10:10 20 Oktober 2018
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    Eurofighter der spanischen Streitkräfte (Archiv)

    Paradoxe Russophobie: Baltikum rechtfertigt Nato-Beschuss wegen Angst vor Russland

    © AP Photo / Mindaugas Kulbis
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    Die Regierungen der baltischen Staaten messen gegenüber Russland mit zweierlei Maß – besonders wenn es um Militärübungen und die Nato-Präsenz auf dem eigenen Territorium geht, wie der Baltikum-Experte Nikolai Meschewitsch äußerte.

    Der Vorfall mit einem Nato-Kampfjet, der versehentlich eine Rakete in Estland abfeuerte, könnte von Russland für eigene Zwecke genutzt werden – sowohl gegen das westliche Militärbündnis, als auch gegen den euroatlantischen Integrationsprozess der baltischen Länder, wie der Präsident Lettlands Raimonds Vejonis sagte.

    Der Eurofighter der spanischen Streitkräfte feuerte am 7. August um 15.44 MESZ Uhr im Süden Estlands eine Gefechtsrakete der Luft-Luft-Klasse ab. Der Selbstzerstörungsmodus, der bei einem fehlerhaften Start die Vernichtung der Rakete in der Luft sichert, wurde erfolgreich aktiviert. Allerdings besteht die Wahrscheinlichkeit, dass das Geschoss auf dem Boden niederging.

    Vejonis sprach vom menschlichen Faktor bei diesem Vorfall und äußerte die Besorgnis, dass das Vorkommnis Moskau Anlass geben würde, wieder einmal auf die Gefahren der Stationierung der Nato-Truppen an seinen Grenzen hinzuweisen.

    Russland immer an allem schuld

    Präsident Vejonis und jedes andere Staatsoberhaupt der baltischen Länder würde von menschlichen Faktoren bzw. technischen Fehlern sprechen. Selbst wenn eine spanische, portugiesische bzw. deutsche Rakete durch das Fenster seines Arbeitszimmers fliegen werde, so Meschewitsch.

    „Die antirussische Politik Litauens, Lettlands und Estlands wurde ein Teil der politischen Systeme dieser Länder, weshalb es dort keine andere Tagesordnung gibt. Alles wird ausschließlich in diesem Kontext betrachtet – vor allem vor den  Wahlen in Litauen (Präsidentschafts- und Kommunalwahlen), Estland und Lettland (Parlamentswahlen). Der beste Weg für das Einfangen von Wählerstimmen ist, irgendetwas Russland vorzuwerfen“, sagte der Experte.

    Ernstzunehmender Vorfall

    Der Vorfall in Estland ist ein sehr ernstzunehmendes Ereignis. Das fehlerhaft abgefeuerte Geschoss sei eine starke Rakete, die auch russisches Territorium hätte erreichen und einen Militärstützpunkt treffen können. Russland könnte berechtigterweise proportional darauf reagieren. In diesem Fall hätte es sehr lautes Geschrei gegeben, das in Russland schon jetzt ohne besondere Anlässe zu hören ist – über die militärische, politische Bedrohung.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Lettischer Politiker will Russland in Teile zerlegen – russische Duma reagiert

    Die Reaktion der baltischen Länder auf die Übungen der russischen Streitkräfte offenbart Doppelstandards. Im April fanden im Baltikum planmäßige Übungen der Raketenschiffe der Baltischen Flotte statt, bei denen die Elemente des Kampfes auf hoher See und Flugabwehr sowie das Schießen mit Antischiffsraketen gegen schwer zu treffende Zielscheiben geübt wurden. Diese Manöver sorgten für großes Aufsehen – der litauische Regierungschef Māris Kučinskis sprach von der Notwendigkeit, die Frage nach der Beschränkung dieser Manöver nahe anderer Staaten auf der Nato-Ebene zu stellen.

    Dabei starteten in Estland einen Monat später die Übungen “Siil” – das größte Training seit der Unabhängigkeitserklärung des Landes. Im September 2017 führte Russland gemeinsame Militärübungen mit Weißrussland durch – „Zapad 2017“. Zwei Tage nach Beginn der Übungen erklärte Litauen, dass zwei russische Militärflugzeuge Il-76 sich zwei Minuten lang im litauischen Luftraum auf dem Weg ins Gebiet Kaliningrad aufhielten. Es wurde eine Protestnote an den russischen Botschafter übergeben und eine Kampagne in der Presse gestartet. Doch danach sagte der Chef des Parlamentsausschusses für nationale Verteidigung und Sicherheit, Vytautas Bakas, dass es sinnlos sei, sich Sorgen zu machen. „Das ist nicht verwunderlich, weil der Umfang der Übungen groß ist“, sagte er.

    Nicht für das Publikum

    Die baltischen Politiker wüssten im Grunde ganz genau und könnten die Lage realistisch einschätzen – dass Russland keine Bedrohung sei. Allerdings gibt es Gründe, um sich Sorgen wegen der sich häufenden Vorfälle bei Übungen auf dem eigenen Territorium zu machen. Doch darüber wird natürlich nicht öffentlich gesprochen, so Meschewitsch.

    „Sie werden die Wahrheit selbst ihren Ehefrauen nicht sagen, weil sie sich nicht sicher sind, dass die Jungs aus der US-Botschaft ihnen keine Abhorchgeräte unters Bett montiert haben. Falls ihre Äußerungen publik werden, dann werden sie selbst nicht mehr als Lehrer angeheuert. Zumal die Politiker nichts können außer andere in die Irre zu führen“, sagte der Experte.

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    Tags:
    Rakete, Stationierung, Truppen, Proteste, Aggression, Eurofighter Typhoon, Manöver "Zapad 2017", NATO, Raimonds Vejonis, Baltikum, Estland, Litauen, Lettland, USA, Russland