04:08 17 Oktober 2018
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    Berliner Mauer (Archiv)

    Wo ist der Ausweg? Berliner Mauer und die Kunst des 20. Jahrhunderts

    © AP Photo / Markus Schreiber
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    Am 13. August 1961 wurden alle aus dem sowjetischen Besatzungssektor nach West-Berlin führenden Straßen gesperrt. Die alarmierten Abteilungen der Nationalen Volksarmee und der Volkspolizei der DDR mussten die Arbeiter beruhigen, die Asphaltteile und Pflaster aus den Straßen rissen und auf sie warfen.

    Kurze Zeit später wurden die provisorischen Barrieren mit Stacheldraht versehen, dahinter standen Laster mit Wasserwerfern für den Fall möglicher Proteste auf der westlichen Seite. So begann der Bau der Berliner Mauer, eines der markantesten Symbole des Totalitarismus des 20. Jahrhunderts. Die Webseite Iz.ru erinnert, wie sich die Mauer allmählich als Inspirationsquelle für Künstler etablierte.

    Sperrgebiet

    Zwischen 1949 und 1961 zogen fast 2,7 Millionen Einwohner der DDR in den westlichen Sektor der Hauptstadt. Besonders typisch war das für die Berliner, von denen viele die Grenze zwischen dem sowjetischen und dem amerikanischen, britischen oder französischen Besatzungssektor mehrmals am Tag überquerten und somit das Lebensniveau auf der „volksdemokratischen“ und der „kapitalistischen“ Seite vergleichen konnten. Allein 1960 entschieden sich etwa 200.000 von ihnen und vor allem junge Menschen gegen den Sozialismus.

    Das ließen sich natürlich weder die SED noch ihre sowjetischen „Betreuer“ in Moskau gefallen. Über den Bau der Berliner Mauer wurde bereits seit Mitte der 1950er-Jahren geredet. Doch der SED-Vorsitzende Walter Ulbricht erklärte noch am 15. Juni 1961 auf die entsprechende Frage einer Korrespondentin der westdeutschen Zeitung „Frankfurter Rundschau“: „Die Bauarbeiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich hauptsächlich mit Wohnungsbau, und ihre Arbeitskraft wird dafür voll eingesetzt. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

    Doch am 12. August verbreitete der Ministerrat der DDR eine Erklärung, in der es unter anderem hieß: „Zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeit der revanchistischen und militaristischen Kräfte Westdeutschlands und Westberlins wird eine solche Kontrolle an den Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik einschließlich der Grenze zu den Westsektoren von Groß-Berlin eingeführt, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich ist.“

    Wasserwerfer am Brandenburger Tor, davor ein Hinweisschild Achtung! Sie verlassen jetzt West-Berlin
    Wasserwerfer am Brandenburger Tor, davor ein Hinweisschild "Achtung! Sie verlassen jetzt West-Berlin"

    Und schon einen Tag später begann der Bau der 106 Kilometer langen und 3,6 Meter hohen Berliner Mauer, deren Attribute – Hindernisgräben, Stacheldraht, Wachtürme – eher für die Bewachung von Gefängnissen typisch waren und nicht für den Schutz der wahren Demokratie.

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    Im Grunde wurde die Mauer zu einer richtigen PR-Katastrophe für die ostdeutsche Staatsführung. Denn sie konnte keine überzeugenden Gründe finden, warum die Mauer errichtet werden musste. Die offizielle DDR-Propaganda nannte sie einen „antifaschistischen Schutzwall“, und der damalige Bürgermeister West-Berlins und künftige Bundeskanzler Willy Brandt stempelte sie zur „Schandmauer“ ab. 1971 erschien in der DDR eine Briefmarkenserie zum zehnjährigen Jubiläum der Berliner Mauer. Die westdeutsche Post schickte mit diesen Marken versehene Briefe ihren Absendern zurück.

    Aber generell war der verbale Schlagabtausch zwischen Ost und West in den frühen 1970er-Jahren nicht mehr so scharf. Man verzichtete im Westen auf den Begriff „Schandmauer“, und im Osten baute man die Befestigungsanlagen weiter, ohne aber das Thema „Verteidigung vor Revanchisten“ an die große Glocke zu hängen. Denn die Entspannungspolitik verlangte die Suche nach Möglichkeiten für eine friedliche Koexistenz und möglichst konstruktive Kooperation der beiden deutschen Staaten. Die sowjetische Propaganda tat ihrerseits überhaupt so, als würde es die Mauer gar nicht geben. In Medienberichten wurde sie kaum erwähnt und die meisten Einwohner der Sowjetunion wussten nicht von der Berliner Mauer Bescheid.

    Spaltungslinie

    Die Politik hat für eine Zeit lang die Berliner Mauer „vergessen“. Für Künstler blieb sie aber weiterhin aktuell. Zunächst war sie Gegenstand in vielen Romanen und Kinofilmen über Spione (angefangen wohl mit dem 1963 erschienen Roman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ von John le Carré und seiner Verfilmung von Martin Ritt zwei Jahre später), dann drang dieses Thema auch in andere Bereiche ein. Aus der „einfachen“ Beton- und Stahleinrichtung verwandelte sich die Mauer in ein negativ konnotiertes Symbol der Zeit, in eine metaphysische „Spaltlinie“ mitten im einheitlichen und wundervollen Kosmos. Sie teilte ihn in ein harmonisches und strukturiertes Universum einerseits und ein Chaos andererseits.

    In der Rockmusik der 1970er-Jahre wurde die Berliner Mauer enorm populär, wobei vor allem John Lennons Album „Walls and Bridges“ und der Hit „The Wall“ der Band Pink Floyd erwähnenswert sind. Im Juli 1990 fand auf dem Potsdamer Platz, der zwischen 1961 und 1989 von der Mauer durchtrennt war, ein gleichnamiges Konzert von Roger Waters statt. Die Mauer verkörperte die gespaltene, tote Zeit, wie auch den gespaltenen und toten Raum. Ebenfalls ist das in der tragikomischen Ballade „Berlin“ von Lou Reed zu spüren. Diese widmet sich der Trennung von einer Frau, „in Berlin, by the wall“, die „five foot ten inches tall“ war. Auch das Lied „Heroes“ seines Freundes David Bowie, der in den späten 1970er-Jahren in der Nähe der Mauer lebte, greift diese Thematik auf: 

    „I, I can remember (I remember)

    Standing, by the wall,

    And the guns

    The guns shot above our heads (over our heads)

    And we kissed

    As though nothing could fall (nothing could fall).”

    Für westliche Künstler schien diese schmale Linie des Bürgersteigs die Mauer entlang der schwankende Bereich zu sein, wo die Welt der Träume – genauer gesagt die Welt der Alpträume – in die Realität drang. Die gesamte „Berliner Trilogie“ David Bowies (die Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ von 1977 bis 1979) war mit dem Gefühl der Unruhe und der Suche nach dem Ausgang gefüllt. Genauso suchten die Einwohner der gespaltenen deutschen Hauptstadt nach dem „Ausgang“ (und zwar nicht nur in Ost-, sondern auch in West-Berlin –  in den 28 Jahren des Bestehens der Mauer gelang etwa 4000 Menschen die Flucht nach Ost-Berlin). 

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    Übrigens glauben einige Historiker sogar, dass David Bowie der friedlichen Revolution von 1989 und dem Mauerfall einen der ersten Impulse verlieh. Sein Konzert am 6. Juni 1987 auf dem Platz der Republik in Berlin, unmittelbar in der Nähe der Mauer, konnten auch Tausende Ost-Berliner mithören. „Wir senden unsere besten Wünsche an all unsere Freunde, die auf der anderen Seite der Mauer sind“, sagte der Sänger auf Deutsch. Auf der anderen Seite versammelten sich jedoch nicht nur Freunde. Die Volkspolizei setzte Wasserwerfer und Gummiknüppel gegen jene Menschen ein, die seine Musik hören wollten. Etwa 200 von ihnen wurden festgenommen.

    Mauerbau, Aufstellen von Betonblöcken mit einem Kran hinter Stacheldraht
    Mauerbau, Aufstellen von Betonblöcken mit einem Kran hinter Stacheldraht

    Egal wie, aber die Deutschen erkennen Bowies Verdienste um Berlin an. Nach seinem Tod im Januar 2016 schrieb das Bundesaußenamt auf Twitter: „Auf Wiedersehen, David Bowie. Du bist jetzt unter #Heroes. Danke, dass du geholfen hast, die Mauer zu Fall zu bringen.“

    Farben und Spitzhacken

    Mit der Zeit bekam auch die Mauer selbst einen neuen Sinn – als physisches Objekt. Auf der westlichen Seite wurde es bereits in den 1960er-Jahren Usus, etwas darauf zu schreiben –  normalerweise politische Parolen wie „Deutschland sollte einheitlich sein!“

    1970 bemalten West-Berliner Jugendliche die Mauer mit verschiedenen Graffitis. Eines davon machte Roger Taylor von der Rockband Queen zum Leitmotiv für das Cover des Albums „Jazz“ (1978).

    Der französische Maler Thierry Noir war im Jahr 1984 einer der ersten (das behauptet er jedenfalls selbst), der mit dem künstlerischen Bemalen der Mauer begann. Übrigens erschien Noir später in dem Kinofilm „Der Himmel über Berlin“, wo er sich selbst spielte. Dabei stand er auf einer Leiter und bemalte die Mauer. Das anfänglich schwarz-weiße Bild wurde allmählich bunt. Damit verkörperte er die Hoffnung, dass sich doch ein „Ausgang“ aus dem „Nirgendwo“, aus der „nichtnormalen Welt“ in die „wahre Realität“ finden würde.

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    Der Urheber des wohl berühmtesten Bildes auf der Berliner Mauer ist der Russe Dmitri Wrubel. Es zeigt den sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew und den SED-Vorsitzenden Erich Honecker beim Bruderkuss. Im Grunde handelt es sich um die Wiedergabe eines Fotos aus dem Jahr 1979 mit der Aufschrift: „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben!“

    Der spontane Abriss der Berliner Mauer begann am 9. November 1989. Tausende Menschen durchbrachen sie und viele von ihnen nahmen Stücke der Mauer mit. Seit dem 12. Juni 1990 nahmen auch Spezialisten an der Abtragung teil. Zur endgültigen Demontage kam es jedoch erst im November 1991. Nur noch sechs kleine Abschnitte der Mauer bleiben zum Gedenken und zur Mahnung an neuen Generationen, dass sich so etwas nie wiederholen darf.

    Die Ruinen der Berliner Mauer – insbesondere etwa 1,7 Millionen Tonnen Bauschutt – wurden von Menschen als Souvenirs mitgenommen. Sie werden immer noch auf Berliner Flohmärkten verkauft. Aber, wie jemand bemerkte, müsste sich die Mauer bis zum Atlantischen Ozean erstreckt haben – so viele Bruchstücke der Mauer seien heute noch im Umlauf.

    Nach dem Mauerfall wollte man den 9. November zum Nationalen Feiertag machen. Darauf wurde am Ende verzichtet, da es am 9. November 1938 zur Kristallnacht der Judenpogrome gekommen war. Zudem war an diesem Tag im Jahr 1848 der Schriftsteller, Diplomat und Revolutionsheld Robert Blum hingerichtet worden.

    Die Idee des Mauerbaus liegt offenbar noch heute in der Luft. Erwähnenswert sind zumindest die vorerst auf dem Papier bleibende Initiative der aktuellen Machthaber in Kiew oder auch die durchaus reelle 700 Kilometer lange Sperranlage, die Israel vom Westjordanland trennt.

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    Tags:
    Flucht, Propaganda, Sozialismus, Berliner Mauer, Mauerbau, Kalter Krieg, DDR, UdSSR, Deutschland