16:58 22 September 2018
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    US-Soldaten während der NATO-Übungen in Georgien (Archiv)

    Wie USA und Nato Hybrid-Kriege auf die wissenschaftliche Schiene bringen

    © AFP 2018 / Vano Shlamov
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    Warum in der Nähe der russischen Grenzen eine bedrohliche „Grauzone“ gebildet wird

    Die USA und die Nato analysieren in den letzten zwei bzw. drei Jahren die so genannte „Grauzone“ als strategischen Raum, wo das internationale System gemäß den Regeln der neuen Weltordnung umgestaltet wird. In der „Grauzone“ sollen normungsrechtliche Bestimmungen, Institute, nationale Interessen und Prioritäten der Staaten geändert werden. Die Handlungen in dieser Zone verkörpern eine Version der Strategie der Zwangs-Abschreckung, die auf modernen Technologien eines Hybrid-Krieges beruht. Solche Operationen ermöglichen es, gegen die Staaten zu konkurrieren, indem man sich unter der Grenze eines gewöhnlichen Krieges befindet. Daraus ergibt sich auch der Begriff „Grauzone“ als Raum zwischen Schwarz und Weiß, Krieg und Frieden.

    Strategien der Unbestimmtheit

    In den USA gehört die Planung der Operationen in der „Grauzone“ zu den so genannten „Strategien der Unbestimmtheit“, die die Schaffung solcher Bedingungen im politischen und militärischen Bereich in einem einzelnen Staat, einer Region bzw. Weltarena vorsieht, unter denen es schwer ist, die Lage richtig einzuschätzen, die Armee effektiv einzusetzen und adäquate politische Schritte zu unternehmen.

    Es wird behauptet, dass der Begriff „Grauzone“ sowohl bei kurzfristiger als auch bei langfristiger Planung verwendet wird und die Konkurrenz zwischen Subjekten auf die Bildung eines neuen internationalen Systems abgezielt ist.

    Eine wichtige Eigenschaft der „Grauzone“ ist die Nutzung eines schrittweisen Herangehens, dessen Aufgabe nicht das Erreichen einzelner operativ-taktischer Ziele, sondern die Bildung einer zunehmenden Lawine großangelegter Ereignisse ist, die anschließend zu einem Impuls zur Bildung einer absolut neuen strategischen Realität wird. Dabei erschwert das etappenweise Herangehen die Aufgabe der Abschreckung und Aufrechterhaltung des Gleichgewichts, was abgestimmte Gegenmaßnahmen erfordert.

    In der „Grauzone“ werden von den Staaten nichttraditionelle Mittel genutzt. Das sind detailliert durchgearbeitete und gut integrierte nichtmilitärische und quasimilitärische Mittel. Bei ihrem Einsatz werden „rote Linien“ nicht überschritten. Zudem kommt es dank einem präzise gewählten Ausmaß der Operationen nicht zur Eskalation.

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    Die „Grauzone“ ist einem Krieg ähnlich, weil sie strategische Ergebnisse bringen kann. Doch das ist kein Krieg, da die in der „Grauzone“ anwendbaren Methoden eine einmalige Kombination aus Einschüchterung, Zwang und Aggression darstellen, die schrittweise zur Unterdrückung, Erhalt von lokalen bzw. regionalen Vorteilen führen.  Demnach ist die „Grauzone“ ein neuer Raum zwischen traditionellen Konzepten von Krieg und Frieden.

    Laut Nathan Freier vom Center for Strategic and International Studies umfasst die „Grauzone“ aggressive staatliche Strategien mit hohen Sätzen, wo jeder Teilnehmer verschiedene Einfluss- und Einschüchterungsinstrumente nutzt, um die Endziele eines Krieges mithilfe verdeckter bzw. offener Mittel und Methoden, Provokationen und Konflikten zu erreichen.

    Die Staaten, die einen Hybrid-Krieg in der „Grauzone“ führen, betrachten das als eine weniger kostspielige Alternative zu einem traditionellen Krieg. In der „Grauzone“ können verschiedene Mittel der militärischen und nichtmilitärischen Gewalt schrittweise, implizit und indirekt genutzt werden. Bei einem impliziten Einfluss kommt es zu einem Stellvertreterkrieg, es werden private Militärfirmen eingesetzt, womit die wahren Initiatoren des Konfliktes verheimlicht werden. Damit wird die „Grauzone“ zu einem Raum zwischen Krieg und Kriminalität an der Kreuzung von nichttraditionellen Mitteln, illegalen Methoden und Völkerrechtsnormen, Ordnung und Anarchie.

    Top-aktuell

    Die umfassenden Möglichkeiten der „Grauzone“ zur Lösung der wichtigen strategischen Aufgaben der USA lösten ein zunehmendes Interesse der angesehenen US-Forschungszentren an diesem Phänomen aus. Dazu gehört auch der International Security Advisory Board, der das Außenministerium bei Fragen der wissenschaftlichen, militärischen, politischen und gesellschaftlichen Diplomatie, Rüstungskontrolle, internationalen Sicherheit und Nichtverbreitung konsultiert.

    Laut International Security Advisory Board ist das Konzept der “Grauzone” jetzt angesichts der umfassenden Anwendung der Hybrid-Strategien bei modernen Konflikten  besonders aktuell.

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    Im Schlussdokument zu Problemen der „Grauzone“ vom Januar 2017 gibt der Internationale Security Advisory Board der US-Regierung folgende Empfehlungen:

    • Ein einheitliches Regierungsherangehen zur Bekämpfung der Versuche ausarbeiten, die Möglichkeiten der „Grauzone“ zum Nachteil der US-Interessen zu nutzen, darunter Agenturen heranziehen, die nicht unmittelbar mit der Gewährleistung der internationalen Sicherheit verbunden sind;
    • Eine organisatorische Struktur schaffen, die die Koordinierung und Leitung der Operationen in der „Grauzone“ unter Heranziehung aller beteiligten staatlichen Einrichtungen der USA fördern wird;
    • Ein neues Herangehen zur Lösung der Probleme in der „Grauzone“ entwickeln, darunter die Einschätzung der Ziele, Aufgaben und Interessen der USA in verschiedenen Ländern und Regionen der Welt;
    • Beseitigung der Hauptquellen von Gewalt und der Bedingungen, die die „Grauzone“-Strategie potentiell effektiv für US-Gegner machen können via Bereitstellung wirtschaftlicher Zugeständnisse,  Menschenrechtsschutzaktionen, Erhöhung des Niveaus des öffentlichen Gesundheitswesens und Gewährleistung der Oberhoheit des Gesetzes
    • Im Außenministerium und in der US-Regierung ein System zusätzliche Maßnahmen zur Durcharbeitung der „Grauzone“-Szenarios bei militärischen Übungen unter Heranziehung von Regierungsstrukturen treffen.

    Im Ganzen werden die Probleme der „Grauzone“ in den US-Militärkreisen als vorrangig und wichtig für die Verteidigung des Landes und für die Ausarbeitung von Lösungen betrachtet. Dieses Herangehen wird durch folgende Faktoren gefördert:

    • Drohungen der „grauen Zonen“ tragen einen neuen Impuls in sich, der die Verteidigungsreformen der USA und Entwicklung einer neuen Militärstrategie beschleunigen können;
    • Erfolge der US-Gegner in der „Grauzone“ würden die Positionen und den Einfluss Washingtons untergraben, bis die Anführer innovative Beschlüsse treffen, die auf die Anpassung des Staates und der Streitkräfte an neue Konflikte abzielen werden.

    Russland im Ring der „Grauzonen“

    Ein anschauliches Beispiel einer durchdachten Vorbereitung einer „Grauzone“ an der südöstlichen Grenze Russlands ist die gezielte Tätigkeit der USA und der Nato in der Ukraine. Die Vorbereitung der „Infrastruktur“ des Hybrid-Krieges und die Verwandlung des Landes in ein Aufmarschgebiet der Aggression gegen Russland erfolgt da seit den ersten Jahren nach der Unabhängigkeitserklärung und dauert bis heute sowohl auf der Ebene der Eliten als auch „auf dem Feld“ an. Zu den Hauptelementen der Infrastruktur im Informations- und Kommunikationsbereich gehören (Angaben von 2014): Nato-Zentrum für Information und Dokumentation, Kommunikationsbüro Nato-Ukraine, Institut für euroatlantische Kooperation, Interparlamentarischer Ukraine-Nato-Rat, Institut für Transformation der Gesellschaft mit einer eigenen Netzholding, die 53 Nachrichtenressourcen umfasst, Gesellschaftsliga „Ukraine-Nato“  u.a.

    Zudem erfolgt eine starke Finanzunterstützung aus dem Ausland.

    Der Schauplatz des Hybrid-Krieges wurde mit gemeinsamen Anstrengungen der USA und der Nato im Süden entlang des ganzen „Bogens der Instabilität“ von der westlichen Küste Afrikas bis Zentralasien geschaffen. In der Zukunft sind wohl „Grauzonen“ in der Arktis und in den Fernostgebieten unter Teilnahme der USA und Japans zu erwarten.

    Auf diese Weise entstehen entlang den Grenzen Russlands „Grauzonen“ – langfristige Schauplätze eines Hybrid-Krieges.

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    Hybrid-Krieg, Strategie, Weltordnung, Kampf, Konkurrenz, NATO, Ukraine, Russland, USA