03:38 20 September 2018
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    US-Präsident Donald Trump (l.) und Präsident der Türkei Tayyip Erdogan (Archiv)

    Nach Bruch mit USA: Werden Russland und die Türkei nun dicke Freunde?

    © REUTERS / Kevin Lamarque/File Photo
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    Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat den USA einen Wirtschaftskrieg angekündigt. Nach der Einführung der amerikanischen Importzölle auf türkisches Stahl und Aluminium, die den Absturz der Lira auslösten, kündigte Ankara Gegenschritte an.

    Die Türken werden nicht nur auf amerikanische Digitaltechnik verzichten, sondern auch Importzölle auf etliche Waren aus den USA verhängen, insbesondere auf Fahrzeuge, Tabakwaren und Alkoholika.

    Angesichts dessen stellt sich die Frage: Ist tatsächlich ein Bruch zwischen der Türkei und dem Westen zu erwarten, der zu einer weiteren Annäherung an Russland führen könnte?

    Laut dem am Dienstag veröffentlichten Erlass von Präsident Erdogan erhöht die Türkei die Importzölle auf eine ganze Reihe von Waren aus Amerika: für Tabak (um 60 Prozent), Alkohol (um 140 Prozent), Autos (um 120 Prozent) sowie für Reis, Obst, Kosmetikwaren usw.

    Außerdem droht Ankara, ab sofort Digitaltechnik aus den USA zu boykottieren. „Sie (Amerikaner) haben das iPhone, aber es gibt in der Welt auch Samsung“, sagte Erdogan. Dabei machte er nicht nur Werbung für die südkoreanische Firma, sondern erwähnte auch eine türkische Marke: „Wir haben auch unseren Telefonhersteller Venüs Vestel – und wir werden diese Geräte nutzen.“

    Der jüngste Sanktionsvorstoß des US-Präsidenten Donald Trump hatte gravierende Folgen für die türkische Wirtschaft. „Das ist ein herber Schlag“, stellt Viktor Nadejin-Rajewski vom russischen Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen fest. „Die Inflationsrate hat eine zweistellige Zahl erreicht; die Arbeitslosigkeit liegt bei elf Prozent. Das sind die schlechtesten Kennzahlen in allen Jahren unter Erdogan.“ 

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    Die türkische Lira verlor innerhalb einer Woche mehr als 20 Prozent ihres Wertes, denn die internationalen Märkte zweifeln an Ankaras Fähigkeit zur Tilgung seiner Schulden in ausländischen Währungen. Die Auslandsschulden der Türkei werden gerade in US-Dollar berechnet und belaufen sich aktuell auf 250 Milliarden. Diese Summe ist zweimal so hoch wie die türkischen Devisenreserven.

    Ein Wirtschaftsberater Trumps konstatierte, dass der Absturz der Lira von fundamentalen Problemen der türkischen Wirtschaft zeuge. Zudem bezweifeln amerikanische Experten für Terrorbekämpfung, dass Washington mit Ankaras Hilfe im Kampf gegen den IS rechnen könnte. Die Türken könnten beispielsweise Informationen über den Aufenthalt von IS-Kämpfern in Syrien verheimlichen.

    Erdogan reagierte auf das Vorgehen seiner US-Partner scharf, was für ihn allerdings typisch ist. Er erinnerte an den gescheiterten Putschversuch im Sommer 2016, den Ankara dem in Amerika lebenden Prediger Fethullah Gülen vorwirft, und betonte, dass Washingtons aktuelle Politik gegenüber seinem Land im Grunde die Fortsetzung des damaligen Putsches sei. Erdogan zufolge geht es um „einen ökonomischen Angriff auf die Türkei. Früher wurden solche Dinge heimlich getan, und jetzt geht man gegen uns offen vor. Wir können zwei Dinge tun – von der wirtschaftlichen und von der politischen Position aus. Aus wirtschaftlicher Sicht ergreifen wir Maßnahmen, unser Finanzministerium und unser Schatzamt arbeiten Tag und Nacht daran.“

    Im Unterschied zu Russland, das 2014 mit den westlichen Sanktionen konfrontiert wurde, ist es für die Türkei deutlich schwerwiegender, weil Moskau immerhin viel größere Gold- und Devisenreserven hatte und außerdem über Öl und Gas verfügt, das es in den Westen exportiert.

    Der russische Nahost- und Kaukasus-Experte Stanislaw Tarassow findet, dass der Druck, dem die USA die Türkei aussetzen, „nicht anders als der auf die EU-Länder und China ist“. „Die Türken ergreifen Gegenmaßnahmen. Erdogan verwendet Begriffe wie ‚Wirtschaftskrieg‘ und ‚versuchter Staatsstreich‘“, betonte er. Für Ankara, das sich für eine Nahost-Großmacht halte, könne  Washingtons Vorgehen unmöglich ohne Reaktion bleiben. „Dennoch bedeutet das nicht, dass die historische Partnerschaft zwischen der Türkei und dem Westen in die Brüche geht“, so der Experte.

    Trotz der scharfen Aussagen Erdogans verbrennt die Türkei tatsächlich nicht alle Brücken: Als „guter Polizist“ trat Außenminister Mevlüt Cavusoglu auf. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow rief er die zur Wiederaufnahme des Dialogs mit den USA auf, um die entstandenen Probleme zu regeln.

    Experte Nadejin-Rajewski findet, dass sich Cavusoglu darum bemühe, den negativen Effekt der Erklärungen Erdogans zu relativieren. „Das Problem ist allerdings, dass die Amerikaner auf solche Aufrufe kaum reagieren“, betonte der Politologe. „Das ist ein unangenehmer Moment für die Türken. Die Amerikaner ignorieren die Interessen ihres Verbündeten, und deshalb wird sogar schon darüber gesprochen, dass Ankara bereit wäre, Washington auf dem Niveau ihrer Verbündetenbeziehungen zu antworten. Aber aus meiner Sicht kann man zumindest vorerst nicht erwarten, dass die Türkei aus der Nato austreten oder andere ähnliche Schritte machen würde.“ Außerdem sehe man auch in Amerika ein, dass die Türkei ein wichtiger Verbündeter sei. „Für die USA ist die Türkei ein wichtiger Vorposten im östlichen Mittelmeerraum. Es gibt niemanden, der sie ersetzen könnte“, so Nadejin-Rajewski. Deshalb erwartet er nach seinen Worten, dass Washington und Ankara am Ende ihre Beziehungen doch normalisieren werden.

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    Sergej Balmassow vom Institut für Orientalistik schloss ebenfalls nicht aus, dass die Seiten in absehbarer Zeit einen Kompromiss finden werden. „Es ist offensichtlich, dass es für die Türkei sinnlos wäre, ihren Konflikt mit den Vereinigten Staaten weiter zu vertiefen. Die Auseinandersetzungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union sind mehr oder weniger nachvollziehbar. Aber wozu sollten sie sich mit den USA zerstreiten?“

    Die US-Zeitschrift „Wall Street Journal“ findet, dass sich Ankara angesichts der Anspannung der Beziehungen mit Washington allmählich Moskau annähern würde. Russland bleibe für die Türkei tatsächlich ein ziemlich wichtiges Land – sowohl als großer Handelspartner als auch aus politischer Sicht, stimmte Nadejin-Rajewski zu.

    „Die Türken müssen nach neuen Verbündeten suchen und machen kein Hehl daraus. Sergej Lawrow bedankte sich nach seiner Ankunft in Ankara bei der Türkei und ihrem Spitzenpolitiker für ihre politische Linie“, sagte auch Balmassow.

    Kollege Tarassow zeigte sich aber geteilter Meinung. Nach seiner Auffassung wird Ankara eine radikale Zuspitzung der Beziehungen mit dem Westen vermeiden, ohne wirklich in Richtung Russland zu „driften“. „Die Türkei kooperiert mit den USA seit Jahren und hat eine exportorientierte Wirtschaft. Die Türken werden sich nicht so einfach von ihnen spalten und der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft und der OVKS anschließen.“ 

    Für eine Annäherung mit Russland bräuchte Ankara sehr umfassende Reformen und müsse sich entscheiden: entweder mit dem Osten oder mit dem Westen. Und es laviert zwischen beiden Seiten. „Wenn die Türken mit dem Westen streiten, erklären sie, dass sie jetzt mit dem Osten Freunde sind. Wenn es mit dem Osten nicht klappt, wenden sie sich wieder dem Westen zu“, stellte der Politologe fest.

    Hinzu komme, dass die Kontroversen zwischen Moskau und Ankara immer noch vorhanden seien, unterstrich Balmassow seinerseits. „Das gilt auch für die Versuche der Türkei, die Krim-Tataren als Instrument einzusetzen, und auch für die Kontroversen bezüglich Syriens, auch für ihren Interessenkonflikt auf dem Balkan und in Abchasien“, zählte der Experte auf. „Angesichts des Drucks seitens der USA und der EU könnten Russland und die Türkei tatsächlich enger zusammenwirken, aber das wäre eine ‚Freundschaft gegen jemanden‘, die nicht wirklich tiefgreifend sein kann“.

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    Tags:
    Gas, Öl, Absturz, Lira, Sanktionen, EU, Recep Tayyip Erdogan, China, USA, Türkei, Russland