00:26 10 Dezember 2018
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    Flugzeugträger „Queen Elizabeth“ (Archiv)

    Entgegen den Stereotypen: Neuer britischer Flugzeugträger fährt erstmals Richtung USA

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    Der neueste britische Flugzeugträger „Queen Elizabeth“ ist auf seine erste USA-Reise gegangen, wo er seine wichtigste Waffe testen wird: Kampfjets des Typs F-35B Lightning II, die eine verkürzte Startbahn benötigen.

    Die Unstetigkeit der Briten

    Die aktuelle „Queen Elizabeth“ ist nicht der erste Flugzeugträger, der  diesen Namen tragen sollte. Der erste hätte das seinerzeit geplante Flaggschiff des Projekts CVA-01 werden sollen, und zwar bereits im Jahr 1972. Allerdings kam damals die Labour Party an die Macht und kürzte die Rüstungsausgaben – und das Projekt wurde gestrichen und nie umgesetzt. Das war der letzte (genauer gesagt der nahezu letzte) Versuch der Königlichen Flotte, einen klassischen Flugzeugträger zu bekommen, dessen Wasserverdrängung bei 54 500 Tonnen liegen würde, der zwei Katapultanlagen haben und etwa 50 Flugzeuge bzw. Hubschrauber an Bord nehmen könnte.

    Statt der „Queen Elizabeth“ wurden damals drei leichte Flugzeugträger des Invincible-Typs gebaut, die ursprünglich als „Kreuzer mit Landungsdeck“ eingestuft wurden. Sie konnten bis etwa 20 Flugzeuge an Bord nehmen und hatten keine Katapultmechanismen – nur ein „Sprungbrett“ zur Verbesserung der Flugeigenschaften der Senkrechtstart-Flugzeuge Harrier. 

    Dank dem „Sprungbrett“ konnte die Startmasse aufgestockt werden, so dass die Kampfjets mehr Brennstoff oder Waffen an Bord nehmen konnten. Die Invincible-Schiffe sollten die Schlüsselrolle bei Nato-Einsätzen im Nordatlantik spielen, wo sie sowjetische U-Boote jagen sollten.

    Die letzten klassischen Flugzeugträger mit Katapultmechanismen wurden in Großbritannien 1978 ausgemustert, was angeblich zu einem der Anlässe für das argentinische Militärs geworden sein soll, die Falklandinseln zu überfallen. Allerdings zeigten sich Harrier-Kampfjets während des Falkland-Krieges im Jahr 1982 als sehr nützlich, und das war quasi die Bestätigung, dass die Entscheidung für den Bau von leichten Flugzeugträgern richtig gewesen war. Allerdings muss hervorgehoben werden, dass das Schicksal der britischen Expeditionsflotte auch anders hätte enden können, falls ihre Gegner besser ausgerüstet gewesen wären.

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    Was die Invincible-Schiffe angeht, so kamen sie bei lokalen Kriegen im Nahen Osten und in den Gewässern am Balkan zum Einsatz, und wegen ihrer ziemlich beschränkten Kampffähigkeiten blieben diese Flugzeugträger immer im Schatten ihrer größeren amerikanischen „Kollegen“.

    Großer leichter Flugzeugträger

    In den 1990er-Jahren, vor dem Hintergrund des allgemeinen Wirtschaftswachstums und der Ansprüche Europas auf eine neue Rolle in der internationalen Arena, als die Gefahr eines großen Konflikts zwischen dem westlichen und dem östlichen Block verschwunden zu sein schien, entschieden sich die Briten aber für den Bau von neuen Flugzeugträgern, die als klassisch eingestuft werden könnten.

    Die Arbeit am Projekt CVF begann Mitte der 1990er-Jahre. Im Januar 2003 wurde die Entscheidung für ein Projekt der französischen Thales Group getroffen. Sie war teilweise politisch bedingt, denn gerade damals entstand die britisch-französische „Marineallianz“, die immer noch besteht. Damals gab es noch Pläne zum Bau eines Schiffes für Frankreich (neben zweien für die britische Marine). Später wurde jedoch beschlossen, die Harrier-Kampfjets durch neue Maschinen der F-35B-Modifikation zu ersetzen.

    Da die Harrier-Flugzeuge sich durchaus bewährt hatten, entstand Ende des 20. Jahrhunderts eine neue Unterklasse von flugzeugtragenden Schiffen, zu der sowohl leichte Flugzeugträger für die spanische, italienische oder thailändische Flotte als auch universale Landungsschiffe gezählt werden könnten. Aber zuvor war niemand auf die Idee gekommen, einen „Super-Flugzeugträger“ zu entwickeln, die mit den Nimitz-Schiffen (mit einer Verdrängung von 70 000 Tonnen) vergleichbar wären und bis zu 50 Flugzeuge und hub tragen könnte.

    Solche Schiffe bilden immer den Kern der Flotte, und ihre Möglichkeiten sind ganz anders als die eines leichten Flugzeugträgers – doch in diesem Fall ist das nicht so. Und es geht nicht um die Zahl der Flugzeuge an Bord – wenn es keine Katapultanlagen gibt, gibt es auch keine AWACS-Flugzeuge, und dann sind die Möglichkeiten zur Luftabwehr der Gruppierung wesentlich geringer.

    Man muss auch auf andere wichtige Dinge verzichten: So wird die künftige US-amerikanische Tankdrohne MQ-25 keine Möglichkeiten für einen Schleuderstart haben – und kann deswegen nicht an Bord der „Queen Elizabeth“ eingesetzt werden. Zum Glück für die Briten sind die Möglichkeiten der F-35B den Möglichkeiten der Modifikationen für die Bodentruppen und für Schiffe mit Katapultanlagen ziemlich ähnlich.

    Eigentlich erwogen die Briten auch die Entwicklung eines Flugzeugträgers mit Katapultanlagen. Aber nach dem Regierungswechsel wurde 2010 beschlossen, dass in der Bewaffnung nur das zweite Schiff der Serie, die Prince of Wales“, bleiben sollte, das einen Katapultmechanismus hat und für die Modifikation F-35C geeignet ist. Die „Queen Elizabeth“ hätte dann entweder konserviert oder verkauft werden können. Auf den ersten Blick wäre es durchaus logisch, das Schiff schnell umzubauen, aber die Zukunft der Königlichen Flotte haben… Juristen gerettet.

    Denn der entsprechende Vertrag sah immense Strafen im Falle seiner einseitigen Auflösung vor, und es wäre billiger, das Schiff fertig zu bauen und einfach zu zerlegen. Nach anderthalb Jahre dauernden Überlegungen und der Ausgabe von 157 Millionen Dollar verzichtete die britische Regierung auf diese zweifelhafte Idee und beschloss, den ursprünglichen Plan doch umzusetzen.

    Aber warum haben sich die Briten für ein solch ungewöhnliches Schema für den „Super-Flugzeugträger“ entschieden? Denn Schiffe ohne Katapultmechanismen und Fangsysteme haben auch Vorteile: Diese müssen nicht bedient werden und können nicht kaputtgehen. Denn der russische Flugzeugträger „Admiral Kusnezow“ hat während des Syrien-Einsatzes bekanntlich zwei Kampfjets verloren, und zwar gerade wegen Problemen mit dem Fangsystem. Und angesichts dessen ist dieses Argument nicht gerade sinnlos.

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    Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass die Briten plötzlich daran gedacht haben, dass sie früher als die „Design-Vorreiter“ beim Flugzeugträgerbau galten – und deshalb beschlossen, ein maximal ungewöhnliches Schiff dieses Typs zu bauen. 

    Als eine Art Vorteil des neuen Schiffs könnte auch der Pub an Bord gelten, wo zahlreiche Biersorten verkauft werden sollen.

    Inbetriebnahme

    Das erste solche Schiff, die „Queen Elizabeth“, wurde am 7. Juli 2009 auf Kiel gelegt. Am 14. Juli 2014 erfolgte der Stapellauf, und die ersten Tests fanden am 26. Juni 2017 statt. Im letzten Jahr wurden die Probefahrten des Schiffes und die Testflüge von Hubschraubern absolviert. Aktuell befindet sich der Flugzeugträger auf dem Weg nach Norfolk (US-Bundesstaat Virginia), wo er Anfang September erwartet wird. Dort sind Testflüge von F-35B-Kampfjets geplant.

    Danach wird das britische Schiff voraussichtlich New York und die Karibik besuchen. Nicht auszuschließen ist auch seine Beteiligung an einigen humanitären Einsätzen – sollten die Wetterbedingungen passend sein. Jedenfalls hat die „Queen Elizabeth“ bereits entsprechende Gütervorräte für die Opfer der von Orkanen betroffenen Inseln an Bord.

    Man muss sagen, dass im Westen große Kriegsschiffe ziemlich oft an humanitären Einsätzen teilnehmen – im Unterschied zu Russland, das Hilfsgüter üblicherweise mit Frachtflugzeugen befördert.

    Das zweite Schiff dieses Projekts, die „Prince of Wales“, wurde am 26. Mai 2011 auf Kiel gelegt und ist am 21. Dezember 2017 vom Stapel gelaufen. Es wird erwartet, dass die Probeflüge der F-35B-Maschinen im kommenden Jahr, wenn die „Queen Elizabeth“ nach den intensiven Tests modernisiert wird, an Bord des zweiten Flugzeugträgers weitergehen werden.

    Die „Queen Elizabeth“ soll planmäßig Ende 2020 einsatzbereit werden. Und 2023 sollen die beiden Schiffe in die Bewaffnung aufgenommen werden. Bis dahin werden die Briten schon genügend F-35B-Kampfjets haben – wenigstens für einen Flugzeugträger (zwei Schwadronen von je zwölf Maschinen).

    Man kann wohl sagen, dass die „Queen Elizabeth“ zum ungewöhnlichsten Flugzeugträger wurde, wenigstens seitdem im damals noch sowjetischen Nikolajew vor 33 Jahren die „Admiral Kusnezow“ vom Stapel gelaufen ist. Und darin besteht ihr größter Wert für die internationale Schifffahrt – im Unterschied zu den Amerikanern, die seit den frühen 1960er-Jahren im Grunde immer dieselben Flugzeugträger bauen.

    Und Russland, das seit vielen Jahren quasi permanent über die Entwicklung eines neuen Flugzeugträgers nachdenkt, sollte die britische „königliche Familie“ besonders aufmerksam beobachten.

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    Tags:
    Flugzeugträger, Einsatz, Waffen, Queen-Elizabeth-Klasse-Flugzeugträger, F-35B, Flugzeugträger Admiral Kusnezow, AWACS-Flugzeug, NATO, Großbritannien, Syrien, USA