23:34 21 August 2018
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    Produktion des US-Kampfjets F-35 (Archivbild)

    Lockheed Martin verliert Europa

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    Erst vor einem Jahr hatten Vertreter des US-Konzerns Lockheed Martin zuversichtlich gesagt, sie würden ihre Flugzeuge in mindestens elf Länder verkaufen, weil sie Bestellungen für insgesamt 743 Maschinen des Typs F-35 hätten. Aber inzwischen hat sich die Situation drastisch verändert.

    Alles begann mit der Verabschiedung eines Gesetzes im US-Kongress, dem zufolge Kampfjets dieses Typs nicht an die Türkei verkauft werden dürften, falls Ankara nicht auf den Kauf von russischen Luftabwehrsystemen S-400 verzichten sollte. Gleichzeitig beauftragten die Parlamentarier das Pentagon, binnen drei Monaten den Einfluss des entsprechenden russisch-türkischen Vertrags auf die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten und die möglichen Folgen des Ausschlusses der Türkei aus dem Programm der Produktion von F-35-Maschinen einzuschätzen. Das war nichts als ein Signal an Ankara, doch noch zurückzurudern, solange es nicht zu spät ist.

    Aber das Ultimatum hatte gerade die entgegengesetzten Folgen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan versprach öffentlich, den S-400-Deal mit Moskau einzuhalten und schlug den Russen sogar vor, gemeinsam das künftige S-500-System zu entwickeln. Dadurch geriet Lockheed Martin in eine schwierige Lage. Sollte Präsident Trump das Gesetz absegnen, müsste die Korporation der Türkei einen Vorschuss in Höhe von 800 Millionen Dollar zurückzahlen und zudem den Vertrag zur Lieferung von insgesamt 100 F-35-Kampfjets für nahezu zwölf Milliarden Dollar auflösen.

    Besonders wichtig ist, dass die anderen Nato-Verbündeten Washingtons begreifen, dass sie ihr Zusammenwirken mit den Amerikanern möglichst reduzieren sollten, um sich nicht eventuell erpressen zu lassen. So sagte die italienische Verteidigungsministerin Elisabetta Trenta, dass sie die bereits unterzeichneten Kampfjet-Verträge mit den USA mindestens analysieren müsse. Eventuell könnten diese sogar außer Kraft gesetzt werden. „Wir werden F-35 nicht mehr kaufen. Das könnte zu Strafen führen und die italienische Flugzeugbauindustrie kurzfristig negativ beeinflussen. Aber dafür würden wir wieder große zusätzliche Ressourcen bekommen, die wir in europäische Verteidigungsprojekte sowie in die Stärkung unserer Wirtschaft investieren könnten“, betonte sie.

    Ursprünglich wollten die Italiener 131 neue Kampfjets für 13 Milliarden Euro kaufen. Aber vor sechs Jahren wurde diese Zahl auf 90 reduziert, von denen sie zehn schon bekommen haben. Falls Rom jetzt jedoch auf die restlichen 80 Maschinen verzichten sollte, würde Lockheed Martin nicht nur Milliarden Dollar verlieren, sondern müsste auch seine Produktionsprozesse in Europa total umstrukturieren. Italien ist für Lockheed Martin Partner zweiter Stufe. In der Stadt Cameri werden aktuell gleich zwei Versionen der Kampfjets gebaut: F-35A und F-35B. Dabei ist das der einzige Betrieb außerhalb der USA, wo die F-35B-Modifizierung hergestellt wird. Und gerade in Italien sollten diese Maschinen künftig massenweise gebaut werden – für die Streitkräfte Italiens, Großbritanniens und der Niederlande. Sollte der Vertrag annulliert werden, müsste der Betrieb in Cameri geschlossen und die Produktion in ein anderes Land verlegt werden, was wiederum zusätzliche Ausgaben bedeuten würde. Natürlich hat Washington viele Möglichkeiten, die Italiener unter Druck zu setzen, damit sie den Vertrag doch erfüllen, aber neue F-35-Lieferungen nach Europa kämen für die Amerikaner wohl nicht mehr infrage. Und zwar aus folgendem Grund:

    Es gibt nur noch vier Länder in der Alten Welt, die zahlungsfähig sind, aber keine F-35-Verträge mit den Amerikanern abgeschlossen haben: Frankreich, Deutschland, Belgien und die Schweiz. In der Schweiz werden solche Fragen traditionsgemäß bei Referenden entschieden. Und zum letzten Mal, vor vier Jahren, äußerten sich die meisten Eidgenossen gegen den Kampfjet-Deal. Ein neuer Volksentscheid findet frühestens 2020 statt, und niemand kann garantieren, dass er anders enden wird.

    Mit Belgien ist die Situation auf den ersten Blick viel leichter: Das US-Außenministerium hat vorläufig der Lieferung von F-35 an dieses Land zugestimmt. Aber in Wahrheit will Brüssel nicht so einfach US-Kampfjets kaufen und verlangt, dass seine Unternehmen am Produktionsprozess beteiligt werden. Doch gerade das können die Amerikaner nicht bieten. Und es gibt noch einen wichtigen Moment: Belgien orientiert sich im Verteidigungsbereich traditionell an seinen Nachbarn Deutschland und Frankreich. Und die beiden werden definitiv keine F-35-Kampfjets kaufen.

    Mehr noch: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Staatschef Emmanuel Macron unterzeichneten unlängst ein Abkommen zur gemeinsamen Entwicklung eines neuen europäischen Kampfjets, und zwar nicht mehr der fünften, sondern gleich der sechsten Generation.

    „Das wird eine richtige Revolution sein, aber wir haben da keine Sorgen, denn sie wird friedlich und gut bedacht sein“, sagte Macron.

    Und das waren keine bloßen Worte: Es ist schon jetzt bekannt, dass im Rahmen eines deutsch-französischen Projekts unter dem Namen FCAS (Future Combar Air System) nicht nur ein neues Flugzeug entwickelt werden soll, sondern ein integriertes Luftsicherheitssystem, dem unter anderem Satelliten und Schlagdrohnen angehören würden. Dabei wird der Kampfjet, der erst 2040 zum ersten Mal abheben soll, nur optional bemannt sein. Den entsprechenden Auftrag haben die Konzerne Dassault Aviation und Airbus bekommen.

    „Wir wollen nicht das F-35-Modell kopieren – unser Projekt ist viel anspruchsvoller“, sagte Dassault-Chef Eric Trappier zu Journalisten.

    Was genau er dabei meinte, ist nicht bekannt. Aber Experten zufolge wird der künftige Kampfjet eine Geschwindigkeit von bis zu vier Mach erreichen und in oberen Schichten der Atmosphäre fliegen können. Außerdem würde er mit einem hochmodernen Radarsystem und Kampflasern ausgerüstet sein. In den französischen und deutschen Luftstreitkräften werden diese Maschinen die jetzigen Kampfjets vierter Generation – Rafale und Eurofighter Typhoon – ersetzen. Dem Chef von Airbus Defense, Dirk Hoke, zufolge wäre das ein riesiger Fortschritt sowohl bei der Entwicklung von Technologien als auch aus der Sicht der europäischen Souveränität.  Nach seinen Worten sollte Europa ein deutliches Zeichen setzen, dass es im Verteidigungs- bzw. Raumfahrtbereich unabhängig ist. Dabei hatten die Amerikaner versucht, das deutsch-französische Projekt zu behindern und griffen auf die Dienste des Befehlshabers der Luftwaffe, General Karl Müllner, zurück. Dieser lobbyierte offen den F-35-Deal, wurde aber auf Verfügung Merkels vorzeitig in den Ruhestand geschickt. Das war aber auch nachvollziehbar: Wie Dirk Hoke sagte, würde die Kooperation mit Paris bei der Entwicklung des neusten Kampfjets im Falle des Kaufs von F-35-Maschinen scheitern. Jetzt steht definitiv fest, dass dies nicht passiert, und damit haben Berlin und Paris gute Chancen, Brüssel zum Verzicht auf den F-35-Deal mit Washington und zur Teilnahme an ihrem Projekt zu bewegen.

    Interessant ist jedoch das Verhalten Londons in dieser Situation. Früher hatten die Briten auf das F-35-Modell gesetzt. Jetzt wurde beschlossen, einen eigenen Kampfjet sechster Generation unter dem Namen Tempest zu entwickeln. London hat sogar entsprechende Kooperationsverhandlungen mit Schweden begonnen. Für das Tempest-Projekt sind Ministerpräsidentin Theresa May zufolge zwei Milliarden Pfund bis 2025 vorgesehen. Bis 2040 sollte das neue Modell fertig sein.

    Angesichts all dessen scheinen die Perspektiven der F-35 ziemlich schmal geworden zu sein. Theoretisch könnten die Amerikaner ihre Maschinen an die Monarchien der Golfregion verkaufen. Doch dagegen tritt Israel auf, dessen Position man in Washington unmöglich ignorieren kann.

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    Raketensystem, Liefervertrag, Kauf, Tarnkappentechnologie, Kampfjet, Raketenabwehr, Waffenlieferungen, Tempest, Eurofighter, Rafale, Eurofighter Typhoon, F-35, S-400, Dassault Aviation, Lockheed Martin, Theresa May, Recep Tayyip Erdogan, Emmanuel Macron, Europa, Türkei, Großbritannien, USA, Frankreich, Russland