23:24 18 November 2018
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    Transportflugzeug An-225 (Archivbild)

    Start frei in den Ruin: Boeing übernimmt ukrainischen Flugzeugbauer Antonov

    CC BY-SA 3.0 / Dmitry A. Mottl / Wikimedia Commons
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    Die Kiewer Führung feiert es als ein historisches Ereignis, dass der Boeing-Konzern den Flugzeugbauer Antonov übernimmt. Ein Abkommen ist bereits unterzeichnet. Die Politiker prophezeien schon eine Rettung des ukrainischen Herstellers. Allein könnte die transatlantische Kooperation für die Ukrainer zur Strickfalle werden.

    Es ist schon bezeichnend: Ausgerechnet seit der „Unabhängigkeitsbewegung“ in der Ukraine stirbt der Flugzeugbauer Antonov einen langsamen Tod. Einst rollten Legenden wie die An-124 und An-225 aus den Hangars des Herstellers. Seit Kiew aber mit Russland gebrochen hat, geht es mit dem Flugzeugwerk richtig bergab.

    Abnehmer für die Maschinen fand Antonov in Russland und dem postsowjetischen Raum. Aus Russland kamen auch mindestens 60 Prozent der Bauteile für die ukrainischen Flugzeuge wie auch die Leichtmetalle Aluminium und Titan. Nun hat die Ukraine ihren großen östlichen Nachbarn zum Aggressor erklärt, jedwede Zusammenarbeit mit Russland ist per Gesetz verboten.

    Das Ergebnis dieser Politik hat nicht lange auf sich warten lassen: Von den 18 einst bestellten Flugzeugen hat das Antonov-Werk gerade mal eine kleine Transportmaschine bauen können – eine An-132D für Saudi-Arabien. Weitere Bestellungen sind bei den Ukrainern, soweit bekannt, nicht eingegangen.

    Hinzu kommt die personelle Planlosigkeit, die seit Jahren beim ukrainischen Flugzeugbauer herrscht. Innerhalb von drei Jahren wurde das Firmenmanagement vier Mal ausgewechselt. Seit 2015 untersteht das Werk dem Rüstungsexporteur „Ukroboronprom“, der in der Bevölkerung auch als „Poroschenkos persönliche Kasse“ bekannt ist.

    Jetzt aber das Wunder, die Verheißung: Die Boeing-Tochter Aviall will Antonov unter ihre Fittiche nehmen. Ein Ersatz für die russischen Zulieferteile soll im Nu gefunden werden, der ukrainische Präsident feiert den Deal als die „Grundvoraussetzung für die luftfahrttechnische Unabhängigkeit von Russland“.

    Auch der aktuelle Antonov-Chef, Juri Kissilew, strotzt vor Optimismus und spricht von einem „Schulterschluss“ mit dem US-Konzern. Die Amerikaner haben schließlich angekündigt, Dutzende Millionen Dollar in den Bau eines Logistikzentrums nahe Kiew zu investieren, um das ukrainische Flugzeugwerk mit den „nötigen Komponenten“ zu beliefern. Ein Happy End?

    Von wegen. Begeisterung, lass nach. Stellen wir uns doch die ganz einfache Frage, wozu die Amerikaner so eine Übernahme überhaupt brauchen. Die Antwort dürfte für Antonov in jedem Fall unerfreulich sein.

    Höchstwahrscheinlich kaufen die Amerikaner den ukrainischen Hersteller nur, um andere Länder daran zu hindern, die zwar noch keine ausgereifte Luftfahrtindustrie, aber genügend Möglichkeiten haben, eine aufzubauen. Über das Interesse der Chinesen am ukrainischen Flugzeugbauer wurde bereits berichtet.

    Damit wir uns richtig verstehen: Die Boeing-Tochter wird sicherlich eine Zeit lang noch lebenserhaltende Maßnahmen bei Antonov ergreifen. Die amerikanischen Finanzspritzen werden ganz bestimmt dafür reichen, die Mitarbeiter zu bezahlen, die noch da sind, oder die Werksinfrastruktur zu erhalten. Für mehr aber auch nicht.

    Für einen Flugzeugbauer kommt derlei Stagnation einem Todesurteil gleich. Die hochqualifizierten Fachleute, die wirklich etwas entwickeln könnten, werden früher oder später gehen, allein schon von Alters wegen. Geeigneter Nachwuchs? Fehlanzeige.

    Die Anlagen, mit denen das Werk noch etwas herzustellen versucht, altern rapide. In der Flugzeugindustrie geht das besonders schnell. Investitionen in neue Ausrüstung werden aber sicherlich ausbleiben.

    Aviall verspricht, das An-1X8 NEXT-Programm bei Antonov zu starten – also die Produktion der Regionalflugzeuge An-148, An-158 sowie des Transportjets An-178 wiederaufzunehmen. Dafür beansprucht Aviall aber auch alle Rechte auf den lukrativen After-Sale-Support der Maschinen für sich.

    Produktion des US-Kampfjets F-35 (Archivbild)
    © AP Photo / Globe Newswire

    Überhaupt steht die Frage im Raum, inwiefern es noch echte Antonov-Flugzeuge sein werden. Das Alleinstellungsmerkmal des ukrainischen Herstellers waren immer schon unkonventionelle Lösungen, vor allem die unkonventionell großen Transportmaschinen.

    Was das legendäre Flugzeugwerk jetzt erwartet, ist nichts als Stillstand, Stagnation und das allmähliche Verschwinden vom Markt, aus Altersschwäche quasi. Die Boeing-Tochter wird das alles managen: Einen potentiell gefährlichen Konkurrenten klammheimlich umkommen zu lassen – dafür hatten die USA schon immer ein Händchen.

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    Transportflugzeug, Flugzeugbau, Flugzeugbaugesellschaft, Einstellung, Verkauf, Produktion, Industrie, An-178, An-225 Mriya, An-124, Boeing, Flugzeugbauer KB Antonow, Ukroboronprom, Sowjetunion, UdSSR, Saudi-Arabien, USA, Russland, Ukraine