16:50 19 Dezember 2018
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    Start der Harpoon-Rakete vom US-Kriegsschiff USS Corando (Archivbild)

    Harpoon-Raketen für Kiew? USA nehmen Asowsches Meer verschärft ins Visier

    CC BY 2.0 / U.S. Navy / Lt. Bryce Hadley
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    In Kiew und Washington sucht man hektisch nach Auswegen aus der neuen russisch-ukrainischen Krise, die sich diesmal auf das Asowsche Meer bezieht.

    Die Zeit wird knapp: Laut der ukrainischen Online-Zeitung BlackSeaNews stehen die Häfen Berdjansk und Mariupol nahezu leer, denn die Patrouillen des russischen Grenzschutzes haben zwischen dem 14. und 21. August kein einziges Schiff die Kertsch-Straße passieren lassen, egal unter welcher Flagge.

    Am 22. August sollen sich laut den Quellen von BlackSeaNews 16 Schiffe in der Kertsch-Straße befunden haben, deren gesamte Beförderungskapazität 120.000 Tonnen betrug. Dabei warteten drei Schiffe schon seit einer Woche auf die Genehmigung, die Krim-Brücke Richtung Berdjansk oder Mariupol zu passieren, ein weiteres Schiff liegt dort seit sechs Tagen, zwei weitere seit fünf Tagen und weitere drei seit vier Tagen. Die Verluste der Häfen – und auch der Schiffsbesitzer – werden zunehmend größer.

    Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko zeigte sich empört: „Ich lasse mir das nicht gefallen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die aktuelle Situation absolut unzulässig ist.“ Am 26. September will er das Thema „Russlands Aggression im Asowschen Meer“ in einer Sitzung der UN-Vollversammlung aufwerfen. Aber ohne die entsprechende Militärstärke werden seine Worte selbst in den UN-Räumlichkeiten lächerlich klingen. Und somit muss Kiew dringend seine Militärstärke zeigen.

    Wohl nur aus diesem Grund haben die ukrainischen Seestreitkräfte am 28. August und das Operativkommando „Süd“ eine gemeinsame Kommando-Stabs-Übung unter dem Codenamen „Schtorm 2018“ begonnen. Daran sind zudem die Luftstreitkräfte, mehrere Abteilungen der Spezialeinsatzkräfte, Vertreter des Grenzschutzes, der Nationalgarde und des Transportdienstes beim Verteidigungsministerium beteiligt. Das Manöver ist der Vorbeugung einer Landung von Marineinfanterie eines angenommenen Gegners gewidmet.

    Aber leider sieht das alles einfach kläglich aus, in erster Linie weil Kiew den Versuch zur „angemessenen Reaktion“ auf die Gefahr im Asowschen Meer in einer ganz anderen Region durchführt, nämlich im nordwestlichen Teil des Schwarzen Meeres, unweit der Hafenstädte Odessa und Nikolajew. Grund: Nur dort haben die Ukraine Schiffe, die auf hoher See fahren können, unter anderem die Fregatte „Getman Sagaidatschny“, die allerdings wegen ständiger Pannen der Triebwerke und Waffen seit langem stillsteht.

    Aber selbst wenn das Manöver „Schtorm 2018“ absolut glatt verlaufen würde – was hat das alles mit dem „Asow-Problem“ der Ukraine zu tun? Eigentlich nichts. Die Teilnehmer dieser Übung können sowieso nicht die Kertsch-Straße passieren. Was soll Kiew also tun?

    Die Antwort kam aus Übersee. Den Ausweg fand Stephen Blank vom American Foreign Policy Council in einem Interview für Radio Free Europe. Wie der Sender betonte, war Blank längere Zeit Dozent an einer Militärschule, und deshalb seien viele Vertreter des Pentagons seine einstigen Schüler. Und das habe zu bedeuten, dass Mr. Blank genau wisse, worüber er spricht.

    Kurz zuvor hatte der US-Kongress den Militäretat für 2019 verabschiedet, dem zufolge die Ukraine mit Hilfen in Höhe von 250 Millionen Dollar rechnen dürfte. 50 Millionen davon sind für tödliche Waffen bestimmt. Es stellt sich allerdings die Frage, wie Kiew diese Mittel maximal effizient verwenden könnte.

    Auch dazu hat Experte Blank etwas gesagt. Nach seinen Worten erwägt das Pentagon auf Antrag Kiews die Entsendung von Anti-Schiffs-Marschflugkörpern an die Ukraine. Um wie viele – und um welche – Raketen es sich handeln könnte, sagte er allerdings nicht. Aber wo sie aufgestellt werden, ist nach seinen Worten schon jetzt klar: an der Küste des Asowschen und des Schwarzen Meeres.

    „Die Ukraine müsste ihr Marineverteidigungssystem deutlich verbessern. Dadurch würden die Chancen dieses Landes, zu überleben und einen großen Krieg zu verhindern, höher“, betonte der Experte.

    Was könnte aber das Poroschenko-Regime von den Amerikanern bekommen? Da gibt es keine große Wahl – nur Seezielflugkörper Harpoon, über die die US-Marine seit 1977 verfügt. Es gibt drei Modifikationen davon: luft-, schiffs- oder bodengestützte. Die maximale Reichweite beträgt zwischen 129 und 280 Kilometer. Auch ihre Fluggeschwindigkeit ist aus der Sicht des heutigen Tages archaisch: nur 0,85 Mach. Das ist sehr wenig im Vergleich zu den neuesten russischen Waffen (die Höchstgeschwindigkeit der Überschallrakete P-800 Onyx beträgt beispielsweise mehr als zwei Mach).

    Noch schlimmer für die Harpoon-Raketen ist die Tatsache, dass sie für Radaranlagen sehr auffällig sind. Das ist im Grunde auch klar: Jenseits des Großen Teiches werden solche Raketen inzwischen seit fast 50 Jahren nicht mehr entwickelt, während die russischen Onyx-Systeme relativ neu sind.

    Eben deswegen haben sich die Amerikaner für die Entwicklung neuer Anti-Schiffs-Raketen entschieden, nämlich GL-158C LRASM (Long Range Anti-Ship Missile). Angeblich wird ihre Schussweite 1000 Kilometer erreichen. Aber erstens gibt es diese Rakete noch nicht, und zweitens verkaufen die Amerikaner keine neuen Raketen ins Ausland. Und die Ukraine darf damit wohl erst gar nicht rechnen, weil man in Washington Angst hat, dass seine Geheimnisse demnächst in die Hände der Russen geraten könnten.

    Deshalb erwägt man im Pentagon eben die Entsendung von Harpoon-Raketen in die Ukraine, über die bereits die Marinekräfte der Türkei, Thailands, Chiles, Saudi-Arabiens, Ägyptens, Australiens usw. verfügen.

    Man kann auch leicht kalkulieren, mit wie vielen Harpoon-Raketen Kiew für 50 Millionen Dollar rechnen dürfte. Eine Rakete kostet laut verschiedenen Schätzungen zwischen 353.000 und 739.000 Dollar. Also kämen mehrere Dutzend Raketen infrage.

    Es ist auch absehbar, welche Version der Harpoon-Raketen die Ukrainer bekommen könnten: RGM-84, denn die Startanlagen können nur auf dem Boden stationiert werden – passende Schiffe hat die ukrainische Marine nicht. Und Flugzeuge umzubauen, damit sie dafür geeignet wären, wäre ein viel zu teurer Spaß für Kiew.

    Aber die wichtigste Frage, die sich in diesem Kontext stellt, lautet: Wozu? Wären denn die Harpoon-Raketen imstande, die militärpolitische Situation auf dem bzw. am Asowschen Meer radikal zu verändern? Denn es ist allgemein anerkannt, dass die gründliche Durchsuchung aller Schiffe, die auf dem Weg in die ukrainischen Häfen sind, durch den russischen Grenzschutzdienst absolut legitim ist. Und es wäre mehr als merkwürdig, wenn die Ukrainer auf russische Wachschiffe mit Harpoon-Raketen schießen würden. Das wäre ein Angriff gegen Russland – genauso wie im Juni 1941, als der Große Vaterländische Krieg  der Sowjetunion begann. Und seine Folgen wären entsprechend, und zwar nicht nur für die Ukrainer selbst, sondern auch für ihre Drahtzieher aus Übersee. Deshalb ist es kein Wunder, dass Stephen Blanks einstige Schüler im Pentagon so intensiv über dieses Problem nachdenken.

    In der Ukraine könnte man wohl erwidern, dass man mit Harpoon-Raketen potenzielle Angriffe der russischen Marinelandekräfte in Genitschesk, Berdjansk oder Mariupol abwehren könnte. Denn in Kiew scheinen viele zu glauben, dass solche Angriffe wirklich realistisch wären. Und dazu tragen manche Militärexperten in Kiew, beispielsweise der frühere Vize-Generalstabschef Igor Romanenko, mächtig bei.

    Dieser behauptete nämlich Mitte August in einem TV-Interview, dass Russland „allein im letzten Jahr“ etwa 60 Kriegsschiffe ins Asowsche Meer verlegt hätte. Aber seine Aussage zeugt eigentlich von nichts außer der Untauglichkeit des Generalleutnants. Denn erstens würde es dann im Asowschen Meer überhaupt keinen freien Raum mehr geben. Und zweitens ist allgemein bekannt, dass die Schwarzmeer-, die Nord- und die Baltische Flotte sowie die Kaspische Flottille Russlands insgesamt drei oder vier Schiffe für den Syrien-Einsatz bereitstellen konnten. Und samt Tankern, Schleppern, Landungsschiffen usw. befinden sich bestenfalls nicht mehr als 30 russische Schiffe im östlichen Mittelmeer.

    Aber hoffentlich ist die militärpolitische Führung in Washington klüger als der ukrainische Märchenonkel namens Romanenko  und verfügt zudem über zuverlässige Informationen – und versteht damit, dass Harpoon-Raketen im Asowschen Meer einfach überflüssig sind. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass ein paar solche Komplexe tatsächlich an Poroschenko verkauft werden könnten – genauso wie die Anti-Panzer-Raketenkomplexe Javelin. Diese wurden sogar am 24. August, dem Tag der Unabhängigkeit, auf einer Militärparade dem Publikum präsentiert. Allerdings hat niemand diese Raketen an der Frontlinie im Donezbecken gesehen – und wird sie wohl auch nie sehen, denn das würde unvermeidlich neue Spannungen mit Russland zur Folge haben.

    Also könnten Poroschenko nach demselben Schema auch einige Harpoon-Komplexe, die ohnehin veraltet und durch neuere Waffen zu ersetzen sind, geschenkt werden – warum denn nicht?

    Aber in Wahrheit gibt es ein viel effizienteres Mittel, die Spannungen um Berdjansk und Mariupol zu überwinden. Man sollte sich darüber Gedanken machen, womit all dies begonnen hatte, und das Fischfangboot „Nord“ samt Besatzung freilassen – und das möglichst schnell, denn dieses kleine Schiff hat der ukrainischen Wirtschaft einen so großen Schaden zugefügt, den ihr wohl ein großer US-Marineverband nicht hätte zufügen können. Und für die zwei größten ukrainischen Häfen werden die Verluste mit jedem weiteren Tag größer.

    Das kann Kiew durch keine Harpoon-Raketen unterbinden. Aber was es leicht tun könnte, ist für die ukrainische Seite unerträglich. Das wäre nämlich die Freilassung der „Nord“-Besatzung. Zwar würde Kiew sein politisches Gesicht verlieren – das steht außer Frage. Aber wären der Verlust von zwei großen Häfen und die Pleite der großen Hüttenbetriebe und von Handelspartnern im Ausland etwa besser?

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    Tags:
    Eskalation, Raketenschlag, Kriegsgefahr, Waffenlieferungen, Rakete, Kriegsschiffe, Krim-Brücke, Harpoon-Rakete, U.S. Navy, Schwarzmeerflotte, Petro Poroschenko, Asowsches Meer, Krim, Ukraine, USA, Russland