04:56 19 Oktober 2018
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    Die russischen Langstreckenbomber Tu-160 auf dem Militärflugplatz Engels (Archivbild)

    Pentagon ist schlaflos: Tu-160-Bomber landen am Beringmeer

    © Sputnik / Sergej Piatakow
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    Nirgendwo sonst kommen sich Russland und die Vereinigten Staaten so gefährlich nah: Nur die schmale Beringstraße trennt Russlands östlichen Zipfel vom US-Gebiet Alaska. Ein Flugzeug braucht nur wenige Minuten – schon ist es auf der anderen Seite. Für die Luftstreitkräfte der beiden Länder ist das ein Segen, für die Flugabwehr ein Fluch.

    Auf Stalins Befehl sollten in den Vierzigerjahren Flugplätze für schwere Bomber am Nordpol entstehen, mitten auf dem meterdicken Packeis. Damit hätte die sowjetische Luftwaffe direkt vor Amerikas Haustür stationiert werden können.

    Die Natur hat die damaligen Pläne vereitelt. Wie sehr die Arbeiter sich auch abmühten, die Eisflächen waren nie so eben zu kriegen, dass Flugzeuge darauf gefahrlos hätten starten und landen können.

    Am 23. Mai 1958 war endgültig Schluss mit dem Vorhaben. Ein Tu-16-Bomber war damals beim Start von einer Eisfläche ins Schlittern geraten, kam von der Bahn ab und streifte mit dem Flügel eine geparkte Transportmaschine.

    Schlimmeres passierte nicht, doch wollte niemand die Verantwortung dafür tragen müssen, dass so etwas mal mit einem Bomber geschieht, der Atombomben geladen hätte.

    Also folgte  ein neuer Anlauf. Auf den strategischen Vorteil, die eigene Bomberflotte vor Amerikas Haustür zu stationieren, wollte die Sowjetführung schließlich nicht verzichten. Tschukotka – die Tschuktschen-Halbinsel, Russlands östlichstes Gebiet am Beringmeer, war für eine solche Basis perfekt.

    Keine zwei Jahre hatte es gedauert, bis in der Hafenstadt Anadyr ein Flugplatz entstand, der die strategischen Bomber der Sowjetluftwaffe aufnehmen konnte. „Armeeeinheit 62902“ hieß der Stützpunkt dienstintern, in der Öffentlichkeit wurde er als „Instandhaltungs- und Versorgungsbasis“ bezeichnet.

    In der Tat war Anadyr mehr als nur eine Start- und Landepiste. Die „Instandhaltungsbasis“ war auch ein riesiges Atomwaffenlager, angelegt mehrere Meter tief unten im Felsboden. Das geheime Objekt verfügte über höchstmöglichen atomaren Schutz. Es sollte dem Direkteinschlag eines nuklearen Gefechtskopfes von 100 Kilotonnen Sprengkraft standhalten.

    US-Armee während Übungen auf Alaska (Archiv)
    © Foto : DoD photo by Senior Airman Zachary Perras, U.S. Air Force
    Die Sowjetstrategen hatten sich nämlich überlegt, den Stützpunkt als Sprungbrett zu nutzen. Hier, kurz vor der US-Grenze, sollten sowjetische Bomber aufgetankt, mit der speziellen atomaren Fracht beladen und weiter auf Patrouille geschickt werden.

    Damit die Bomber im Kriegsfall unversehens im Luftraum des Gegners auftauchen konnten, sollte das in Alaska stationierte Frühwarnsystem der US-Flug- und Raketenabwehr als erstes zerstört werden. Nicht von den Bombern (sie hatten andere Ziele), sondern mit ballistischen Raketen, die eigens zu diesem Zweck ebenfalls in Anadyr in Stellung gebracht wurden.

    Doch dann war von den Startbahnen, Bunkern und Raketen in Tschukotka keine Spur mehr. So hatte es die Partei Mitte der 1980er Jahre befohlen. Zusammen mit der Bomberbasis wurde auch das Jagdgeschwader liquidiert, welches sie bis dahin geschützt hatte.

    Nur die unterirdischen Anlagen konnten die damaligen Reformer nicht loswerden, deren meterdicke Stahlbetonwände waren auf Jahrhunderte angelegt.

    Auf der anderen Seite der Beringstraße blieb indes alles beim Alten: Die Vereinigten Staaten haben ihre Bomberbasen und Frühwarnstationen in Alaska trotz der Abrüstungsbemühungen der Sowjetunion natürlich behalten.

    Kürzlich haben sie sogar ihr Jagdgeschwader unweit der Stadt Anchorage mit zusätzlichen F-22-Jägern verstärkt. Dort, auf der Joint Base Elmendorf-Richardson, ist auch das Alaska-Kommando der US Air Force beheimatet.

    Auf einem anderen Flugplatz in Alaska, der Eielson Air Force Base, sind bislang hauptsächlich ältere F-16 stationiert. Doch der Fliegerhorst bereitet sich darauf vor, mehrere Geschwader von F-35-Kampfjets aufzunehmen. Bis 2020 soll der Stützpunkt die größte F-35-Heimbasis im Asien-Pazifik-Raum außerhalb des US-Festlands werden.

    In dieser etwas ungünstigen Umgebung musste Russland sein einst verschenktes Potential wiederaufbauen. Ende 2007 nahm der Flugplatz Anadyr wieder seinen Betrieb auf: russische Tu-95-Bomber waren die ersten, die dort nach langer Zeit wieder landeten.

    Auch heute landen diese schweren Bomber regelmäßig in Tschukotka – zum Nachtanken. Danach geht es wieder auf Patrouille entlang des US-Gebiets.

    Angesichts aggressiver Gebärden der Vereinigten Staaten wäre es allerdings ein noch stärkeres Zeichen, würden in Anadyr auch die Tu-160-Bomber vorbeischauen. Ihr größter Vorteil gegenüber den propellergetriebenen Tu-95 ist das fast dreifache Tempo.

    Entsprechend kurz ist die Anflugzeit einer Tu-160 auf das US-Gebiet bemessen, entsprechend nervös wäre das Pentagon, würden die Überschallbomber vor der US-Grenze auftauchen. Vor wenigen Tagen war es dann soweit: Am 16. August 2018 starteten mehrere Tu-160-Bomber im Rahmen einer Übung auf ihrer Heimbasis und nahmen Kurs auf den Flugplatz Anadyr.

    Nach 7.000 Kilometern und einigen Runden über der Stadt – die schweren Bomber mussten ihren Treibstoff nahezu vollständig verbrauchen, um mit möglichst geringem Gewicht zu landen – setzten die Tu-160 zum ersten Mal auf dem strategisch wichtigen Flugplatz auf.

    Aufgetankt, flogen sie wieder in den Westen, über einem Übungsplatz in der Republik Komi vorbei. Deren Landschaft erinnert sehr an das Gelände in den USA.

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    Tags:
    Langstreckenbomber, Luftstreitkräfte, Manöver, F-22, F-35, F-16, Tu-160, Pentagon, Verteidigungsministerium Russlands, Josef Stalin, Tschukotka, Nordpol, Alaska, USA, Russland