06:19 14 November 2018
SNA Radio
    Tu-95MS-Bomber (Symbolbild)

    Russische Bomber-Oldies machen Nato-Fliegern Beine – seit drei Generationen

    © Sputnik / Nina Sotina
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Topwar.ru
    82108

    Als amerikanische Kampfpiloten noch die F-4 Phantom flogen, mussten sie Tu-95-Bomber abfangen. Als deren Söhne in die F-16 stiegen, mussten sie Tu-95-Bomber abfangen. Jetzt haben die Enkel der Phantom-Flieger die F-22 – und müssen Tu-95-Bomber abfangen. Ist der russische Langstreckenbomber nicht totzukriegen?

    Er ist alt, schrecklich laut und guckt böse. Außerdem ist ein Tu-95-Bomber das weltschnellste Flugzeug mit Propellerantrieb. Seit bald 66 Jahren fliegt der Veteran – fast genauso lange schon scheucht er Abfangjäger an den Nato-Grenzen auf.

    Wenn ein Flugzeug kurz nach dem Zweiten Weltkrieg abhebt und heute noch wie eh und je wirkungsvoll im Einsatz ist, dann ist es eine Legende. Am 12. November 1952 flog die Tu-95 zum ersten Mal und patrouilliert seither – mit kurzer erzwungener Pause – in den Weltlüften.

    Anfangs hatte die Nato den neuen Bomber der Sowjets (Codename: „Bear“) nicht weiter beachtet. Ja, seine Parameter waren immer schon beeindruckend (10.000 Kilometer Reichweite bei zwölf Tonnen Waffenlast), aber der Propellerantrieb, der hat im Zeitalter der Jets – so dachten die Strategen im Westen damals – keine Zukunft.

    Hellhörig wurden nordatlantische Feldherren erst, als die Sowjets 1961 eine Zar-Bombe zündeten, abgeworfen von eben einer Tu-95. Der Atompilz dieser 50-Megatonnen-Bombe stieg 60 Kilometer hoch in den Himmel, die Lichtstrahlung der Explosion verursachte noch 100 Kilometer vom Einschlagort entfernt Verbrennungen dritten Grades.

    Seitdem alarmieren Nato-Länder und Verbündete ihre Abfangjäger, wenn eine Tu-95 sich nur auf dem Radarschirm, weitab der eigentlichen Landesgrenzen zeigt. Bis zum Ende des Kalten Krieges passierte das so häufig, dass es für die westlichen Kampfpiloten zur Routine wurde, einen „Bären“-Bomber bei dessen Patrouille zu begleiten. Fotos davon gibt es im Netz zur genüge.

    >>Andere Sputnik-Artikel: „Wir haben fliegendes Atom-Labor“: Wetteifer UdSSR – USA

    Dann war plötzlich Schluss. In den 1990er Jahren stellte die russische Führung die Bomber-Patrouillen einseitig ein. Erst 2007 erklärte Präsident Putin, die russischen Luftstreitkräfte würden wieder in internationalen Lufträumen Wache fliegen. Seitdem läuft es wieder, das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Tu-95-Bombern und den westlichen Jagdflugzeugen.

    Regelmäßig verursachen die fliegenden russischen „Bären“ im Westen etwas zwischen Protest und Hysterie, obgleich das russische Verteidigungsministerium immer wieder erklärt, es handele sich um planmäßige Routineflüge unter Beachtung internationaler Regeln.

    Die technisch ausgereifteste Version der Tu-95 war lange Zeit die Tu-95MS. Konzipiert eigens für den Abschuss von Marschflugkörpern Ch-55, wurde sie seit 1979 gebaut. Genutzt wurde das Flugzeug nicht nur von der sowjetischen Bomberflotte – auch die Sowjetmarine setzte es ein.

    Auf Basis der Tu-95 entstand die Tu-95RZ, sozusagen eine AWACS-Maschine für die Marine. Auf deren Grundlage wiederrum entstand ein Seefernaufklärer, die Tu-142, bewaffnet mit den Antischiffsraketen APR und Ch-35.

    Allen Versionen war ein spezielles Feature gemeinsam: Die gegenläufigen vierblättrigen Doppelrotoren, die – an vier Turbinen angeschlossen – die riesigen Maschinen auf die Geschwindigkeit eines Jumbos beschleunigen.

    Bis die Sowjets die ersten Interkontinentalraketen in Dienst stellten, waren die Tu-95 Moskaus schlagkräftigstes Argument im Widerstreit mit Washington. Noch heute haben die russischen Luft- und Weltraumstreitkräfte 48 dieser Bomber in der Version Tu-95MS im Einsatz. Hinzuzuzählen sind zwölf Maschinen Tu-95MSM.

    Äußerlich ist dieses Flugzeug von seinen „Geschwistern“ nicht zu trennen, aber innerlich sind die Unterschiede groß. Die Tu-95MSM ist nämlich mit Bordsystemen ausgestattet, die es möglich machen, den neuesten russischen Flugkörper Ch-101 (in nuklearer Ausführung: Ch-102) abzufeuern. Bei diesem Marschflugkörper wird Tarnkappentechnologie eingesetzt.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Russland vs. USA in Syrien – „National Interest“ nennt Einsatzwaffen beider Seiten

    Am 5. Juli 2017 haben mehrere Tu-95MSM von ihrer Heimbasis nahe der Großstadt Saratow kommend IS-Stellungen in Syrien angegriffen. Die Flugkörper wurden aus einer Distanz von 1.000 Kilometern abgesetzt, sodass die Flugzeuge selbst und die Besatzung bei dem Einsatz nicht gefährdet waren.  

    Nach Angaben des Herstellers kann die neueste Version der Tu-95 bis in die 2040er Jahre problemlos im Dienst bleiben. Bis zum 100. Jubiläum des Bombers wäre es da nicht mehr weit. Umso erstaunlicher ist es, dass das Flugzeug nicht nur im Dienst ist, sondern auch noch Weltrekorde aufstellt.

    Maquette vom Gebiet Kaliningrad bei Militärübungen (Archivbild)
    © Sputnik / Igor Sarembo
    Am 30. Juli 2010 wurde so eine Höchstleistung erzielt: Zwei Tu-95MS patrouillierten 43 Stunden lang nonstop – kein anderes serienmäßig gebautes Flugzeug hat es jemals geschafft, länger in der Luft zu sein. Insgesamt legten die Maschinen mit vier Luftbetankungen rund 30.000 Kilometer zurück.

    Anfänglich waren 40 Stunden als Zielmarke angesetzt, aber die Crew hatte ihre eigenen Vorgaben übertroffen. 43 Stunden, das sind mindestens drei transatlantische Flüge. Und das in einem Bomber, der sich komfortmäßig mit einem Passagierjet nicht messen kann. Es haben sich eben beide bewährt: Maschine und Mensch.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    So erheblich übertreffen russische Atomwaffen ihre Pendants – US-Experten
    Nuklearer „Typhoon“: Wozu brauchen deutsche Eurofighter Atomwaffen?
    US-Atomwaffeneinsatz: Apokalypse-Szenario, vor allem für Amerikaner selbst
    Tags:
    Technologien, Bomber, Atomwaffen, AWACS-Flugzeug, Ch-101, F-22, Tu-95, Zweiter Weltkrieg, NATO, UdSSR, Russland