17:43 22 September 2018
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    Konrad Zuse am Demonstrationsnachbau einer seiner mechanischen Computer

    Rechner für Hitler: Erfinder des ersten Computers der Welt, den niemand kennt

    © AP Photo / Karsten Thielker
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    Der Name Konrad Zuse ist nicht vielen bekannt. Der Höhepunkt der Tätigkeit des Entwicklers des ersten funktionsfähigen Computers der Welt entfiel auf die Nazi-Zeit. Über ihn, seine Arbeit, und wie eine seiner Entwicklungen mit der „Vergeltungswaffe“ verwechselt wurde, schreibt das Portal „Lenta.ru“.

    Flucht aus Berlin

    Das Jahr 1944. Der Krieg neigt sich dem Ende zu. Berlin wird regelmäßig bombardiert. Konrad Zuse und ein Freund von ihm gehen auf einer Straße, von den Trümmern ringsum steigt nach dem nächtlichen Bombenangriff der Alliierten Rauch auf. Wir haben einen Moment erreicht, an dem wir die allmächtige Energie des Atomkerns kontrollieren und erschließen können, sagte der Freund zu Zuse. Bald könnten sie sehr große Bomben entwickeln. Es besteht das Risiko, dass das Experiment nicht nach Plan verläuft und wir die ganze Erde in die Luft sprengen, ergänzte der Freund.

    So erfuhr Zuse von der Existenz einer Atombombe. Natürlich erscheint letztere Behauptung merkwürdig, und er wusste nicht, woher sein Freund diese Informationen bekam, doch bald nahmen diese Gerüchte ihren Lauf durch das ganze Land. Zudem gewannen sie an Nahrung, nachdem Deutschland die Entwicklung einer „Vergeltungswaffe“ verkündete.

    Konrad Zuse war Ingenieur und fasste solche Äußerungen ziemlich skeptisch auf. Doch angesichts der Tatsache, dass mit der Wunderwaffe Raketen gemeint wurden, die das Geschoss viele Kilometer weit bringen konnten, vermutete er, dass das Dritte Reich über Atomwaffen verfüge. Doch dem war nicht so. Deutschland hatte keine Atombombe, und zur Entwicklung einer ballistischen Rakete, die mehrere Tonnen Sprengstoff auf große Entfernungen tragen könnte, hatten die deutschen Behörden weder Mittel noch Möglichkeiten. Dennoch schienen sie nicht besonders beunruhigt über die Tatsache, dass die Nazi-Spitze so langsam ihren Verstand verlor. Sie hofften auf ein Wunder.

    Ingenieur Zuse stieß auf ein Wunder, als der Physiker Funk an seiner Tür klopfte. Damals arbeitete Zuse mit Kollegen an der Entwicklung des Apparats V4 und dachte darüber nach, wie er Berlin verlassen könnte. Funk wurde ins Zuses Team aufgenommen, arbeitete dort jedoch nie als Physiker. Doch er wurde zu einem unersetzbaren Vermittler, der Zuse, sein Team und sein Werk rettete.

    Die Verbindungen Funks und die Bezeichnung dieses Apparats spielten dabei die Hauptrolle. Die Vergeltungswaffen hatte die Code-Bezeichnungen V1, V2 und V3. Der Name von Zuses Apparat – V4 – bedeutete Versuchsmodell, doch als Funk die Zauberworte V4 sagte, kamen die Staatsbeamten nicht einmal auf die Idee, dass es sich nicht um die Entwicklung eines weiteren Modells der Vergeltungswaffe handelte. Der Satz „V4 muss unversehrt aus Berlin evakuiert werden“ endete damit, dass ihnen die Papiere zur Ausreise ausgehändigt wurden, um Berlin  verlassen zu können. Sie organisierten sogar einen Laster für das V4-Gerät, obwohl diese selbst für den Transport von Flugzeugteilen kaum noch zu finden waren.

    Einige Tage später wurde das Gerät nach Göttingen gebracht, wo die Arbeiten an V4 abgeschlossen wurden. Anschließend ging es weiter nach Oberjoch in Bayern. In der bayerischen Provinz kamen Wernher von Braun und sein Team, Entwickler der V-Raketen, hinzu, mit denen das Gerät Zuses verwechselt wurde. Er war der künftige Vater des US-Weltraumprogramms. Zuse und von Braun unterhielten sich einige Tage, der Ingenieur verstand plötzlich, dass der Raketenbauer keine Vorstellung davon hatte, welche Rolle die Nachfahren von V4 bei der Erschließung des Weltalls spielen können. Nach einiger Zeit trennten sich ihre Wege. Zuse zog im April 1945 zusammen mit seinen Assistenten und dem Gerät in ein anderes bayerisches Dorf – Hinterstein.

    Die Ingenieure wurden in Hinterstein kühl empfangen. Einige Tage vor ihrer Ankunft hatte eine SS-Einheit die Einwohner eines Hauses vertrieben und dort ihr eigenes Hauptquartier eingerichtet. Natürlich wurde von den Eindringlingen, die mit einem Wehrmachts-Wagen eingetroffen waren, nichts Gutes erwartet. Das Ende des Krieges war in diesen Tagen zum Greifen nahe. Kurze Zeit später sollten dort bereits französische Besatzungstruppen auftauchen.

    Erste in der Welt

    Die Maschine, um die Zuse so sehr besorgt war, wurde später Z4 genannt. Sie war eine der ersten programmierbaren Computer in der Welt, sein Vorgänger Z3 war überhaupt der erste.

    Alles begann 1937, als Zuse die Arbeit am Prototyp einer binären Rechnermaschine aufnahm, die Anweisungen von einem perforierten Band ablesen konnte, er wurde Z1 genannt. Im Unterschied zu modernen Computern war das Gerät völlig mechanisch – weder elektronisch noch elektrisch.

    Die 1938 fertiggestellte Z1-Maschine konnte mehrere Routine-Rechenaufgaben lösen, doch leider kam es häufig zu Pannen. Alle Elemente wurden manuell hergestellt, weshalb die mechanischen Schaltwerke regelmäßig klemmten. Zuse hatte keine Möglichkeit, mit einem großen Team begabter Wissenschaftler zusammenzuarbeiten, wie es in den US-Firmen IBM bzw. Bell Labs der Fall war.

    Z1-Maschine im deutschen Technik Museum in Berlin
    Z1-Maschine im deutschen Technik Museum in Berlin

    Allerdings konnte Z1 etwas Wichtiges nachweisen  – das theoretisch-logische Konzept, das von Zuse entwickelt wurde, funktioniert in der Praxis. Sein früherer Studienkollege Helmut Schreier, der bei der Entwicklung der Maschine half, beharrte darauf, dass bei der nächsten Version Vakuum-Radiolampen statt mechanischer Schaltmittel eingesetzt werden. Wäre dieses Konzept sofort umgesetzt worden, hätten sie den ersten funktionierenden Computer in der Welt geschaffen. Doch Zuse fehlte einfach ausreichend Geld dazu – zum Bau einer solchen Maschine wären 2000 Radiolampen notwendig.

    Deswegen wurden bei Z2 gebrauchte elektromagnetische Relais-Schaltmittel eingesetzt, die bei einem Telefonunternehmen erworben wurden. Sie waren deutlich billiger, doch natürlich auch viel langsamer als Lampen. Im Ergebnis bekam Zuse einen Rechner, dessen arithmetischer Block aus elektromagnetischen Relais bestand, während der Speicher weiterhin mechanisch funktionierte.

    1939 begann Zuse mit der Arbeit am dritten Modell, das die elektromagnetischen Relais sowohl im arithmetischen Block als auch in Speichern nutzte. Nach zwei Jahren, im Jahr 1941, wurden die Arbeiten an dem Modell abgeschlossen, das somit der erste digitale multifunktionale programmierbare Rechner in der Welt war. Sein einziger Unterschied zu späteren EDV-Anlagen war der Einsatz von elektromagnetischen Relais statt Lampen.

    Krieg

    1939 versuchten Schreier und Zuse, mit ihrer Entwicklung das Interesse des Staates zu wecken, allerdings scheiterten sie. Schreier sprach von einer möglichen Entwicklung eines Lampenapparats, der unter anderem für Berechnungen für die Flugabwehr geeignet sein könnte. Auf die Frage, wie lange die Entwicklung einer solchen Maschine in Anspruch nehmen würde, antwortete er vorsichtig: „Rund zwei Jahre“. „Zwei Jahre? Zu diesem Zeitpunkt haben wir den Krieg schon gewonnen!“, wurde ihm entgegnet.

    Der Krieg endete weder in einem noch in zwei Jahren. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Sowjetunion im Jahr 1941 kamen die Wehrmachtstruppen an der Ostflanke ins Trudeln, bald danach kam es zur Wende. 1943, mit dem Einzug der Amerikaner in den Krieg, wurde Berlin regelmäßig bombardiert. Die Geschosse fielen auf große Unternehmen und bewohnte Stadtviertel. Eine Bombe traf das Gebäude, wo Zuse und seine Kollegen eine Werkstatt hatten. Z1, Z2, Z3 wurden dabei zerstört.

    Etwas früher, 1942, begann Zuses Team mit der Entwicklung von Prototyp-4, dem künftigen Z4. Er war die direkte Weiterentwicklung von Z3, es wurden vorwiegend dieselben Technologien wie bei früheren Modellen genutzt.

    Die Z4 war auch nach dem Kriegsende gefragt. 1950 wurde der Rechner zur ETH Zürich zur Bearbeitung von komplizierten Rechenaufgaben gebracht. Von 1950 bis 1951 war er der einzige funktionierende Computer in Europa, sein Konkurrent Ferranity Mark 1 war erst ein halbes Jahr später verfügbar.

    Zuse entwickelte auch die Programmiersprache Plankalkül. Während der Arbeit an Z4 erkannte er, dass die Programmierung in Maschinensprache zu aufwändig war, weshalb eine höhere Programmiersprache nötig sein würde. Er entwarf „Plankalkül“, die universeller als andere Sprachen war.

    Die Firma Zuse KG stellte nach dem Kriegsende sehr viele Computer her. Nach einiger Zeit nahm sie die Produktion von Transistor- und Lampen-EDV-Anlagen auf, 1961 wurde der Plotter Graphomat entwickelt, der in Verbindung mit Z-Rechnern funktionierte.

    Rechnender Raum

    Am 6. Januar 1945 heiratete er seine Frau Gisela, mit der er später fünf Kinder hatte. Doch Zuse war kein vorbildlicher Familienvater, er war von seiner Arbeit besessen. Der Entwickler des ersten universellen programmierbaren Computers in der Welt wurde in der Heimat mit zahlreichen  Preisen und Ehrentiteln ausgezeichnet. Er starb am 18. Dezember 1995 in Hünfeld im Alter von 85 Jahren.

    Seine früheren Entwicklungen, die während der Bombenangriffe vernichtet wurden, wurden rekonstruiert. Das Modell Z1 wurde von Zuse selbst wiederhergestellt, heute befindet es sich im Deutschen Technikmuseum Berlin. Die Ingenieure, die zusammen mit ihm arbeiteten, ließen Z3 wiederherstellen und übergaben den Apparat an das Deutsche Museum in München.

    Nachbau der Zuse Z3 im Deutschen Museum in München
    Nachbau der Zuse Z3 im Deutschen Museum in München

    Häufig wird behauptet, dass der Computer während des Zweiten Weltkriegs entstanden war. Im Fall Konrad Zuse ist dem nicht so. Z1 wurde vor dem Krieg entwickelt, die Arbeit an Z3 zog sich in die Länge, weil Zuse von 1939 bis 1940 in der Armee gedient hatte und er mehrere Monate an der Ostfront verbrachte. Das Geld für die Entwicklung dieser Maschine wurde jedoch von den Behörden bereitgestellt (wie auch für die Entwicklung von Z4). Die Tatsache, dass die Bezeichnung des vierten Prototyps der Codebezeichnung der Raketen von Wernher von Braun ähnelte, half dabei, dass Zuse Berlin verlassen und sein Projekt abschließen konnte.

    In den vergangenen Jahren tauchten viele Arbeiten zum Thema auf, ob unser Universum nur eine komplexe Nachahmung, ein Programm ist. Zuse machte sich schon viel früher darüber Gedanken — bereits während des Krieges. Plötzlich sei er auf die Idee gekommen, dass das Universum von einer großen Rechenmaschine, so wie ein Relais-Rechner funktioniert, ins Leben gerufen worden sein könnte, schrieb er in seinen Memoiren. 30 Jahre später entwickelte er die Theorie des „Rechnenden Raums“.

    Dr. Konrad Zuse arbeitet an einem PC von Siemens in seinem Haus. Kassel, BRD, 1985
    © AP Photo / Archiv
    Dr. Konrad Zuse arbeitet an einem PC von Siemens in seinem Haus. Kassel, BRD, 1985

    Der Name Zuses wird ziemlich selten in der Presse erwähnt, über ihn werden außerhalb Deutschlands selten Filme gedreht. Und wenn es mal dazu kommt, werden seine Entwicklungen ungerechterweise als „erster Nazi-Computer“ bezeichnet. Dem ist nicht so. Die ersten Rechner Zuses wurden fast ausschließlich aus reinem Enthusiasmus entwickelt, die Nazi-Funktionäre verstanden den Wert seiner Entwicklungen nicht.

    Konrad Zuse war nie Held des Widerstandskampfes, doch er versuchte auch nie, einen lukrativen Posten in Nazi-Deutschland zu bekommen. Die persönliche Tragödie des Wissenschaftlers besteht darin, dass seine früheren Entwicklungen deutlich fortgeschrittener als die der anderen Wissenschaftler waren, die damals Rechner entwickelten. Doch außerhalb des Landes, das auf dem Weg der Selbstzerstörung war, kannte ihn leider fast niemand, weltbekannt wurden seine Maschinen erst einige Jahre nach dem Kriegsende.

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    PC, Technik, Erfindung, Computer, Zweiter Weltkrieg, Der Zweite Weltkrieg, Eidgenössisch-Technische Hochschule (ETH) Zürich, IBM, Waffen-SS, SS, Konrad Zuse, Adolf Hitler, Drittes Reich, Deutschland