19:05 14 Dezember 2018
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    Soldat der Landstreitkräfte Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg

    1918: Erste KZs und Völkermord der Österreicher an Russen in Westukraine

    © Foto: Wikimedia Commons/ Public Domain
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    Galizien wird in erster Linie mit den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und der gleichnamigen SS-Division aus ukrainischen Freiwilligen in Verbindung gebracht. Vor 100 Jahren war dieses Gebiet aber als Hochburg der russischen und orthodoxen Kultur in Österreich-Ungarn bekannt.

    Die Österreicher vermuteten (und zwar nicht unbegründet), dass die Einwohner Sympathien für Russland empfanden, und nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges begann dort eine regelrechte Jagd auf angebliche „russische Spione“ und „Einflussagenten“. Der Kampf gegen die „russische Gefahr“ artete in die Gründung des ersten Konzentrationslagers in ganz Europa und einem Völkermord an den Einwohnern dieses Gebiets aus.

    Die „fünfte Kolonne“

    Der 28-jährige orthodoxe Priester Maxim Sandowitsch ging in den Innenhof des Gefängnisses im polnischen Gorlice. Dabei wurde er von mehreren Polizisten begleitet. Zuvor war er wegen seiner Sympathien für Russland und wegen der Verteidigung der Interessen der Orthodoxen in der Westukraine gefasst worden. Sandowitsch verstand, warum er seine Zelle verlassen durfte – es war immerhin September 1914.

    Ein österreichischer Rittmeister, der ihn begleitete, riss das Kreuz von seinem Hals und markierte auf seiner Brust die Zielscheibe für den Henker. Laut Augenzeugen schrie der Priester vor dem Tod: „Es lebe das russische Volk! Es lebe der heilige orthodoxe Glaube!“ Gleich danach wurde er erschossen. Dasselbe Schicksal wartete während des Ersten Weltkrieges auf Tausende andere Anhänger und Aktivisten der russischen Bewegung in der Westukraine.

    Dieser Krieg begann für Österreich-Ungarn sehr schlecht. Im August und September 1914 wurde seine Armee von den russischen Truppen an der 400 Kilometer langen Front zerschlagen, die dann Ost-Galizien und einen Teil Bukowinas einnahmen.

    In Wien war man enttäuscht, fast schon verzweifelt. Wie konnte denn seine ruhmreiche Armee verlieren und so erniedrigt werden?! Man vermutete sofort, dass „russische Spione“ ihre Finger im Spiel hatten – und sie wurden auch sehr schnell gefunden. Vor allem waren das die Einwohner, die kein Hehl aus ihren Sympathien für Russland machten. Die zahlreichen extra zu diesem Zweck gebildeten Feldgerichte gaben sich nicht einmal die Mühe, die Fälle der Angeklagten zu untersuchen – normalerweise wurden sie der Spionage und des Landesverrats angeklagt und sofort hingerichtet. Viele wurden „nur“ verhaftet. Von diesen Häftlingen gab es so viele, dass die Behörden das erste Konzentrationslager in ganz Europa errichteten. Dorthin wurden Zehntausende Menschen gebracht. Jeder vierte Häftling starb an Krankheiten, Hunger oder wurde totgefoltert.

    „Russinischer Lumpenhaufen“

    Diese Tragödie war eine logische Folge der langjährigen historischen Prozesse auf diesem Territorium – der Krieg spielte dabei nur eine „katalysierende“ Rolle. Die heutige Westukraine war einst Teil des einheitlichen Altrussischen Staates gewesen, und dort lebten dementsprechend viele Orthodoxe, die Altrussisch sprachen. Im 14. Jahrhundert wurde die Westukraine von Polen erobert, 400 Jahre später wurde dieses Territorium vom Österreichischen Reich unter Kontrolle genommen.

    Gerade in jener Zeit begannen die Prozesse, die noch heute das Leben der Westukraine wesentlich bestimmen. Die russische Elite wurde mit der Zeit quasi polnisch und konvertierte zum katholischen Glauben. Die einzige Möglichkeit für einen orthodoxen Russen oder Ukrainer, Karriere zu machen, bestand in der Konvertierung zum Katholizismus und im Bekenntnis zu Polen.

    Dabei war die nationale Selbstidentifikation der meisten Einwohner sehr verschwommen und ließ sich durchaus als prorussisch oder proukrainisch bezeichnen. Historiker haben dafür einen speziellen Begriff – „Russinen“ (auch bekannt als Ruthenen). Sie hatten keine einheitliche Sprache. Für den orthodoxen Glauben wurde man verfolgt, und die Behörden zwangen diesen Menschen den katholischen Glauben auf, weshalb er nicht gerade populär war. Ein Teil der Russinen empfand Sympathie für Russland, ein anderer Teil für Österreich. Und die Polen hassten die einen wie die anderen und hielten sie für eine Art „Lumpenhaufen“.

    Österreich sah seinerseits eine Gefahr in allem, was in der Westukraine auf diese oder jene Weise an Russland erinnerte. Der galizische Gouverneur Franz von Stadion und Graf von Warthausen verlangte von den Russinen, dass sie ihre nationale Einheit mit dem Russischen Reich aufgeben und ihre Kultur selbstständig entwickelten.

    Wer sich dafür entschied, durfte mit Unterstützung seitens der österreichischen Regierung rechnen. Diese Menschen bildeten eine hervorragende Ressource für den Kampf erstens gegen die Polen und zweitens gegen die Russinen, die sich doch zu Russland bekannten.

    Letztere wurden regelmäßig der Spionage und des Landesverrats beschuldigt. So traten im Jahr 1881 mehrere Bewohner eines Dorfes auf dem Territorium des heutigen ukrainischen Gebietes Ternopol mit der Initiative auf, vom griechisch-katholischen zum orthodoxen Glauben zu konvertieren. Ein großer Skandal wurde damals verhindert, aber die Organisatoren dieses Affronts blieben nicht unbemerkt. Das waren die russinischen Aktivisten Iwan Naumowitsch, Adolf Dobrjanski und dessen Tochter Olga Grabar. Die österreichisch-ungarische Polizei fand heraus, dass sie sich mit galizischen russischen Aktivisten trafen und dass Olga mit ihrem Bruder im Briefwechsel stand, der nach Russland gezogen war.

    Ein Jahr später wurden alle drei wegen Staatsverrats festgenommen. Angeblich hatten sie eine panslawistische Organisation gegründet, die die Einheit von Russinen und Russen propagiert hätte. Die „Verschwörer“ sollten hingerichtet werden, doch es gab keine Beweise für ihre Schuld. Dennoch landeten alle drei im Gefängnis.

    Die österreichische Polizei behielt alle „unzuverlässigen Elemente“ in der Westukraine „unter der Haube“, und zwar weil manche Menschen regelmäßig „nach Russland reisten“ – oder auch aus irgendwelchen anderen Gründen.

    Der Priester Maxim Sandowitsch wurde 1912 gefasst, weil er über eine Brücke ging, die strategische Bedeutung hatte, und angeblich „ihre Länge gemessen“ hätte, um diese Informationen den russischen Geheimdiensten zu vermitteln. Seine Vertrauten wurden angeklagt, weil sie Russisch unterrichteten und die Konvertierung vom katholischen zum orthodoxen Glauben propagiert hätten. Der Gerichtsprozess dauerte zwei Jahre, die die Angeklagten hinter Gittern verbringen mussten. Am Ende wurden sie zwar wegen ausbleibender Beweise für ihre Schuld freigesprochen. Aber zwei Monate später brach der Erste Weltkrieg aus, und dann begann eine neue Welle von Repressalien. Manchen Menschen gelang die Flucht nach Russland, andere wurden in das bereits erwähnte KZ gebracht. Maxim Sandowitsch wurde erschossen.

    Spion für 500 Kronen

    Gleich nach Kriegsbeginn entschied sich die österreichische Führung für die Festnahme aller unter Verdacht stehenden Russinen. Allein in Lwow (deutsch Lemberg) fanden sich etwa 2000, wobei die Stadt nur 34.000 Einwohner hatte.

    Ob es unter diesen Menschen wirklich russische Spione gab? Das könnte schon sein: Natürlich machte sich der russische Generalstab auf den Krieg gefasst und hatte wahrscheinlich seine Agenten in den Reihen der österreichischen Armee – aber es war unmöglich (und auch nicht nötig), Tausende Österreicher zu rekrutieren. Aber in diesem Fall ähnelt das Vorgehen der österreichischen Geheimdienstler dem ihrer sowjetischen „Kollegen“, die landesweit Tausende „ausländische Agenten“ entdeckten.

    Aber die Österreicher hatten da sogar eine Art Vorsprung – denn in Österreich-Ungarn wurden Denunziationen nicht nur ideologisch begrüßt, sondern auch finanziell belohnt: Dafür wurden 50 bis 500 Kronen versprochen.

    Diese „Hexenjagd“ wurde dermaßen ausgeweitet, dass sogar Menschen gefasst wurden, die russische Zeitungen lasen.

    Erstes KZ in Europa

    Vor dem Hintergrund des Kampfes gegen die „russischen Agenten“ geriet die österreichische Regierung in eine schwere Situation. Einerseits war es inakzeptabel, alle Menschen, die möglicherweise Sympathien für Russland empfanden, hinzurichten. Es war immerhin Europa – und auch kein Mittelalter mehr. Andererseits gab es in den Gefängnissen einfach keinen Platz für immer neue Häftlinge. Und dann kam man in Wien auf die Idee, Konzentrationslager einzurichten – die ersten in Europa.

    Die „KZ-Technologie“ hatten die Briten während des Zweiten Burenkrieges (1899 bis 1902) durchaus „erfolgreich“ getestet. Aber was in Afrika akzeptabel war, schien im „zivilisierten“ Europa wild zu sein. Doch das stoppte die Österreicher nicht.

    Hinrichtung von Russinen im Konzentrationslager Talerhof 1916
    Hinrichtung von Russinen im Konzentrationslager Talerhof 1916

    Im September 1914 wurde die erste Gruppe Russinen ins KZ Thalerhof gebracht. Genauer gesagt war das noch kein Lager, sondern nur ein verschlossenes Gelände. Die ersten Baracken wurden dort erst im Winter 1915 gebaut – bis dahin mussten die Häftlinge unter freiem Himmel leben, egal ob es regnete oder schneite.

    Unter diesen Bedingungen verbreiteten sich unter den Häftlingen schwere Krankheiten wie Cholera, Typhus, Tuberkulose usw. Es brachen richtige Seuchen aus, so dass allein in den ersten Monaten fast 20 Prozent von ihnen starben.

    Viele weitere Häftlinge starben an Hunger, weil ihre Ration fünf Mal kleiner als die ohnehin geringe Ration der Soldaten war. Etwas Brot, rote Bete, Bohnen und Rüben – das war alles, womit sie rechnen durften.

    Zudem wurden die Häftlinge oft gefoltert – manchmal einfach, weil die Wärter sich amüsieren wollten.

    Besonders schlimm war, dass die Häftlinge gar nicht angeklagt wurden – sie wurden einfach wegen ihrer nationalen oder religiösen Zugehörigkeit nach Thalerhof gebracht und mussten unter Bedingungen leben, deren Ziel praktisch ihre physische Vernichtung war. Aus dieser Sicht lässt sich das Vorgehen der österreichischen Führung durchaus als Völkermord bezeichnen.

    Das KZ Thalerhof bestand noch bis zum Frühjahr 1917. In diesen zweieinhalb Jahren wurden mehr als 30.000 Menschen, egal ob Militärs oder Zivilisten, hinter seine Gitter gebracht. Jeder vierte von ihnen starb dort, und fast die Hälfte zog sich diverse Verletzungen zu. Das Ergebnis dieser Repressalien war die nahezu vollständige Vernichtung der russischen Bewegung in der Westukraine.

    Konzentrationslager Talerhof
    Konzentrationslager Talerhof

    Dass die Österreicher in diesen Jahren einen regelrechten Völkermord begingen, beweisen auch die statistischen Angaben: Die Zahl der Polen unter den Einwohnern Lwows war zwischen 1900 und 1931 um 235 Prozent und die Zahl der Juden um 66 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Die Zahl der Russinen blieb gleich.

    Auffallend ist, dass man in der Ukraine die Tragödie in Thalerhof heute kaum noch erwähnt. Dem Völkermord an den Mitbürgern (und die Russinen waren immerhin Ureinwohner Galiziens) ist in den ukrainischen Geschichtslehrbüchern nur ein Absatz gewidmet. Und dabei geht es offenbar nicht um die Vergesslichkeit der aktuellen ukrainischen Führung, sondern vielmehr darum, dass sie die Tausende Ukrainer nicht erwähnen will, die aus ihrer Liebe zu Russland sterben mussten, und zu deren letzter Ruhestätte der Ort wurde, der inzwischen als „galizisches“ oder noch häufiger als „russisches Golgatha“ bezeichnet wird.

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    Tags:
    Spione, Kriegsgefangene, Völkermord, Genozid, Religion, Erster Weltkrieg, Österreich-Ungarn, Ungarn, Österreich, Russland, Ukraine