SNA Radio
    v.l.n.r.:  Aserbaidschans Präsident Ilcham Alijew, Irans Präsident Hassan Rouhani, Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew, Russlands Präsident Wladimir Putin und Turkmenistans Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow

    Westen verbucht Aufteilung des Kaspischen Meeres als Russlands Erfolg – Warum?

    © Sputnik / Alexej Nikolskij
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Wsgljad
    151801

    Das nach langjährigen Streitigkeiten unterzeichnete Abkommen über den Status des Kaspischen Meeres sei für Russland nicht wirtschaftlich, sondern vor allem geopolitisch wichtig gewesen, berichten westliche Medien. Im Gegenzug musste Moskau mehrere Zugeständnisse machen. Welchen Bedrohungen ging Russland dank dieses historischen Deals aus dem Weg?

    Die „kaspischen Fünf“ – Russland, der Iran, Kasachstan, Aserbaidschan und Turkmenistan – unterzeichneten am Sonntag im kasachischen Aktau ein Übereinkommen über den Rechtsstatus des Kaspischen Meeres, an dem seit 1996 immer wieder gefeilt wurde. Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnete den Gipfel, bei dem das Übereinkommen unterzeichnet wurde, als epochal. Das Dokument wird bereits als „Verfassung“ des Kaspischen Meeres tituliert.

    Laut dem Übereinkommen wird das Gewässer des Kaspischen Meeres in Binnen- und Territorialgewässer, Fischereizonen und gemeinsames Gewässer aufgeteilt. Das Territorialgewässer erstreckt sich auf 15 Seemeilen für jedes Land. Die äußere Grenze des Territorialgewässers bekommt dem Übereinkommen zufolge den Status einer Staatsgrenze, innerhalb derer jedes Land über ein ausschließliches Recht auf Fischerei verfügt. Das gemeinsame Gewässer bleibt außerhalb der Fischereizone bestehen, wo die Schiffe unter den Flaggen der Küstenländer freie Fahrt haben.

    Schifffahrt, Fischerei, Forschungsstudien und die Verlegung der Pipelines erfolgen nach abgestimmten Regeln. Bei der Umsetzung von großangelegten Meeresprojekten wird auch der Umweltfaktor berücksichtigt. Verboten werden Aktivitäten, die der biologischen Vielfalt schaden.

    Der Boden und die Bodenschätze werden unter den Ländern nach dem Abschluss von bilateralen Abkommen aufgeteilt. Die Länder der kaspischen Fünf verfügen über das Recht, künstliche Inseln im Meer zu errichten. Ihre Sicherheitszonen sind auf 500 Meter begrenzt.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Der Kaspi-Deal: Kaspische Anrainer schaffen Basis für Frieden und Wachstum

    Im Übereinkommen ist ebenfalls festgeschrieben, dass sich Streitkräfte von Drittländern nicht in dem Gewässer aufhalten dürfen. Keines der fünf Länder darf sein Territorium einem externen regionalen Akteur als Aufmarschgebiet für militärische Aggressionen gegen einen Kaspi-Anrainer bereitstellen. Für die Aufrechterhaltung der Sicherheit auf hoher See sind die fünf Kaspi-Anrainer zuständig.

    Putin sagte bei dem Gipfel in Aktau, dass Russland zum Jahr 2025 einen neuen Tiefhafen bei Kaspijsk bauen will, der große Frachter mit einer Nutzlast von 15.000 bis 25.000 Tonnen aufnehmen kann.

    Im Westen wurde das Abkommen als Erfolg Russlands bezeichnet. Die britische Zeitung „The Guardian“ hob hervor, dass es ein Triumph Putins war, wobei eingeräumt wurde, dass Russland dies nicht leicht gefallen ist – nach 20 Jahren schwieriger Verhandlungen. Die Zeitung „The Independent“ verwies darauf, dass die „Verfassung des Kaspischen Meeres“ die geopolitische Dominanz Russlands in der Region untermauern sowie die dortige Einrichtung von Stützpunkten der USA und der Nato verhindern wird.

    Das historische Abkommen zum Status des Kaspischen Meeres war für Russland nicht wegen der wirtschaftlicher Gewinne, sondern zur Festigung des Images eines außenpolitischen Anführers sowie zur Gewährleistung der militärischen Dominanz in der Region notwendig, schreibt die französische Zeitung „Le Monde“. Auch wenn Russland bei einigen wirtschaftlichen Aspekten von seinen Positionen abrücken musste, sammelt es viele Pluspunkte. Es zeigte sich in der Lage, Bewegung in die verfahrene Situation zu bringen und seinen Ruf als Staat zu stärken, der diplomatische Abkommen zustande bringt.

    Moskau musste tatsächlich auf Zugeständnisse eingehen. Das Übereinkommen ermöglicht es Turkmenistan und Aserbaidschan, die Transkaspische Pipeline zu bauen, gegen die sich zuvor Russland gewehrt hatte. Denn der Transit des turkmenischen Gases via Aserbaidschan, Georgien, die Türkei und weiter nach Europa stellt eine Konkurrenz für Turkish Stream und andere russische Pipelines dar.

    Wie die „New York Times“ jedoch berichtet, musste Russland auf diesen Kompromiss wegen des konkurrierenden chinesischen Projekts „Wirtschaftlicher Gürtel der Seidenstraße“ und wegen der Tatsache eingehen, dass die Kaspi-Anrainer ihre Energieströme unter Umgehung Russlands nach Asien umlenken können.

    Die Unterzeichnung des Übereinkommens sei ein großer Erfolg Moskaus, weil Russland nicht nur die Möglichkeit bekommt, die kaspischen Öl- und Gasvorkommen zu nutzen, sondern auch Pläne im Nahen Osten umsetzen kann, so die CNN-Korrespondentin Nina dos Santos. Das Abkommen würde die Möglichkeit schaffen, den Weg für Investitionen in künftige Infrastrukturprojekte zu ebnen. Es geht dabei unter anderem um die Nutzung der großen Öl- und Gasvorkommen Turkmenistans, die mit dem größten Verbraucher dieser Ressourcen – Europa – verbunden werden können, wie Santos ergänzte.

    Zudem können die von den US-Sanktionen betroffenen Länder wie Iran und Russland dieses Abkommen ihrem Volk und anderen Kaspi-Anrainern als „Abkommen unter Freunden“ präsentieren, das von großer wirtschaftlicher, strategischer und politischer Bedeutung für diese Region und den Nahen Osten ist.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Britische Medien sehen Russlands militärische Übermacht hinter Kaspi-„Grundgesetz“

    Der Präsident des Zentrums für strategische Kommunikationen, Dmitri Absalow, äußerte die Meinung, dass Russland dieses Abkommen aus mehreren Gründen braucht. „Erstens ist es die Demarkierung der Grenzen, was bereits ein bestimmter Vorteil ist, weil das die Unbestimmtheit an den Grenzen verringert. Eine weitere sehr wichtige Frage ist die Sicherheit. Laut dem Abkommen können ins Kaspische Meer nicht die Streitkräfte von Drittstaaten gebracht werden“, so der Experte. Wären dort beispielsweise US-Analoga der Kalibr-Raketen stationiert, wäre es an den südlichen Grenzen Russlands und in Zentralrussland sehr unsicher.

    Wirtschaftlich sei das Kaspische Meer in Sachen Öl und Gas sehr interessant, so Absalow. „Die Aufteilung des Schelfs und der Gebiete hilft bei der Nutzung des energetischen Potentials der Region.“ Zudem sei das dortige Schelf nicht tief. Im Unterschied zu den nördlichen Regionen Russlands birgt die Erschließung der Vorkommen hier weniger Risiken. Deswegen ist es für die beteiligten Länder wie Russland eine Aufteilung von konkreten Gebieten, in denen sich die potentielle Produktionsbasis befindet“, sagte der Experte.

    „Der zweite Teil betrifft die Logistik. In der Region verlaufen mehrere Routen des Wirtschaftlichen Gürtels der Seidenstraße, eine ganze Reihe von Akteuren will diese Region für alternative Projekte nutzen. Es gibt beispielsweise den sogenannten Südlichen Korridor, der die Lieferung von Energieträgern aus Kasachstan bzw. aus dem Iran (was allerdings kaum wahrscheinlich ist) in die EU vorsieht“, so der Experte. Das neue Übereinkommen würde Russland die Möglichkeit verschaffen, solche Projekte zu kontrollieren bzw. sich daran zu beteiligen. Dabei müsse Moskau so agieren, damit die Projekte sich nicht in eine Alternative zu russischen Gaslieferungen nach Europa verwandeln.

    Darüber hinaus geht es um Logistik bei Frachtlieferungen aus Asien in die EU und umgekehrt, die von Russland über das Kaspische Meer gewährleistet werden könnten. Ein aktives Zusammenwirken gebe es da nicht nur mit China, sondern auch mit dem Iran, Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan, so Absalow. Deswegen sind aus dieser Sicht alle Projekte, die mit einer Erhöhung des Handelsumsatzes verbunden sind, eine ziemlich aussichtsreiche Lösung. Darauf zielen auch die Pläne Russlands zum Bau eines Tiefhafens ab.

    Allerdings seien die Verlautbarungen westlicher Medien, dass es ein Triumph Russlands sei, etwas übertrieben, so der Experte.

    „Der militärische Teil des Übereinkommens ist natürlich ein Erfolg Russlands. Er verschafft de facto die Möglichkeit, die strategische Plattform aufrechtzuerhalten und mögliche Einmischungen der Nato zu beschränken“, so Absalow.

    Für Russland bestehe der Erfolg darin, die Zahl der feindseligen und gegen sich gerichteten Projekte zu minimieren, meint Absalow. „Doch ich würde sagen, dass es für den Iran ein großer Erfolg ist.“ Für Teheran war der Faktor der Festlegung der Grenzen sehr wichtig. Auch wirtschaftlich zieht es große Vorteile aus der Vereinbarung, wie Absalow abschließend ausführt.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Putin: Kaspi-Konvention verbietet Präsenz fremder Streitkräfte

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Was Russland bei der Aufteilung des Kaspischen Meeres bekommt
    Diese Themen besprachen Putin und Rohani bei Kaspi-Gipfel in Kasachstan – Peskow
    Kasachstan stellt richtig: Keine US-Basen am Kaspischen Meer
    Tags:
    Fischerei, US-Sanktionen, Aufteilung, Forschungen, Pipelines, Status, Dominanz, Erfolg, Abkommen, Stützpunkte, CNN, NATO, Wladimir Putin, Kaspisches Meer, Turkmenistan, Aserbaidschan, Iran, Kasachstan, USA, Russland