17:46 23 September 2018
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    Ermittler des Falls Skripal (Archiv)

    Medien machen Londons Job: Russische Agenten mit Giftresistenz und Superfähigkeiten?

    © REUTERS / Peter Nicholls/File Photo
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    Man muss zugeben, dass die Briten bei den Ermittlungen zum Skripal-Fall große Arbeit geleistet haben. Sie hat offenbar ein Maß erreicht, um der von der „russischen Bedrohung“ eingeschüchterten Gesellschaft ein „überzeugendes Bild des Verbrechens“ darzulegen.

    Doch sie wird nur für die Laien in Europa überzeugend wirken, nicht aber für jene, die die Besonderheiten der Geheimdienstarbeit kennen.

    Die Pressekonferenz der Scotland-Yard-Vertreter und der anschließende emotionale Auftritt von Regierungschefin Theresa May im Parlament scheinen zeitlich miteinander abgestimmt gewesen zu sein: Es ist genau ein halbes Jahr seit Beginn der Untersuchung des Giftanschlags von Salisbury vergangen. Man musste unbedingt etwas vorweisen, am besten auch anschaulich, um erneut Emotionen zu schüren.

    Laut Scotland Yard trafen Alexander Petrow und Ruslan Boschirow am 2. März um 15 Uhr mit dem Aeroflot-Flug SU2588 aus Moskau am Flughafen Gatwick bei London ein. Dann sollen sie um etwa 17.00 Uhr mit einem Zug in London angekommen sein. Danach fuhren sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Station Waterloo, wo sie ab 18.00 etwa eine Stunde verbrachten. Die nächste Station war das City Stay Hotel im Osten Londons, wo sie zwei Nächte verbrachten.

    Am 3. März um 11.45 Uhr kamen die beiden Männer erneut in Waterloo an. Danach fuhren sie nach Salisbury, wo sie um 14.25 Uhr eintrafen. Laut Einschätzung der Polizisten war das Ziel der Reise – die Lage vor Ort zu sondieren. An dem Tag sollen sie keine Gefahr dargestellt haben. Sie kehrten dann mit dem Zug nach London zurück und waren nach vier Stunden wieder im Hotel.

    Am 4. März fuhren sie erneut mit dem Zug bis Waterloo und begaben sich wieder nach Salisbury, wo sie um 11.45 Uhr eintrafen. Laut Überwachungskameras hielten sie sich in der Nähe des Hauses der Skripals auf. Nach Angaben von Polizisten sollen sie die Klinke der Eingangstür mit dem Nervengift Nowitschok präpariert haben. Anschließend verließen sie Salisbury und begaben sich zum Flughafen Heathrow, von wo aus sie um 22.15 Uhr mit dem Aeroflot-Flug SU2585 nach Moskau flogen.

    Call the Commissioner

    Im Februar des vergangenen Jahres wurde die Leitung der Metropolitan Police Force erstmals von einer Frau übernommen – von der 57 Jahre alten Cressida Dick. Die Tochter eines Philosophie-Professors am renommierten Balliol College der Universität Oxford hat bei der Polizei eine erstaunliche Karriere hingelegt. Im April des vergangenen Jahres hatte sie als Chefin der MPF ihr Coming-out und wurde damit zur hochrangigsten lesbischen Offizierin in der Geschichte Großbritanniens. Ihre Partnerin Helen dient ebenfalls in der Polizei.

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    In der Amtszeit Dicks gab es einige Terroranschläge sowie den Vorfall in Salisbury, der zwar nicht London betrifft, doch alle Hebel der Ermittlungen wurden gleich an den Scotland Yard übergeben. Für Dick war der Fall ihre bislang größte berufliche Herausforderung und die Chance, die Karriereleiter weiter hochzuklettern. Nicht nur Theresa May, sondern auch Cressida Dick muss endlich Ergebnisse der bereits seit sechs Monaten dauernden Untersuchung liefern.

    Bislang unterstützt die öffentliche Meinung in Großbritannien alles, was von May und Dick vorgelegt wird. Doch die Zeit läuft davon, und man muss Beweise vorlegen. Vielleicht sind eben mit dieser Eiligkeit die Dummheiten verbunden, die Dick als Beweise für die „Beteiligung“ von zwei nicht identifizierten Personen mit russischen Reisepässen an dem Vorfall in Salisbury vorlegte, bei dem eine Katze, ein Hamster und eine Drogensüchtige ums Leben kamen.

    In den vergangenen sechs Monaten haben Dicks untergeordnete Beamte enorme Arbeit geleistet, wobei sehr viele Aufnahmen der Überwachungskameras durchforstet wurden. Das Problem besteht darin, dass von Anfang an eine falsche Aufgabe gestellt wurde. Sie mussten den genauen Ort und die genaue Zeit (Salisbury, 4. März) mit jeder Person mit russischen Pässen, die an diesen Tagen an Londoner Flughäfen war, in Verbindung bringen. Erstaunlicherweise haben sie diese Aufgabe erfüllt.

    Was die Beweise betrifft, die von Dick vorgelegt wurden, so sind sie einfach unglaubwürdig.

    Informationen aus offenen Quellen

    Die Ermittler verknüpften die zwei Männer mit den russischen Pässen mit den Ereignissen in Salisbury. Aus der Sicht eines Touristen ist ihr Aufenthalt dort fragwürdig: Nach Großbritannien zu fahren, um sich Sehenswürdigkeiten in Salisbury anzusehen, das ist wie im russischen Kemerowo nach dem Meer zu suchen. Andererseits weiß man nicht, was sie dort zu suchen hatten. Cressida Dick weiß wohl sicher mehr darüber.

    Warum sollen Petrow und Boschirow mit dem Vorfall in Salisbury in Verbindung stehen? Cressida Dick legte keine Beweise dafür vor, dass sie jemanden vergiftet haben, außer der Tatsache, dass sie sich nach dem trübseligen Salisbury und nicht in Museen wie das Tate Britain oder Madame Tussauds in London begeben hatten.

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    Für den Erhalt eines britischen Visums mussten den beiden Männern Fingerabdrücke abgenommen werden. Auf dem Parfümfläschchen wurden keine Fingerabdrücke außer denen der Drogensüchtigen entdeckt. Hinzu kommt: Wären die beim Erhalt des Visums abgenommenen Fingerabdrücke nicht mit denen im Hotel identisch, wäre das ein Anlass zum Zweifel gewesen, dass in der Botschaft nicht dieselben Personen das Visum bekommen haben, die letztendlich nach Großbritannien reisten. Das wäre wohl eine „Spur“ gewesen.

    Aus offenen Quellen können Informationen über die beiden Männer bezogen werden. Es heißt, dass Ruslan Boschirow am 12. April 1978 in Duschanbe geboren wurde und in Moskau in einem Neubau im Stadtviertel Tuschino gemeldet ist. In dieser Wohnung wohnt eine alte Frau. Ein Nachbar gab an, dass Ruslan ihr Sohn sein könnte, doch er wurde dort niemals gesehen. Zudem kann man vermuten, dass es sich um eine Fake-Meldeanschrift eines Mannes aus Tadschikistan ohne bekannte Vergangenheit handelt.

    Auf einem Account Boschirows in einem Sozialen Netzwerk steht, dass er 2004 die Fakultät für Geografie der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität in der Fachrichtung „Hydrologie des Bodens“ absolvierte, also ist er von Beruf Meliorator. Als Freund in den Sozialen Netzwerken Boschirows ist nur eine Frau aus der Ukraine angegeben.

    Über Petrow ist noch weniger bekannt. Genauer gesagt, nichts. Ein Mann mit diesem Namen und Geburtsdatum (13. Juli 1979) steht auf der Liste der Mitarbeiter des Pharmaherstellers Mikrogen, der 2003 aus der Fusion von 14 Branchenfirmen entstanden war. Zugleich ist Petrow einer der verbreitetsten Familiennamen in Russland. Besagter Petrow von der Firma Mikrogen gab an, dass es für ihn problematisch sei, nicht nur nach London, sondern auch nur in den Altai zu fahren.

    Ein anderer Petrow reiste ein Jahr vor dem Vorfall in Salisbury nach London. Also müssten seine Fingerabdrücke bereits in der Datenbank vorhanden sein. Boschirow und Petrow reisten häufig ins Ausland, jedoch getrennt. Vom September 2016 bis März 2018 besuchten sie Amsterdam, Genf, Mailand und Paris.

    Das alles wurde von russischen Journalisten herausgefunden. Doch in dem Vorgehen der Behörden in Großbritannien steckt eine merkwürdige Logik.

    Ohne Schutzanzug

    Die Tochter eines Professors der Oxford University mag glauben, dass jene, die außerhalb Großbritanniens leben, Barbaren sind. Im Übrigen ist es eine Übertreibung, „russische GRU-Aufklärer“ als Idioten darzustellen. Das ist unprofessionell.

    Wenn die beiden Männer aus irgendwelchen Gründen schon keine Schutzanzüge angezogen haben, hätten sie zumindest eine Mütze mit Ohrenklappen anziehen können. In diesem Sinne sollte man wohl die ganze „Operation zur Beseitigung der Skripals“ betrachten, die von May und Dick beschrieben wurde.

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    Es geht schon langsam auf die Nerven, die britischen Kollegen ständig daran zu erinnern, dass die GRU seit langem anders heißt und das die Kollegen präziser mit Begriffen umgehen sollten, sonst ist es nicht weit bis zu KGB und NKWD. Jeder auf den ersten Blick kleine Fehler entwertet all die Berichte Dicks und Mays. Doch es gibt auch offensichtliche Tabus bei den Geheimdiensten, die nur gebrochen werden, wenn es sich um Selbstmörder und Amateure handeln muss.

    Mit einem Aeroflot-Flug aus Moskau anreisen, um jemanden zu töten, und dann mit demselben Aeroflot-Flug zurückfliegen, das ist für einen professionellen Agenten ein absolutes Tabu – zumal mit einem Parfumfläschchen im Koffer. Es gibt Dutzende Wege, nach Großbritannien zu gelangen, ohne für Aufmerksamkeit zu sorgen. Wären die beiden Männer beispielsweise zwei Monate vor dem Vorfall aus Dubai nach London gekommen, hätte Cressida Dick mindestens weitere sechs Monate nach ihnen gesucht.

    Das ist das einfachste Schema. Kompliziertere Schemen erfordern den Austausch der Pässe und die vorläufige Legalisierung in den Niederlanden, wo keine Fingerabdrücke gefordert werden.

    Allerdings ist auch das ziemlich einfach. Den britischen Kollegen sollte allmählich dämmern: Wenn jemand von den russischen Geheimdiensten unbemerkt nach Großbritannien einreisen will, dann ist dies auch möglich.

    Dasselbe betrifft auch die „Tatwaffe“. Nur ein psychisch Kranker würde ein tödliches Gift durch zwei Zollstellen schmuggeln. Jeder Zollbeamte würde sich wundern, warum ein Mann ein zerlegtes Parfümfläschchen für Frauen bei sich führt. Gewöhnlich wird die Tatwaffe auch vor Ort besorgt. Niemand wird das Risiko an der Grenze eingehen. Die Minimierung von Zufällen ist der wichtigste Teil bei der Planung jeder Operation.

    Die Bewegungen Petrows und Boschirows in Raum und Zeit verbinden sie nicht mit dem Vorfall selbst. Bislang wurde kein einziger Beweis der Beteiligung irgendwelcher Personen am Giftanschlag auf die Skripals vorgelegt. Die Ermittler verfügen nach sechs Monaten Untersuchung über kein einziges Beweisstück, das vor Gericht genutzt werden kann.

    Doch wenn man für einen kurzen Moment annimmt, dass diese Personen tatsächlich im Rahmen der bereitgestellten fragmentierten Bilder existieren, entsteht ein ganz anderes Bild. Das alles ähnelt einer Provokation, die von Amateuren vorbereitet wurde. Diese Version der Ereignisse rund um den Skripal-Fall erscheint viel wahrscheinlicher als der „staatliche Terrorismus des Regimes Putins“.

    Doch die Mitarbeiter von Cressida Dick sind wohl an solchen aufwändigen Untersuchungen nicht interessiert – ebenso wie Theresa May.

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    Tags:
    Verdächtiger, Vergiftung, Terroranschlag, Aeroflot, Scotland Yard, Julia Skripal, Sergej Skripal, Theresa May, Salisbury, Russland, Großbritannien