08:55 20 August 2018
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    Recep Tayyip Erdogan (i.d.Mitte) und seine Ehrenwache (Archivbild)

    Spiele hinter den Kulissen: Wozu braucht Erdogan russische Raketen?

    © AFP 2018 / Adem Altan
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    Die Türkei hat die Beziehungen zu den USA vorsätzlich belastet, indem sie mit Russland einen Vertrag zur Lieferung von S-400-Abwehrraketen unterzeichnet hat. Nun werden die USA möglicherweise die Lieferung von F-35-Kampfjets blockieren. Experten in Übersee vermuten, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan sein eigenes Spiel mit dem Weißen Haus spielt.

    Als die Türken im Dezember 2017 den auf 2,5 Milliarden Dollar geschätzten S-400-Deal mit Russland vereinbarten, waren Spannungen mit Washington vorprogrammiert. Dort wurde tatsächlich ein Gesetzentwurf in den Kongress eingebracht, dem zufolge Ankara nicht mit Kampfjets F-35 versorgt werden sollte.

    Spätestens 60 Tage nach der Verabschiedung dieses Gesetzes hat der US-Verteidigungsminister den zuständigen Ausschüssen im Kongress einen Bericht zum Thema „Über den Status der Beziehungen der Vereinigten Staaten und der Türkei“ vorzulegen. Erst dann könnte der Vertrag über die Lieferung der erwähnten Kampfjets fünfter Generation an die Türkei in Kraft treten.

    Wenn man rein politische Machenschaften, Affronts und klangvolle Erklärungen ausklammert, dann bemerken internationale Experten, dass Moskau im Kontext des S-400-Deals alles richtig gemacht und generell proaktiv gehandelt hat.

    Ankara bestand darauf, dass Moskau ihm neueste Technologien überlassen würde, um die S-400-Raketen auf dem türkischen Territorium aufzustellen. Allerdings gab es bisher keine Erklärungen über eine mögliche gemeinsame Produktion der Triumph-Komplexe. Bei der Lösung dieser Frage ließ sich „die Hand Washingtons“ spüren.

    Das Pentagon ist überhaupt nicht daran interessiert, dass die russisch-türkische Kooperation im militärtechnischen Bereich sich noch mehr ausweitet. Außerdem betrachten viele Ankaras Interesse an den russischen Flugabwehrsystemen als ein gewisses Spiel seitens Präsident Erdogans. So ist nicht auszuschließen, dass er durch den demonstrativen Ausbau der Kooperation mit dem Kreml Washington zwingen will, ihm seine Raketenabwehrtechnologien zu überlassen, die unter anderem bei der Entwicklung von Patriot-Systemen eingesetzt wurden.

    „Die Türkei hatte schon seit längerer Zeit auf verschiedene Methoden zurückgegriffen, um die Flug- bzw. Raketenabwehrtechnologien westlicher Korporationen zu bekommen“, sagte Michael Kofman, Experte des Center for Naval Analyses und des Kennan Institute beim Wilson Center.

    Die westlichen Rüstungsunternehmen wollen jedoch die Türkei nicht mit ihren Technologien versorgen, die in diesem Fall selbst Waffen und Militärtechnik bauen und in dritte Länder exportieren könnte.

    Diese Geschichte begann nicht gestern: Als Ankara die USA nicht zum Technologientransfer überreden konnte – trotz der Androhung des Kaufs von chinesischen Raketensystemen – versuchte es denselben Trick mit Russland – und begannen die S-400-Verhandlungen.

    Das Problem ist nur, dass die Raketensysteme Patriot und Triumph für verschiedene Zwecke bestimmt sind und nach verschiedenen Prinzipien gebaut werden. Bei den S-400-Systemen handelt es sich nach Angaben der Website Defense News um ein sehr mobiles System mit großer Reichweite, das aber bei Konflikten im Hinterland aufgestellt werden sollte, um die eigene Infrastruktur zu schützen. Patriot ist seinerseits ein Mittelstrecken-Raketensystem. In diesem Sinne gehören Triumph und Patriot verschiedenen Klassen von Luftabwehrsystemen an.

    Alles nur Erdogans Spiele?

    Ursprünglich wollten die Türken russische Raketensysteme S-300VM kaufen, die viel besser für die Aufgaben der Heeres-Luftabwehrsysteme geeignet sind. Am Ende entschieden sie sich aber doch für die S-400-Raketen, deren Reichweite bei 250 Kilometern liegt. Allerdings konnte man in Moskau unmöglich die zahlreichen Machenschaften und Affronts der Türkei überblicken. Dennoch freuten sich die Russen über die Möglichkeit, der Türken ihre Triumph-Raketen zu verkaufen. Denn letztendlich hatte Moskau in dieser Situation nichts zu verlieren.

    Dieser Deal ist für die russische Seite ein wichtiger politischer Sieg – immerhin wird ein Nato-Land russische Waffen kaufen. Zudem würde die Türkei von Russland bei der Personalausbildung und bei der Instandhaltung seiner Waffen in einem gewissen Sinne abhängen. Und schließlich würde es dadurch einen Keil zwischen Ankara und dessen Nato-Verbündete treiben.

    Produktion des US-Kampfjets F-35 (Archivbild)
    © AP Photo / Globe Newswire
    Außerdem werde Moskau rein finanziell profitieren, und zwar unabhängig davon, wie sich die Situation um den Kauf der S-400-Systeme entwickeln sollte, vermutete Michael Kofman. Er vermutet jedoch, dass die Türkei im Grunde die USA erpresse, um zusätzliche Präferenzen für das künftige Zusammenwirken auszuhandeln. Und irgendwann könnte Erdogan versuchen, aus dem Spiel auszusteigen.

    Nicht auszuschließen sei aber auch, dass der türkische Staatschef in seine eigenen Fallen geraten wird, fuhr der Politologe fort. Denn Moskau habe im Kontext des S-400-Deals solche Bedingungen gestellt, dass Ankara jetzt in jedem Fall Geld ausgeben müsse.

    Das Finale könnte so oder so ausgehen: Entweder wird die Türkei den S-400-Deal perfekt machen und 2,5 Milliarden Dollar hinblättern, oder sie wird aus dem Vertrag aussteigen, dabei aber den großen Vorschuss verlieren.

    Falls die Lieferung der F-35-Kampfjets an die Türkei tatsächlich auf Eis gelegt wird (womit der US-Kongress den Türken droht), könnte Ankara fast eine Milliarde Dollar verlieren, die es bisher in die Entwicklung dieses Programms investiert hat.

    „Darüber wird nicht besonders viel geredet, aber ich würde zur Geschichte um die amerikanische F-35-Lieferung an die Türkei unbedingt einige Momente hinzufügen“, sagte der Vizeleiter des Zentrums für Strategien- und Technologienanalysen, Konstantin Makijenko.

    Nach seinen Worten verfügt der amerikanische Kampfjet fünfter Generation über eine äußerst komplizierte Software, und die Schlüssel befinden sich in den Händen der Amerikaner. Absolut alle Informationen über dieses Flugzeug werden sie ihren Partnern nie zur Verfügung stellen. Das bedeute, dass die Kampffähigkeiten dieser Maschine jederzeit im Handumdrehen beschränkt werden könnten. Darüber hinaus gibt es jedenfalls etliche Beschränkungen für die Militärtechnik, die die USA ihren Verbündeten verkaufen. So könnten jordanische F-16-Kampfjets im Falle eines bewaffneten Konflikts nicht israelische Maschinen desselben Typs abschießen.

    Die für Ankara bestimmten S-400-Raketen haben keinen solchen Nachteil: Sie können gegen alle möglichen aerodynamischen und sehr viele ballistische Ziele eingesetzt werden, egal, wem diese Objekte gehören sollten. Und in Ankara weiß man das.

    „Die Geschichte um die S-400-Lieferung an die Türkei kann erst dann für beendet erklärt werden, wenn diese Waffen bezahlt sind, wenn das türkische Personal in Russland ausgebildet ist, wenn erste Schießübungen stattgefunden haben und wenn die gekaufte Technik auf dem Territorium der Türkei aufgestellt ist“, sagte der frühere Vizechef der operativen Hauptverwaltung des russischen Generalstabs, Generalleutnant Valeri Saparenko.

    Laut neuesten Informationen wird Russland der Türkei die ersten S-400-Komplexe im Oktober 2019 bereitstellen.

    Tags:
    Sanktionen, Militärgeheimnisse, Streit, Waffenhandel, Waffenlieferungen, Lieferung, Liefervertrag, Raketenabwehrsysteme, F-35, S-400, US-Senat, US-Kongress, Lockheed Martin, NATO, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, USA, Russland, Türkei
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