01:30 25 September 2018
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    Kampfjet F-15C Eagle der US-Luftstreitkräfte auf dem Militärflugplatz Siauliai in Litauen (Archivbild)

    Nato trainiert Bombenabwurf in Litauen: Russlands Überleben steht auf dem Spiel

    © AFP 2018 / Petras Malukas
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    Vom litauischen Städtchen Kazlu Ruda braucht man keine Autostunde bis nach Russland. Ein Kampfjet schafft die Strecke in drei Minuten. Die Exklave Kaliningrad ist nur einen Steinwurf von dem Ort entfernt, an dem bald das erste Bombodrom der Nato im Baltikum betrieben wird. Auf dem Übungsplatz sollen Angriffe auf Bodenziele trainiert werden.

    Das neue Bombodrom in Kazlu Ruda war in den Siebzigern ein sowjetischer Fliegerhorst. Schwere Militärfrachter starteten hier, meist mit Fallschirmjägern an Bord, die das Absetzen aus dem Flugzeug übten.

    Die Pioniertruppe der US Air Force hat den alten Flugplatz vor kurzem gemäß Nato-Standards modernisiert. Finanziert wurde die Sanierung aus dem US-Verteidigungsetat im Rahmen der European Reassurance Initiative (ERI). Das Programm sei eine Reaktion auf die „russische Aggression“, heißt es aus dem Pentagon.

    Der Militärexperte Juri Knutow, ein Veteran der russischen Flugabwehr, sagt: Mit der „Aggression“ verhält es sich genau umgekehrt. „Seit langem warne ich davor, dass die Nato mit Kaliningrad etwas ganz Bestimmtes vorhat. Die Region soll von Russland abgeschnitten und anschließend einverleibt werden. Denkbar wäre dann auch ein Tausch: Kaliningrad gegen die Krim.“

    Vor kurzem hat die Denkfabrik Stratfor aus den USA – auch bekannt als „Schatten-CIA“ – einen Bericht veröffentlicht, in dem die US-Strategen laut dem Experten prognostizieren, dass Russland allerhöchstens noch 15 Jahre bestehen werde.

    „Das heißt, man wird in den nächsten Jahren mit allen Mitteln versuchen, uns zu spalten. Die Oblast Kaliningrad würde dann, ähnlich dem Kosovo, zu einer pseudounabhängigen Republik, faktisch aber zu einem unsinkbaren Flugzeugträger der Vereinigten Staaten erklärt werden“, sagt der Militärexperte.

    Das Bombodrom in Litauen – übrigens die erste Nato-Einrichtung dieser Art im Baltikum – passt in dieses Kalkül: „Dass die Amerikaner ausgerechnet diesen Flugplatz wiederaufgebaut haben, zeigt vor allem, dass die Nato vorrangig eine Angriffsstrategie fährt.“

    Ab September wird die westliche Allianz in Litauen Angriffe gegen russische Truppen üben. Das ist laut dem Fachmann die wirkliche Gefahr. Und ein Signal: Die Bomben werden dann in direkter Nähe von Sankt Petersburg und Kaliningrad abgeworfen.

    Man stelle sich vor, die russischen Raketentruppen würden zu Übungszwecken eine Interkontinentalrakete unweit der US-Küste einschlagen lassen. Nicht auf amerikanischem Gebiet natürlich, nein: einfach nur direkt daneben. Vielleicht wäre das eine Maßnahme, „damit die USA ein wenig zur Vernunft kommen“, sagt Knutow.

    Jedenfalls ist das Bombodrom in Kazlu Ruda für Russland „eine ernsthafte Gefahr“. „Wir müssen darauf reagieren, aber wir dürfen uns unter keinen Umständen in einen Rüstungswettlauf verwickeln lassen, in den man uns die ganze Zeit hineinzuziehen versucht“, so der Experte.

    Es steht nicht weniger auf dem Spiel als Russlands Überleben: „Wenn wir bestehen, haben wir die Chance, stärker zu werden und nach vorn zu gehen. Wenn nicht, gehen wir den Weg Jugoslawiens und verschwinden als Staat von der Weltkarte“, mahnt der Veteran.

    Die Gefahr ist jetzt schon real. Ein Bombodrom der Nato direkt an der russischen Grenze muss die russische Flugabwehr in ständigem Alarmzustand halten: „Besonders gefährlich wird es, wenn Bomben und Raketen versehentlich in den russischen Luftraum eindringen. Das ist doch absolut möglich, wie der jüngste Vorfall mit dem spanischen Kampfjet gezeigt hat“, erklärt der Flugabwehrspezialist.

    „Dass dieses Säbelrasseln unsere Flugabwehr die ganze Zeit in Anspannung hält, ist eine zusätzliche Gefahr. Die Mannschaften sind ständig in Gefechtsbereitschaft, werden verschlissen, ihre Effizienz sinkt – einfach, weil die Leute müde werden.“

    Wichtig ist aber auch etwas anderes: „Regelmäßige Übungen auf dem Bombodrom ermöglichen es der Nato, unbemerkt zusätzliche Mannschaften und Material direkt an die russische Grenze zu verlegen“, warnt der Experte. „Faktisch besteht die Gefahr einer Bodeninvasion. Und die Möglichkeit von Luft- und Raketenangriffen gegen unsere Truppen in Kaliningrad, ohne in den Einsatzbereich unserer Flugabwehr hineinfliegen zu müssen.“

    In diesem Konflikt ist Russland, das betont der Fachmann ausdrücklich, auf sich allein gestellt: „Wir haben niemanden, der für uns einstehen würde, außer uns selbst. China ist ein guter Partner, aber für uns kämpfen werden die Chinesen sicherlich nicht. Wir können uns nur auf unsere eigenen Kräfte verlassen.“

    Die russische Führung setze insofern richtige Zeichen, wenn sie dem Westen die neuesten russischen Waffenentwicklungen demonstriert, ist der Experte überzeugt: „Diese Neuentwicklungen müssen weiter optimiert werden. Darauf müssen wir setzen. Dann können wir den Aggressor auch mit relativ wenigen Waffen stoppen.“

    Wer dieses Muskelspiel als Provokation versteht, der sei an die Kuba-Krise erinnert, sagt der Veteran: „Die Stationierung von Raketen auf Kuba hatte damals auch dazu geführt, dass die Amerikaner ihre taktischen Kernwaffen aus der Türkei und aus Deutschland abzogen und in Italien gar nicht erst stationierten, obwohl sie das vorhatten.“

    Heute sehen wir, so der Experte, dass Washington seine „Strategie der Anakonda-Schlinge“ aktiv vorantreibe. „Worauf setzen die Amerikaner in der Militärstrategie? Auf Landungsschiffe, auf F-35-Kampfjets, auf die Aufstockung der Armee. Sie gründen sogar eine neue Truppengattung: Die Weltraumstreitkräfte. Wenn wir das stillschweigend hinnehmen, dann wird die Stratfor-Prognose definitiv eintreten.“

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    Tags:
    Kriegsgefahr, Militarismus, Atomwaffeneinsatz, Kriegsvorbereitungen, Kampfjets, Trainings, Kernwaffen, Luftangriffe, Invasion, F-35, USAF, Pentagon, CIA, NATO, Baltikum, Türkei, Litauen, Ostsee, Deutschland, USA, Russland