06:46 13 Dezember 2018
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    al-Qaida-Kämpfer in Syrien (Archiv)

    Monströse „Terror-Holding“: Wehe, wenn sich IS* und al-Qaida* zusammenschließen

    © REUTERS / Ammar Abdullah
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    Die jüngsten Erfolge im Kampf gegen extremistische Organisationen in einzelnen Regionen der Welt könnten zum Zusammenschluss dieser destruktiven Kräfte führen, warnen die russischen Geheimdienste. Zu dieser Tendenz trägt quasi auch das Vorgehen einiger westlicher Länder bei, die die Terroristen in „gute“ und „böse“ aufteilen.

    Einheit heißt Macht

    Eine hybride terroristische „Holding“ könnte unter anderem durch die Annäherung der terroristischen Organisationen „Islamischer Staat“ und al-Qaida entstehen. Davor warnte dieser Tage der Leiter des Anti-Terror-Zentrums beim russischen Dienst der Außenaufklärung (SWR), Sergej Koschetew.

    Nach seiner Einschätzung hätte eine solche Organisation „eine riesige Ressourcenbasis und ein riesiges destruktives Potenzial“. Das wäre „eine neue globale Herausforderung“ im Sicherheitsbereich, betonte Koschetew auf einer internationalen Konferenz gegen illegale Waffenlieferungen  in Moskau.

    Der Westen wird ihnen helfen

    Voraussetzungen für eine solche „Umformierung“ der terroristischen Gefahren gebe es jede Menge. Eine von ihnen sei „die destruktive Position der Führung einiger Staaten“, stellte der Geheimdienstler fest. „In ihrem eigenen geopolitischen Interesse machen sie oft einen Unterschied zwischen ‚guten‘ und ‚bösen‘ Terroristen und unterstützen zudem extremistische Strukturen, die angeblich für die wahre Demokratie kämpfen.“

    Damit meinte Koschetew natürlich vor allem die USA. Zugleich erinnerte er auch daran, dass die Unterstützung, die Washington einst den Mudschaheddin-Kämpfern in Afghanistan leistete, zur Entstehung der al-Qaida und letztendlich zu den Anschlägen vom 11. September 2001 geführt habe, und dass die rechtswidrige Invasion der US-Amerikaner in den Irak und nach Syrien eine wichtige Rolle für die Entstehung des „Islamischen Staates“ und der al-Nusra-Front gespielt habe.

    Zwangsläufige Umgruppierung

    Dank der effizienten Handlungen Russlands und der von den USA angeführten internationalen Anti-Terror-Koalition in Syrien hat der IS seine Positionen in diesem Land großenteils verloren. Von der militärischen Niederlage des IS sprach im April dieses Jahres der russische Präsident Wladimir Putin. Gleichzeitig warnte er jedoch, dass diese Gruppierung nach wie vor äußerst gefährlich bleibe.

    Vom Sieg gegen den IS sprach öfter auch US-Präsident Donald Trump, wobei er diese Erfolge vor allem der von Washington angeführten Koalition zuschrieb. Im Dezember 2017 verwies er darauf, dass der Kampf gegen den IS „in den letzten acht Monaten erfolgreicher als in allen Jahren unter der früheren Administration gewesen“ sei. Diese Erklärung war vor allem für das Publikum innerhalb der Vereinigten Staaten bestimmt, unter anderem, weil im November die sogenannten „Halbzeitwahlen“ zum US-Kongress stattfinden, bei denen die Republikaner mit einer Festigung ihrer Positionen rechnen. Angesichts dessen ist es kein Wunder, dass das Weiße Haus seine eigene Rolle bei dem erfolgreichen Kampf gegen die Terroristen so intensiv hervorhebt.

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    Dass sich der IS auf eine Umgruppierung seiner Kräfte vorbereitet, erklärte auch der Vizechef des Exekutivkomitees der Regionalen Anti-Terror-Struktur der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), Dschumachon Gijessow. „Die erfolgreiche Ausrottung der IS-Herde in Syrien zwang die am Leben gebliebenen Kämpfer zu einer Neuausrichtung, und ihre Führer mussten ihre ausländischen Filialen intensiver einsetzen“, betonte er. „Die innerhalb des IS gegründeten Sonderstrukturen arbeiten an der Verlegung von Diversions- und Terroristengruppen nach Europa.“

    Ein teures Unterfangen

    Auch die schwere finanzielle Lage zwingt die IS-Terroristen zur Suche nach neuen Existenzformen. Nach dem Verlust der ölreichen Gebiete im Irak und in Syrien verloren die Terroristen auch ihre wichtigste Einnahmequelle – den Erlös aus dem Handel mit illegal gewonnenen fossilen Brennstoffen. Zudem konnten sie nicht mehr Geld von den Einwohnern dieser Gebiete verlangen.

    Dadurch seien die Einnahmen der IS-Terroristen in den letzten Jahren um nahezu 90 Prozent geschrumpft, führte SWR-Pressechef Sergej Besseda an. 2014 hatten sie sich nach seinen Worten auf etwa drei Milliarden Dollar belaufen, inzwischen seien davon nur 200 bis 300 Millionen geblieben.

    Die Terroristen versuchen, diese Verluste durch Einnahmen aus dem Drogenhandel auszugleichen, insbesondere in Afghanistan. „Unter anderem investieren sie zuvor gewonnene Mittel in legale Geschäfte“, ergänzte der Sprecher. Zudem müsse sich der IS für „weniger aufwändige Projekte“ entscheiden. Unter anderem handelte die Gruppierung intensiver als früher in sozialen Netzwerken, wo sie ihre Ideen propagiere und neue Kämpfer rekrutiere.

    Von wegen verschwunden

    Deshalb sind die Kämpfer trotz der Erklärungen über den Sieg gegen den IS gar nicht verschwunden. Nach Angaben der Uno bleiben in Syrien und im Irak immer noch 20.000 bis 30.000 IS-Terroristen. Zum Vergleich: Das Pentagon behauptete, diese Zahl würde bei höchstens 6000 liegen.

    Experten zufolge handelt der IS vor allem in der Wüste im Grenzraum zwischen beiden Ländern. Ihm gehören übrigens zahlreiche ausländische Söldner an. Zudem gibt es IS-Enklaven in Afghanistan, Libyen, in Südostasien und Westafrika, warnen die Experten.

    „Der IS ist gar nicht verschwunden. Das ist immer noch der IS 1.0“, sagte der Irak-Experte Michael Knights vom Washingtoner Institute for Near East Policy. Nach seinen Worten betrachtet die IS-Führung den Verlust der wichtigsten irakischen Städte einfach als eine neue Phase des andauernden Konflikts. „Sie glauben nicht, dass sie am Ende sind.“

    Und das scheint auch wahr zu sein: Zuletzt wurden die Terroristen vor allem in den drei überwiegend von Sunniten bewohnten Provinzen wieder aktiv: Diyala, Salah ad-Din und al-Anbar, die eine Zeit lang vom IS kontrolliert worden waren. Knights fügte hinzu, vom neuen Aufschwung des „Islamischen Staates“ zeuge unter anderem die Tatsache, dass die Terroristen viele Älteste in Dörfern getötet haben. In den letzten Monaten seien im Durchschnitt drei bis vier Älteste pro Woche ermordet worden. „Das bedeutet, dass im kommenden Jahr die Einwohner von 168 Dörfern den Mord des wichtigsten Mannes in ihrem Dorf sehen werden, und die Sicherheitskräfte werden dagegen nichts tun können“, prognostizierte Knights.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Zusammenschluss von Al-Qaida und IS nicht ausgeschlossen – FSB-Chef

    Das werde negative Folgen für das Vertrauen der Einwohner zu den Behörden haben. „Die Einwohner kooperieren nicht mit den Sicherheitskräften, und zwar aus Angst. Sie tun nichts gegen den IS und erstatten keine Anzeigen wegen seiner Aktivitäten. Und am Ende halten ihre Kinder den IS für die stärkste Kraft in der Region“, so der Experte.

    Wechsel der Führung

    Auffallend ist, dass al-Qaida vor dem Hintergrund der IS-Schwächung schrittweise die Führungsrolle im Mittleren Osten übernimmt. Darauf verwiesen zuletzt auch Nato-Vertreter.

    Der für Aufklärung und Sicherheit zuständige stellvertretende Generalsekretär der Allianz, Arndt von Loringhofen, warnte, dass mit dieser Konkurrenz zwischen den Terroristen neue Risiken verbunden seien. Die Schwächung des IS habe al-Qaida die Möglichkeit gegeben, wieder zu ihrer einstigen Stärke zurückzufinden. Das Netzwerk sei nach wie vor bzw. wieder in Ländern wie Afghanistan, Syrien, Somalia und im Jemen sowie in Nordafrika vertreten, betonte der Diplomat.

    Erniedrigte und Beleidigte

    Sergej Demidenko vom russischen Institut für Gesellschaftswissenschaften stellte fest, dass das Terrorproblem im Nahen Osten schwer in den Griff zu bekommen sei, weil mit seiner Entstehung ein ganzer Komplex von sozialpolitischen Faktoren verbunden sei. „In der Region sind Bedingungen entstanden, die für radikale Gruppierungen günstig sind: Zu viele Menschen fühlen sich dort erniedrigt und beleidigt – sie haben vor dem Hintergrund des Scheiterns vieler Staaten ihre Orientierungspunkte verloren und neigen jetzt zum Radikalismus.“

    Ähnlich schätzt die entstandene Situation auch der Professor der Diplomatischen Akademie des Außenministeriums Russlands, Alexander Wawilow, ein. „Der islamische Terrorismus hat auch tiefe sozialwirtschaftliche Wurzeln. Aber wenn einzelne Regierungen nicht versucht hätten, die Extremisten für ihre eigenen Zwecke auszunutzen, wäre das Niveau der terroristischen Aktivitäten viel geringer als in den letzten Jahrzehnten gewesen“, konstatierte der Politologe.

    *in Russland verbotene Terror-Organisationen

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    Tags:
    Schwächung, Terror, Koalition, Waffenlieferungen, IS, Al-Qaida, NATO, Donald Trump, Libyen, Afghanistan, USA