08:54 20 August 2018
SNA Radio
    Wasser (Symbolbild)

    Flüsse von Blut: Wasser ist der neue Kriegsgrund in Nahost

    CC0
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Expert
    61340

    Sind der Kanonendonner und das Kriegsgeheul in Syrien und im Irak einmal beendet, wird es zu weiteren Konflikten kommen – wegen Wasser. Das Problem ist laut Experten, dass Syrien, der Irak und die Türkei sich über die Nutzung der beiden wichtigsten Flüsse der Region – Euphrat und Tigris – nicht einigen können.

    Alte Rivalitäten sind noch gar nicht bewältigt, schon drohen neue Gegensätze zwischen Syrien, dem Irak und der Türkei, weitere Konflikte auszulösen. „Deren Ursache wird das Wasser sein“, schreibt Nabil al-Samman, syrischer Experte für internationale Gewässer, in einem Gastbeitrag für die arabische Zeitung „Asharq Al-Awsat“.

    Eine Dürre und die Kurzsichtigkeit der Politiker hatten 2011 in Ostsyrien im Euphrat-Tal Massenproteste provoziert, die wenige Zeit später – von den USA, der Türkei und einigen Golfmonarchien unterstützt – in einen gesamtnationalen Aufstand mündeten. Der anschließende Bürgerkrieg verwandelte die Wasserinfrastruktur des Landes in Ruinen.

    Nicht besser sieht die Lage östlich von Syrien aus. 15 Jahre Krieg und Zerstörung seit dem Einmarsch der USA in das Land haben auch für Bagdads Wasserwirtschaft katastrophale Folgen.

    In dem nahöstlichen Länderdreieck ist es allein der Türkei gelungen, sich die Macht über Wasserressourcen zu sichern. Während die syrische und die irakische Regierung nur langsam die volle Kontrolle über das Staatsgebiet wiedererlangen und eine Art von Normalität in ihren jeweiligen Ländern aufzubauen versuchen, treibt Ankara ein Megavorhaben in der Wasserwirtschaft voran.

    22 Staudämme und 19 Wasserkraftwerke sollen im sogenannten Südostanatolien-Projekt gebaut werden. Der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdogan, will das vom türkischen Staatsgründer Atatürk angestoßene Vorhaben vollendet sehen. Das Problem ist nur, dass die Staudämme rund die Hälfte der Wassermassen zurückhalten werden, die gegenwärtig noch in die Nachbarländer Syrien und Irak fließen.

    >>Andere Sputnik-Artikel: USA & Co. ohne Interesse an souveränem Irak – Durch Krieg gegen IS massiv zerstört

    Derweil haben sich die ungelösten Probleme mit der Wasserversorgung in der Region ohnehin seit Jahrzehnten angestaut. Alle Verhandlungen sind bisher an politischen Gegensätzen gescheitert. Der derzeitige Krieg in Syrien und die Verwicklung der Türkei in die Kampfhandlungen erschwert die Kompromisssuche zusätzlich.

    Noch 1962 hatten Damaskus und Ankara mit den Verhandlungen über die Wassernutzung begonnen. Nach unzähligen Verhandlungsrunden gab es schließlich einen Hoffnungsschimmer, als der derzeitige syrische Präsident Baschar al-Assad an die Macht gekommen ist.

    Doch dass die Türkei die Aufständischen im Norden Syriens unterstützt und nordsyrische Gebiete besetzt hält, steht der Wiederaufnahme dieses Dialogs nun im Wege.

    In der gleichen Zeit versuchte Damaskus auch mit Bagdad eine Einigung hinsichtlich des Euphrats zu erzielen, der über die Gebiete der beiden Länder fließt. Bis in die Neunzigerjahre hinein wurde verhandelt. Doch seit dem Sturz Saddam Husseins hat sich das Verhältnis zwischen den Nachbarstaaten maßgeblich verändert.

    Dass eine syrisch-irakische Wasserstrategie fehlt, spielt der Türkei in die Hände. Ankara ist es gelungen, die Kontrolle über die Flüsse Euphrat und Tigris zu festigen. Die türkische Führung sieht sich auch berechtigt, mehr Wasser aus den beiden Strömen zu nutzen als die Nachbarn, weil die türkischen Böden fruchtbarer seien.

    Die Türkei nutze die Flüsse ähnlich wie die Nachbarländer ihre Ölquellen, argumentierte der ehemalige türkische Präsident Süleyman Demirel: „Das Wasser im Euphrat und Tigris, das durch die Türkei fließt, ist türkisch. Wir fordern von Syrien und dem Irak ja auch nicht, dass sie uns was von ihrem Öl abgeben“, sagte er 1992 bei der Eröffnung eines Staudamms am Euphrat.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Eine Kette von Krisen erwürgt den Erdball: Wann und wo bricht Dritter Weltkrieg aus?

    Natürlich ist es schwer zu glauben, dass ein Wasserkonflikt zwischen Syrien, Irak und der Türkei möglich sei, schreibt der Wasserexperte Nabil al-Samman. Aber in den 2010er Jahren hätten sich die Gegensätze derart verschärft, dass die Nato das Szenario einer Invasion syrisch-irakischer Kräfte in die Türkei „ernsthaft geprüft“ habe.

    Syrien und Irak hätten mit der Offensive das Ziel verfolgt, Ankara zu einer gerechteren Nutzung des Wassers zu zwingen.

    Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer ähnlichen Entwicklung kommt, sei momentan zwar sehr gering, schreibt der Experte. Doch könnte das Problem wieder in den Vordergrund rücken, sobald sich das Leben in Syrien oder Irak wieder einigermaßen normalisiert habe.

    Jedenfalls wäre für Syrien und Irak, wo Schiiten an der Macht sind, die Einigung auf eine Allianz gegen die sunnitische Türkei kein großes Problem, um ihr das Monopol auf das Wasser von Euphrat und Tigris zu entziehen, so der Experte.

    Zum Thema:

    Naher Osten: „Moskau bricht die Dominanz der USA“
    Syrien-Einsatz: Russland testet Waffen, vor denen es „keinen Schutz“ gibt – Medien
    Rückzug aus Syrien? Iran stellt Bedingung
    Tags:
    Macht, Ressourcen, Wasser, Konflikt, Krise, Baschar al-Assad, Recep Tayyip Erdogan, Irak, Euphrat, Golfstaaten, USA, Türkei, Naher Osten
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren