen für den neuen alten Jäger zu rechnen, erklärte der für das F-16-Programm bei nunmehr Lockheed Martin verantwortliche Manager.

    Das allein würde die Serienfertigung der F-16V bis 2030 sichern. Den noch zu vergebenden Mega-Auftrag aus Indien über 110 Kampfjets nicht eingerechnet, den der Flugzeugbauer aus den USA durchaus noch an Land ziehen könnte.

    Was ist in den zurückliegenden 40 Jahren passiert, dass sich die Dinge so entwickelt haben? Die Welt hat sich verändert und mit ihr auch die Flugzeuge. Der Wettstreit der USA und der Sowjetunion ging zu Ende: Ein schwerer Schlag für die Entwicklungsprogramme der 5. Kampfjet-Generation.

    In der neuen Ära der lokalen Kriege hat sich gezeigt, dass die letzten Jets aus dem Kalten Krieg mit den neuen Anforderungen bestens fertigwerden. Der Kampfeinsatz der F-22A beschränkt sich bisher auf einige wenige rein demonstrative Lenkbombenabwürfe auf Terroristenstellungen in Syrien und Afghanistan. Wobei offenkundig ist, dass eine F-16 einen solchen Auftrag zumindest nicht schlechter erfüllen kann.

    Dies liegt an dem langen Weg, den die äußerlich nahezu unveränderten Kampfjets der 4. Generation bei ihrer Entwicklung zurückgelegt haben. Bei technischen und „biologischen“ Parametern (die Belastungs- und Anforderungsgrenzen eines durchschnittlichen Piloten) hatten die Maschinen ihre Möglichkeiten fast ausgereizt – bei der Bewaffnung und den Bordsystemen war aber noch Spielraum nach oben vorhanden.

    Die erste F-16 war mit einem ziemlich schwachen Radar ausgerüstet, Luft-Luft-Raketen mittlerer Reichweite konnte der Jäger überhaupt nicht einsetzen – was damals schon nicht mehr zeitgemäß war. Erst recht konnte von Präzisionswaffen zur Bekämpfung von Bodenzielen keine Rede sein.

    Die heute angebotenen Versionen kommen mit einem leistungsstarken Aktiven Phased-Array-Radar daher, können bis zu zehn Luft-Luft-Raketen aufnehmen, einschließlich solcher mit 100 Kilometern Reichweite, Lenkbomben und —raketen gehören zur Standardbewaffnung und die Ziele dafür findet der Kampfjet selbstständig mit speziellen Zielsuchmodulen.

    Kampfjets F-15 Eagle auf der Militärbasis Nellis (Archivbild)
    © Foto : U.S. Air Force/ Lorenz Crespo
    Kampfjets F-15 Eagle auf der Militärbasis Nellis (Archivbild)

    Eine ähnliche Metamorphose hat auch die F-15 durchgemacht: Als Luftüberlegenheitsjäger konzipiert, lebt der Kampfjet heute als „Strike Eagle“ – ein auf den Bodenkampf ausgerichteter Jagdbomber – weiter.

    Die US Air Force ist mit dieser Maschine so zufrieden, dass sie die eigens für den taktischen Bombereinsatz entwickelte F-111 ersatzlos ausgemustert hat. Um einen Vergleich mit der russischen Luftwaffe zu ziehen: Das ist so, als hätten die Russen ihre Su-24-Bomber abgeschrieben und keine Su-34 entwickelt, sondern stattdessen allein auf die Su-30 gesetzt.

    Die amerikanische F-15 wird heute teilweise von der F-35 bedrängt. Doch wenn es nicht um die Stealth-Eigenschaften, sondern um die pure Schlagkraft geht, ist der „Strike Eagle“ nach wie vor konkurrenzlos. Bis zu 22 Luft-Luft-Raketen tragen die Exportvarianten der Maschine – die F-15SA und F-15QA – für die Luftwaffe von Saudi-Arabien respektive Katar. Auch mit neuem Cockpit, neuer Steuerung und neuer Elektronik sind die Kampfjets ausgerüstet.

    Mit der Auslieferung gegenwärtig vorliegender Bestellungen wird der Hersteller noch bis 2022 beschäftigt sein. Wenn Katar dann auch noch seine Option für weitere 36 Maschinen einlöst, wird die F-15 insgesamt über ein halbes Jahrhundert in Serie gefertigt.

    Und wie läuft es in Russland? In den schwierigen 1990er Jahren fielen die russischen Rüstungsprogramme in ein bodenloses Loch: Der Staat beschaffte für seine Armee praktische keine neue Ausrüstung mehr – Abnehmer fanden Russlands Rüstungsfirmen nur auf internationalen Märkten.

    Was in einer Katastrophe hätte enden können, wurde jedoch zur Grundlage für die künftige Entwicklung. Russische Flugzeugbauer schufen praktisch aus eigener Kraft einen russischen „Strike Eagle“: die Su-30, eine Weiterentwicklung der Su-27 „Flanker“.

    Russischer Kampfjet Su-30 auf dem Stürzpunkt Hmeimim in Syrien
    © Sputnik / Maxim Blinov
    Russischer Kampfjet Su-30 auf dem Stürzpunkt Hmeimim in Syrien

    Mit dieser Maschine erreichte Suchoi Absatzzahlen, die in dieser Flugzeugklasse schon erstaunlich sind: 272 Jäger gingen allein nach Indien (einschließlich der lokalgefertigten Jets), weitere 250 Stück wurden in andere Länder exportiert.

    Als Su-30SM fliegt dieser Kampfjet bei der russischen Luftwaffe und den Marinefliegern. 116 Stück sind allein im letzten Rüstungsbeschaffungsprogramm gekauft worden. Außerdem wird die Maschine quasi zum „Standardjäger“ der OVKS: Weißrussland und Kasachstan beschaffen die Su-30SM ebenfalls.

    Dieser Erfolg hat die finanzielle Grundlage für die Entwicklung der Su-35S gelegt. Der Unterschied in den Fähigkeiten zwischen der ersten „Flanker“ und der gegenwärtigen Version ist mindestens so groß wie die Kluft zwischen der ersten und der letzten Modifikation der F-16-Familie.

    Die Su-35 verfügt über das leistungsstärkste Radar ihrer Klasse, über neue Elektronik, neue Optronik, neues Glascockpit, neue Bewaffnung. Ihre Flugeigenschaften wurden dabei – anders als bei den US-amerikanischen Kollegen – verbessert, nicht zuletzt kraft der Schubvektorsteuerung.

    98 Maschinen haben die russischen Luft- und Weltraumstreitkräfte bestellt, 71 sind bereits ausgeliefert worden. Feste Bestellungen sind aus China (14 Maschinen) und Indonesien (11) eingegangen, mit anderen Ländern wird derzeit verhandelt. Bis Anfang der 2020er Jahre bleibt die Su-Familie also noch in Serie, garantiert.

    Es zeigt sich die Weitsicht der Sowjetingenieure, ein großes Entwicklungspotential in die Maschine hineingelegt zu haben – und das Talent der russischen Flugzeugentwickler, die dieses Potenzial geschickt entfalten.

    In einer schwierigeren Situation befindet sich hingegen die MiG-29. Das Flugzeug war ja praktisch tot – jetzt wird versucht, es als MiG-35 zu reanimieren. Das russische Verteidigungsministerium erprobt die Maschine, mit dem Versprechen, 24 Stück davon zu kaufen. Dies offensichtlich nur, um den Hersteller am Leben zu halten und den Export des Flugzeugs zu fördern.

    Doch während die Aussichten der MiG ungewiss sind, denken andere Legenden des Kalten Krieges nicht daran, den Himmel den Jets der 5. Generation zu überlassen. Die nächsten zehn Jahre werden sie mindestens noch um Aufträge im In- und Ausland konkurrieren – um dann noch ein Menschenleben lang im aktiven Dienst zu bleiben.

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    Jagdflugzeug, Kampfjet, Su-34, Su-24, Su-27, Su-30, F-16, F-15, MiG-21, MiG-29, Kalter Krieg, MiG, Lockheed Martin, Suchoi, Pentagon, UdSSR, Sowjetunion, USA, Russland