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    George Soros (Archiv)

    Hellseher oder Zinker? Wie Soros Russlands Pleite prophezeite – und davon profitierte

    © AP Photo / Miguel Angel Morenatti
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    Ein renommiertes Finanzblatt druckt einen Brief des Top-Anlegers George Soros ab, in dem dieser den Zusammenbruch russischer Staatsfinanzen vorhersagt. Vier Tage später ist es soweit: Die russische Führung erklärt den Staatsbankrott, russische Banken kollabieren – und Soros erklärt, er habe nur helfen wollen.

    Die schwerste Wirtschaftskrise der russischen Geschichte begann womöglich mit Soros‘ Schreiben vom 13. August 1998. „Die Verwerfungen an den russischen Finanzmärkten haben ein kritisches Stadium erreicht“, schrieb der Finanzguru in der „Financial Times“. „Es muss unverzüglich gehandelt werden“.

    Russische Banker und Broker hatten laut Soros Geld für den Kauf von Wertpapieren geliehen, konnten jedoch keine Rückstellungen bilden. Der Wert von Staatsanleihen fiel rapide, es bestand die Gefahr eines Bank Runs vonseiten der russischen Bevölkerung.

    Am 17. August 1998 – vier Tage nach der Briefveröffentlichung – erklärten die russische Regierung und die Zentralbank, dass die Verbindlichkeiten aus den russischen Staatsanleihen nicht mehr bedient werden könnten. Um es mit anderen Worten zu sagen, war der russische Staat nicht mehr in der Lage, seine Schulden zu bezahlen.

    Die Regierungserklärung setzte eine Katastrophenkette in Gang. Der Rubel stürzte im Verhältnis zum Dollar ab, die Inflation schnellte hoch, Firmen gingen pleite, Banken crashten, Russlands Auslandsschulden explodierten.

    In seinem Buch „Die Krise des globalen Kapitalismus“ wird Soros 1999 schreiben, die Staatspleite hätte durch eine Rubel-Abwertung abgewendet werden können. Seinen Artikel in der „FT“ habe er geschrieben, um die G7-Staaten darauf aufmerksam zu machen, dass Russland Hilfe benötige.

    „Russland hat Reserven in Höhe von 18 Milliarden, der IWF hat 17 Milliarden versprochen, die G7 muss 15 Milliarden bereitstellen, um eine Kurssteuerung des Rubels zu ermöglichen“, schrieb der Top-Investor in der „Financial Times“.

    Dann hätte die russische Zentralbank, wir Soros erklärte, sich verpflichtet, den russischen Rubel ohne Einschränkungen gegen Fremdwährungen zu einem festen Kurs zu tauschen. In diesem Fall wäre der Wert der Staatsanleihen unverzüglich gestiegen und die gesündesten russischen Banken hätten überlebt.

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    Russlands Regierung und die Notenbank lehnten Soros‘ Plan entschieden ab. Die Umsetzung der Maßnahmen, die George Soros vorschlage, würde „zusätzliche Nervosität“ in die Finanzmärkte tragen und „Voraussetzungen für ein spekulatives Spiel“ schaffen, sagte damals der Vize-Vorsitzende der russischen Zentralbank.

    Später erinnerte sich Soros, dass seinem Brief „außerordentliche Aufmerksamkeit“ geschenkt worden sei. Die Märkte legten die „Weissagung“ des Finanzgurus als eine Empfehlung aus, den russischen Rubel loszuwerden. Nur einen Tag nach der Briefveröffentlichung stieg die Rendite der russischen Staatspapiere auf 165 Prozent.

    Aber mit dem, „was ich getan oder gesagt habe“, hängen die Verwerfungen auf dem russischen Finanzmärkt nicht zusammen, erklärte Soros später. Sein Portfolio hätte durch die Rubel-Abwertung nur gelitten.

    Von Pfund bis Bath

    Auch die Asienkrise von 1997-1998 hatte Soros vorausgeahnt. Mitte der 1990er Jahre wuchsen südostasiatische Länder wie Thailand, die Philippinen und Indonesien wirtschaftlich besonders rasant. Ebenso rege flossen Auslandskredite in die Volkswirtschaft. Der massive Kapitalzufluss und die steigenden Schulden hatten letztlich eine Überhitzung der Wirtschaften zur Folge.

    Als George Soros den thailändischen Bath im Wert von einer Milliarde Dollar abgestoßen hatte, brach die thailändische Währung zusammen. Der Kurssturz löste eine Kettenreaktion in Südostasien aus. Der malaysische Premierminister, Mahathir bin Mohamad, warf dem amerikanischen Investor vor, die Krise initiiert zu haben.

    Soros sah die Krisenursache ganz wo anders. Später schrieb er in seinem bereits erwähnten Buch: „Als uns im Januar 1997 klar wurde, dass die Lage besorgniserregend wird, hätte das auch anderen klarwerden müssen. Aber die Krise brach erst im Juli 1997 aus, als die thailändische Führung darauf verzichtete, den Bath an den Dollar zu binden, und sich für einen schwankenden Wechselkurs entschied.“

    Eine andere Finanzkrise, die mit dem Namen des Star-Investors verbunden ist, brach 1992 aus. Damals stand der britische Pound hoch im Kurs. Und obwohl die Währung definitiv überbewertet war, rechnete die britische Regierung dennoch mit dem Vertrauen der Anleger. George Soros spekulierte jedoch gegen den Pound, machte eine Milliarde Dollar und wurde weltberühmt – als der „Mann, der die Bank of England plünderte“.

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    Neue globale Krise

    Erst im Mai dieses Jahres hat Soros eine neue globale Finanzkrise vorhergesagt. Demnach wird der Kursanstieg des US-Dollars, die Flucht der Investoren aus den Schwellenländern und die Abwertung ihrer Währungen dazu führen, dass die Europäischen Union mit ernsten Schwierigkeiten konfrontiert wird.

    Die russische Zentralbank hat bereits davor gewarnt, den „Weissagungen“ des Star-Investors bedingungslos zu glauben: „Soros hat zwar an einer Krise verdient, aber in vielen anderen verloren. Deshalb sind solcherart Erklärungen immer mit allergrößter Vorsicht zu genießen“, so die Vize-Vorsitzende der russischen Notenbank, Ksenia Judajewa.

    Eines ist sicher: An dem Börsen- und Finanzguru George Soros scheiden sich die Geister. Für viele ist er nur ein Krisentreiber, der es nur auf persönlichen Profit abgesehen habe. Die Zeitschrift „Forbes“ schätzte Soros‘ Privatvermögen im Jahr 1999 auf vier Milliarden und 2017 auf rund 25 Milliarden US-Dollar.

    Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Paul Krugman bezeichnet grundsätzlich jeden Spekulanten als „Soros“, der an Währungskrisen verdient.

    Über die Russland-Krise von 1998 schrieb der echte George Soros: „Mein Brief an die Financial Times hatte auch unvorhergesehene negative Folgen. Ich bereue es nicht, versucht zu haben, Russland mit dem Weg in eine offene Gesellschaft zu helfen. Mein Versuch war nicht vom Erfolg gekrönt, aber ich habe ihn zumindest unternommen.“

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    Tags:
    Krise, Rubel, Schulden, The Financial Times, G7, George Soros, Russland