09:22 22 August 2018
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    Konzept eines sowjetischen Ekranoplans (Symbolbild)

    „Wichtige Anschaffung“: Wozu Russlands Armee ein schwebendes Schwergewicht braucht

    © Sputnik / Yuri Somow
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    Das schnellste Speedboot der russischen Marine beschleunigt auf maximal 90 Stundenkilometer. Ein Ekranoplan schafft das Fünffache. Dabei kann es so viel Nutzlast aufnehmen wie ein mittelgroßer Frachter. Wenn die Ankündigung wahr wird, erhält die russische Armee dieses auffällige Gerät, eine Kreuzung aus Schiff und Flugzeug: ein Bodeneffektfahrzeug.

    Lange Zeit war es still um die imposante Technik. Dann und wann wurde berichtet, Russland spiele mit dem Gedanken, wieder mit dem Bau von Bodeneffektfahrzeugen zu beginnen. Klar war das aber nicht. Russlands Regierung hat nun angekündigt, das russische Militär bekomme eine solche Maschine binnen neun Jahren.

    Der Bau eines Bodeneffektfahrzeugs sei im staatlichen Rüstungsprogramm 2018-2027 vorgesehen, sagte der Vize-Premier Juri Borissow, der im russischen Regierungskabinett die Rüstungsprogramme des Landes verantwortet. Das Fahrzeug werde mit Raketen bewaffnet sein.

    „Seine Hauptfunktion: Die Nordostpassage patrouillieren. Es kann das Gebiet überwachen und abriegeln. So auch in den Binnenmeeren, dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer“, sagte der Vize-Premier.

    Der Name des geplanten Fahrzeugs klang bisweilen schon auf: „Orlan“, der „Seeadler“. Was der Vogel und das Gerät gemeinsam haben, ist, dass sie beim Gleitflug über dem Wasser den Bodeneffekt nutzen.

    Beim Tiefflug über der Wasser- oder Bodenoberfläche – in ein paar Metern Höhe – staut sich die Luft unter der Tragfläche des Ekranoplans. Es entsteht gleichsam ein Luftpolster, was zu größerem dynamischen Auftrieb führt. 

    Deshalb benötigt ein Bodeneffektfahrzeug deutlich kleinere Tragflächen als ein übliches Flugzeug: Ein Ekranoplan ist immer ein Stummelflügler. Durch den weitaus geringeren Luftwiderstand bewegt es sich dabei deutlich schneller als ein Schiff, welches Wassermassen verdrängen muss. Landen kann ein Bodeneffektfahrzeug auf Wasser oder dickem Eis.

    Für das Militär ist ein Bodeneffektfahrzeug „eine bedeutende Anschaffung“, betont Generalmajor Wladimir Popow, ein erfahrener und mit hohen Staatsorden geehrter Pilot: „Die Versuchsmodelle seegestützter Ekranoplane, die einst im Dienst standen, konnten mehrere Hundert Tonnen Nutzlast aufnehmen.“

    Ganz konkret heißt das: Die Bodeneffektfahrzeuge konnten „300 bis 500 Mann auf Kurzstrecke oder 250 Mann auf lange Entfernung befördern – samt Ausrüstung, Waffen und Munition“. Das können Landeschiffe zwar auch, aber eben nicht so schnell.

    Der hohen Nutzlast wegen kann ein Ekranoplan auch „Marschflugkörper oder ballistische Raketen“ aufnehmen, erläutert der General. „Der Einsatz in Syrien hat gezeigt, was Marschflugkörper mittlerer Reichweite und hoher Präzision bewirken können.“

    Als die Sowjets mit den Bodeneffektfahrzeugen experimentierten, hatten sie noch einen anderen Einsatzzweck für die schwebenden Schwergewichte im Sinn. Die Ekranoplane könnten sich mit hohem Tempo unterhalb des Radars amerikanischen Flugzeugträgerverbänden nähern, dachten die Ingenieure.

    Mit dem Bau von Bodeneffektfahrzeugen begann die Sowjetunion 1957. Über zwei Dutzend Geräte wurden in 30 Jahren für das sowjetische Verteidigungsministerium gebaut. Einige Muster konnten schwerbewaffnet bis zu 2000 Kilometer weit gleiten.

    Der größere Auftrieb durch das Luftkissen unterhalb der Tragflächen spart natürlich Energie. „Ob mit Propeller- oder Jet-Antrieb – ein Bodeneffektfahrzeug spart das Vielfache des Treibstoffs ein, den ein Flugzeug benötigen würde“, sagt General Popow.

    Trotz dieser offenkundigen Vorteile blieben die interessanten „Flugschiffe“ auch in der Sowjetunion echte Exoten. Die wohl bekanntesten Modelle waren die propellergetriebene „Orlenok“ und die größere „Lun“.

    Für echtes Aufsehen sorgte seinerzeit das von acht Strahltriebwerken angetriebene Versuchsmodell mit dem Beinamen „kaspisches Monster“. Für 220 Tonnen Nutzlast war die Maschine ausgelegt. Größere Lasten heben kann nur die An-225.

    Aber andere Waffenprogramme waren den Sowjets dann doch wichtiger. „Der Bau von Flugzeugträgern hatte damals Priorität“, erinnert sich Admiral Igor Kassatonow, ehemaliger Oberbefehlshaber der sowjetischen Schwarzmeer-Flotte.

    Dem Admiral unterstanden damals die Bodeneffektfahrzeuge, die das Militär testete. „Das größte Problem war ihre Unzuverlässigkeit, die auch ihr weiteres Schicksal besiegelte“, sagt Kassatonow. In der Tat verunglückte 1980 ein Versuchs-Ekranoplan bei einem Testflug im Kaspischen Meer: Den Piloten war ein Fehler unterlaufen.

    Der Luftwaffengeneral Popow kennt aber einen anderen Grund, warum das sowjetische Programm nach dem Zerfall der UdSSR eingestellt wurde: „So durchsetzungsstarke Leute wie die heutigen Verteidigungsminister Schoigu oder Tschemesow gab es damals wohl einfach nicht.“

    Ausgerechnet dann haben die US-Amerikaner angefangen, ihr Ekranoplan-Programm zu forcieren.

    „1993 besuchte eine 17-köpfige Auslandsdelegation das Hauptwerk, wo die Bodeneffektfahrzeuge gebaut wurden“, erinnert sich ein Zeitzeuge. „Nach diesem Besuch fand in den USA eine geschlossene Kongresssitzung statt, auf der beschlossen wurde, dass die Amerikaner solche Geräte in Russland nicht haben wollten.“

    Erst zu Beginn der 2010er Jahre hat man in Russland damit begonnen, über die Neuauflage des Programms nachzudenken. Selbst in der Duma, dem russischen Parlament, wurden Aufrufe zum Bau neuer Bodeneffektfahrzeuge laut.

    Nun soll das russische Militär laut Vizepremier Borissow ein Ekranoplan erhalten: die besagte „Orlan“. Die angegebene Lieferfrist – bis 2027 – sei durchaus realistisch, versichert General Popow: „Die Werke stehen noch. Die Fachleute müssten vorbereitet werden, das nimmt ein bis zwei Jahre in Anspruch.“

    Es dürfte dem also nichts im Wege stehen, dass die russische Armee „ein Mittelding zwischen strategischem Bomber, schwerer Transportmaschine und Raketenboot“ erhält, erklärt er.

    Tags:
    Bau, Militärtechnik, Kriegsflotte, Produktion, Wiederaufnahme, Bodeneffektfahrzeug, US-Senat, US-Kongress, Juri Borissow, USA, UdSSR, Sowjetunion, Russland
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