15:49 23 September 2018
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    ein Journalist vor dem Forschungszentrum Barzeh, das beim US-Raketenangriff gegen Syrien zerstört wurde

    Syrien-Eskalation nach Drehbuch: Lügen, Giftgas und False-Flags

    © AFP 2018 / LOUAI BESHARA
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    Die ganze Welt wartet auf ein weiteres Video über einen „Chemiewaffenangriff in Syrien“, also eine bereits angekündigte Provokation, die die Chemie – im direkten und übertragenen Sinne – der großen Politik ans Licht bringen wird.

    Chancen auf Abzug

    Die Phrase, dass „es gefährlich ist, Ratten in die Enge zu treiben“, könnte sich wieder einmal bestätigen. Nun sind syrische Ratten – die radikalen Islamisten in Idlib – in die Enge getrieben worden. Die syrische Armee zieht ihre Truppen vor der entscheidenden Offensive zusammen, während die Verbündeten ihre Terroristen im Stich lassen. Die Amerikaner üben Zurückhaltung, die Türken tauschten anscheinend das Schicksal eines Teils der Idlib-Extremisten gegen Zugeständnisse der syrischen Regierung bei der Kurden-Frage.

    In dieser Situation bereiten die Extremisten nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums eine „rettende“ Provokation vor. Die Terroristen wollen mithilfe ihres PR-Dienstes – der so genannten Weißhelme – erneut einen Giftgaseinsatz imitieren. Anscheinend wollen sie diese Provokation besser als in Ostghuta organisieren, zumindest brachten sie dieses Mal präparierte Chlor-Behälter in die Stadt Kafr-Sita. Die Extremisten rechnen damit, dass die Provokation Trump dazu bewegen wird, das Ultimatum zu einem Vergeltungsschlag gegen Assads Truppen als Antwort auf die C-Waffen-Provokation zu erfüllen. Oder noch besser – auf die Idee des Truppenabzugs aus Syrien zu verzichten und den Militärverband zu verstärken.

    Laut dem Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, wird die Provokation unter Beteiligung von „außerregionalen Kräften vorbereitet, die an einer starken Destabilisierung der Lage und Torpedierung einer nachhaltigen Dynamik des Friedensprozesses in Syrien interessiert sind“. Es handelt sich dabei eindeutig um die USA bzw. Großbritannien. Doch die Spezifik der aktuellen Lage ist so, dass alle Länder Vorteile bzw. Boni aus der C-Waffen-Provokation ziehen können – selbst jene, die als Opfer dieser Provokation einkalkuliert sind. Darüber tragen alle Akteure Risiken – selbst jene, die hinter der Organisation der inszenierten Giftgas-Show stehen sollen.

    Riskantes Spiel

    Viele russische Experten stimmen Militärsprecher Konaschenkow zu – hinter der möglichen Provokation stehen die Amerikaner.

    Die Motive der USA können schließlich verschieden sein. So versucht Trump bei Russland eine Entschädigung für den Truppenabzug der USA aus Syrien zu bekommen. Bislang verlaufen die Gespräche eher schleppend. Der Grund ist simpel – Russland hält es nicht für nötig, ernsthafte Zugeständnisse an die USA zu machen. Moskau zieht es vor, mit jenen eine Vereinbarung zu erreichen, die die lokalen Extremisten tatsächlich kontrollieren können – also mit der Türkei.

    Es ist ohnehin damit zu rechnen, dass die ohne Verbündeten gebliebenen USA Syrien früher oder später verlassen werden. Mit einer C-Waffen-Provokation und einem Anlass für einen Angriff gegen Syrien erhalten die Amerikaner ein Druckinstrument. Oder einen Grund für eine umfassendere Teilnahme am syrischen Bürgerkrieg und eine Verstärkung ihrer dortigen Truppen. Letzteres Argument wird auch von den Briten geteilt, die an der Rettung ihrer Günstlinge mittels amerikanischer Hand interessiert sind. Die Rückkehr der USA nach Syrien ist auch für Israel vorteilhaft, das in Syrien gegen die iranische Präsenz mittels amerikanischer Hand kämpfen will.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Russischer Experte nennt Grund für mögliche Giftgas-Provokation in Syrien

    Doch ein solches Szenario birgt große Risiken für die Amerikaner in sich. Ihre Strategie wird nur dann erfolgreich, wenn Russland eine passive Position einnimmt. Doch Moskau war früher in keinem der ähnlichen Fälle passiv. Das letzte Mal drohte der Kreml nicht nur mit dem Abschuss von US-Flugzeugen bzw. Marschflugkörpern, sondern auch ihrer Startstellungen.

    Im Ergebnis mussten die USA auf einen Kompromiss eingehen und Show-Angriffe versetzen, also Assad wegen des C-Waffen-Angriffs mit einem großen Raketenschlag gegen zuvor geräumte syrische Objekte bestrafen. Diese Angriffe hatten kaum Auswirkungen auf die syrischen Offensiven und offenbarten eher die Schwäche der USA. Ist Trump denn wirklich bereit zu einem Show-Angriff kurz vor den Kongresswahlen? Doch zwei alternative Varianten – Zusammenstöße mit Russland oder das Ignorieren der C-Waffen-Provokation – wären noch schlimmer.  

    Provokation

    Auch in Bezug auf Russland ist vieles noch unklar. Auf den ersten Blick bringt die Giftgas-Provokation reine Verluste. Das Vorhaben des Kremls, die syrischen Extremisten zum Frieden zu zwingen, basiert auf dem allgemeinen Verständnis, dass die Extremisten keine andere Wahl haben. Entweder kapitulieren sie und versöhnen sich mit Assad oder Assad führt sie mit seiner Armee in den Tod. Deswegen kapitulieren die Terroristen-Enklaven in Zentralsyrien zunehmend schneller.

    Moskau hofft daher, dass sich die Terrorgruppierungen in Idlib dadurch zur Aufgabe gezwungen sehen. Die Aktivierung der USA belebt bei den Extremisten außerdem die Illusion von einem weiteren Szenario wieder –  sie wollen so lange durchhalten, bis der Westen ihnen hilft. Das ist zwar völlig illusorisch, doch unangenehm für den Kreml, der an einer schnellstmöglichen Rückkehr der Kontrolle über die syrischen Gebiete durch Assad und die Einleitung des politischen Prozesses interessiert ist. Selbst wenn die Provokation nicht zu einem großangelegten Zusammenstoß führt, kann sie den Prozess deutlich erschweren.

    Teheran ist ebenfalls an einem schnellstmöglichen Ende des syrischen Bürgerkrieges interessiert, der bereits enorm viel Geld und das Leben vieler iranischer Soldaten forderte. Die Amerikaner können demnach den Iranern auch das Spiel verderben.

    >>Andere Sputnik-Artikel: USA bereiten Angriff gegen Syrien vor – Bloomberg

    Auf der anderen Seite könnten Moskau und Teheran von der C-Waffen-Provokation auch profitieren – unter der Bedingung, dass die USA sich verpokern. Also wenn die USA auf ein Vabanque-Spiel und einen Angriff verzichten. Ein Rückzieher Trumps bzw. seine Einwilligung in einen Show-Angriff würde zum Verlust der letzten Verbündeten der USA führen, die noch an die amerikanischen Garantien glauben – beispielsweise die Kurden, die derzeit mit Damaskus Versöhnungsgespräche führen. Wenn die Kurden endlich begreifen, dass die Amerikaner sie weder vor den Türken noch vor den Syrern schützen werden, würden die Gespräche deutlich schneller vorangehen.

    Erdogans Roulette

    In Bezug auf die Türken ist die Situation wohl am verworrensten. Die Vorteile und Risiken sind ungefähr gleich. Auf der einen Seite ist Ankara ebenfalls damit zufrieden, dass alle Syrien-Fragen mit Russland und dem Iran ohne Heranziehung von unnötigen externen Kräften gelöst werden. Für Ankara ist Syrien ein Hinterhof. Angesichts des System-Konfliktes mit den USA braucht die Türkei keine Amerikaner in Syrien. Ebenso wie sie keine Provokation in Idlib braucht – das Territorium gilt als türkisches Einflussgebiet.

    Das heißt, dass es gerade Ankara ist, das neben Moskau und Teheran die Verantwortung für die Entwicklung in der Region trägt. Die Türkei ist heute das schwächste Glied der syrischen Troika.  Wenn Ankaras Unfähigkeit bei der Lösung der Probleme in Idlib offenkundig wird, kann die Frage nach dem Sinn seiner weiteren Präsenz in dieser Troika gestellt werden – also auch nach dem Sinn, die Position der Türkei bei der Kurdenfrage zu berücksichtigen.

    Auf der anderen Seite könnte Erdogan die Abenteuerlust packen und mit einer möglichen Provokation den Preis demonstrieren, wenn die Türkei aus der Troika potentiell vertrieben wird bzw. ihre Interessen bei der kurdischen Frage ignoriert werden. Denn wenn Ankara die US-Idee von  Vergeltungsschlägen gegen die syrische Armee unterstützt sowie die Bereitschaft zeigt, zusammen mit den Amerikanern die Offensive der syrischen Truppen in Idlib zu blockieren, würden die Chancen Washingtons im Syrien-Poker deutlich steigen. Das brauchen aber weder der Iran noch Russland.

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    Tags:
    Motive, PR, Provokationen, C-Waffen-Angriff, Terroristen, Donald Trump, Iran, Türkei, USA, Idlib, Syrien