15:46 20 Oktober 2018
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    Russlands Präsident Wladimir Putin (r. in d. M.) und Präsident der Türkei Recep Tayyip Erdogan beim BRICS-Gipfel am 26. Juli 2018

    Geopolitischer Schock: Was ein BRICS-Beitritt der Türkei für Russland bedeuten würde

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    Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat vor kurzem einen Wunsch gegenüber den BRICS-Staaten geäußert: die Aufnahme der Türkei in die Organisation. Wenn sie uns aufnähmen, werde dieses Gremium BRICST heißen, sagte Erdogan. Ist die Aufnahme der Türkei derzeit möglich, und warum bezeichnen einige Experten dies als „geopolitischen Schock“?

    Zuallererst sollte geklärt werden, was BRICS bedeutet und wie man überhaupt einer ihrer „Bausteine“ sein kann. Bekannt ist, dass dieser Begriff von einem US-Finanzanalysten zur Benennung der fünf Länder erfunden wurde, die wegen hohen Wachstumstempos das größte Investitionspotential darstellen.

    Die Wirtschaft Chinas rangiert heute auf Platz zwei in der Welt nach dem Hauptkonkurrenten, den USA. Chinas BIP liegt bei 12 Billionen Dollar, Indiens bei 2,6 Billionen, Russlands bei etwas mehr als 1,5, bei Brasilien bei mehr als 2 Billionen. Diese Zahlen sind sehr beeindruckend. Die BRICS gründete eine eigene Entwicklungsbank, deren Ziele die Senkung der Abhängigkeit von der US-Währung und Investitionen in eigene Projekte als Gegengewicht zu den westlichen Finanzstrukturen sind.

    BRICS bewegt sich allmählich in Richtung Aufbau eines multipolaren Systems. Doch seine Teilnehmer sind souveräne Staaten. Zudem gibt es zwischen den einzelnen Teilnehmerstaaten mitunter schwierige Beziehungen – z.B. Indien und China. Dieses informelle Bündnis hat keinen militärpolitischen Charakter. Es handelt sich um einen Interessenklub der Schwellenländer, die in der Tasche die Faust gegen die USA ballen. Es gibt bislang nicht einmal fixierte Regeln zur Aufnahme neuer Teilnehmer bzw. zum Ausschluss.

    Wozu braucht die Türkei die BRICS-Staaten? Auf der einen Seite entwickelt sich die türkische Wirtschaft und rangiert nach der BIP-Größe auf Platz 17. Nach der Kaufkraftparität hat sie sogar China überholt. Auf der anderen Seite erlebt die Türkei derzeit nicht gerade ihre besten Zeiten: Abwertung der Nationalwährung, Anstieg der Inflationsrate wegen des Wachstums der Ausgaben. Die türkische Industrie und Landwirtschaft brauchen ausländische Investitionen und neue Absatzmärkte. Angesichts der Tatsache, dass Ankara in diesen Jahren nicht in die EU aufgenommen wurde, erscheint die Umorientierung auf die BRICS-Länder rationell und pragmatisch.

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    Wozu brauchen die BRICS-Staaten die Türkei? Es geht dabei vor allem um einen neuen Absatzmarkt für Erzeugnisse aus China, weshalb Peking so freundlich auf die Initiative Erdogans reagiert hat. Da zwischen den USA und China weiterhin der Handelsstreit im Gange ist, braucht China jede Unterstützung, besonders von einem so vorteilhaft gelegenen Land zwischen Europa und Asien. Trotz der Nato-Mitgliedschaft bewies der türkische Staatschef, dass er eine eigenständige Politik durchsetzen kann, darunter wider die Interessen Washingtons, wobei die Beziehungen zur Trump-Administration stark belastet wurden. Russland baut seinerseits die Turkish-Stream-Pipeline und wickelt große Rüstungsdeals mit Ankara ab. Experten zufolge würde kein anderes Land der Region geopolitisch die Türkei ersetzen, weshalb der Beitritt der Türkei zu einer Allianz mit Russland-China-Vektor ein geopolitischer Schock für Europa und die USA wäre.

    Nicht ausgeschlossen ist, dass die EU es noch bedauern wird, die Türkei nicht aufgenommen zu haben. Dennoch sind auch da wichtige Aspekte zu erwähnen: Erstens beansprucht Ankara die Führungsrolle in der turksprachigen Welt, was in der Zukunft zum Zusammenstoß mit den Interessen Moskaus in Kasachstan und Kirgisien führen könnte.

    Zweitens haben Russland und die Türkei nicht übereinstimmende Interessen im Syrien-Konflikt. Die Hände des türkischen Militärs sind zudem mit dem Blut russischer Soldaten befleckt. Es besteht keine Garantie, dass es in der Zukunft nicht wieder zu massiven Kontroversen kommt. Darüber hinaus ist die Türkei Nato-Mitglied und hat auch nicht vor, aus dem antirussischen Militärbündnis auszusteigen.

    Zudem hat die türkische Regierung einen ambivalenten Ruf, der einen BRICS-Beitritt neuer Mitglieder verhindern könnte.

    Bislang habe man nicht vor, die Zahl der BRICS-Teilnehmer formell zu erhöhen, weil die gebildeten Formate ihre Effizienz gezeigt haben, sagte der russische Präsident Wladimir Putin. Es ist nicht erstaunlich, dass die Erweiterung des informellen Klubs durch die Aufnahme der Türkei viele Fragen aufwirft.

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    Beitritt, Industrie, Abwertung, BIP, NATO, EU, BRICS-Staaten, BRICS, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, USA, China, Türkei, Russland