15:58 23 September 2018
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    Das Rätsel Karl Lagerfeld: „Kaiser Karl“ – letzter Feind der politischen Korrektheit

    © AFP 2018 / Angela Weiss
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    Modeschöpfer mit viel Macht: Der berühmte Geschäftsmann Karl Lagerfeld feiert heute seinen 85. Geburtstag. Das Portal „iz.ru“ erinnert an den Werdegang des Modeschöpfers und geht der Frage nach, ob er auch im 21. Jahrhundert weiter gefragt sein wird.

    Karl Lagerfeld wurde am 10. September 1933 in der Familie des Hamburger Kondensmilch-Fabrikanten Otto Lagerfeld geboren. Dessen Geschäft waren weder von der Machtübernahme der Nazis noch vom Zweiten Weltkrieg betroffen. Er schickte seinen einzigen Sohn zum Studium am angesehenen Lycée Montaigne in Frankreich. Seit der Zeit spielt sich Karl Lagerfelds Leben hauptsächlich in Frankreich ab.

    Als Geburtsjahr gab Lagerfeld öffentlich lange Zeit 1938 bzw. 1935 an (im Interview für France 2 sagte er 2009, dass sein Geburtsjahr ein Geheimnis bleiben wird). Die „Bild am Sonntag“ veröffentlichte jedoch im Jahr 2008 Auszüge des kirchlichen Taufregisters Hamburg, wo als sein Geburtsjahr 1933 angegeben wurde. Doch Karl Lagerfeld ließ sich dadurch nicht verwirren und im selben Jahr gleichwohl zum „70. Geburtstag“ gratulieren. Ihn kann überhaupt kaum etwas verwirren – weder Kämpfer für Tierrechte noch Aktivisten im Kampf gegen sexuelle Belästigungen.

    Karl Lagerfeld wird aufgrund seiner andauernden Karriere liebe- und respektvoll „Kaiser Karl“ genannt. In dieser deutschen Kombination der arroganten Aristokratie und der Fähigkeit, Phantastisches in absolut alltäglichen Sachen zu finden, steckt eines der Geheimnisse seines Erfolgs.

    Seine ersten Kollektionen für Balmain und Jean Patou wurden wegen unzureichender Couture-Elemente kritisiert. Allerdings sorgte er in der Pariser Modewelt mit Mini-Röcken für großes Aufsehen.

    Nach einer zweijährigen Pause kehrte er 1963 in die Modewelt zurück – zunächst als Freelancer bei Chanel und seit 1965 als ständiger Designer bei Fendi. Als er 1983 in die Leitung des Modehauses Chanel eingeladen wurde, war er bereits Promi von globalen Ausmaßen, hatte eine eigene Marke und ein eigenes erkennbares Image, dem er bis heute treu bleibt – weiße Haare im Zopf, Sonnenbrillen zu jeder Zeit, Handschuhe für jedes Wetter, ein Hemd mit hohem Kragen und zahlreiche Accessoires.

    Lagerfeld kritisiert moderne Designer, die vor dem Publikum in T-Shirts und Jeans erscheinen. Sie sollen damit versuchen zu signalisieren, dass sie über der von ihnen entdeckten Welt des Luxus und Stils stehen. Er sagte einst im Interview mit CNN-Moderatorin Alina Cho, dass sein wahrer Name nicht Lagerfeld, sondern „Labelfeld“ sei.

    Hätte Karl Lagerfeld nichts außer legendären CC-Logos für Chanel entwickelt, wäre er auch so in die Modegeschichte eingegangen. Allerdings entwickelte er noch vieles – von Denim und Plastik für klassische Chanel-Anzüge bis zu einem eigenen Label für seine Katze Choupette.

    Seine Kleidung tragen reale gekrönte Personen und Promis (er schuf Bühnenbekleidung für Madonna und Kylie Minogue), er entwirft Mode für die Luxus-Marken Chanel und Fendi, das mittelpreisige Label Diesel und sogar Massenmarken wie H&M – jeder soll die Möglichkeit haben, ein Stück Lagerfeld zu kaufen.

    Lagerfeld scheut keine Skandale, er legt keinen Wert auf mögliche Folgen seiner Äußerungen. Die westliche Gesellschaft reagiert heute sehr nervös auf jede seiner Andeutungen. Doch Kaiser Karl interessiert das anscheinend nicht. 2012 nannte er die Sängerin Adele „ein bisschen zu dick“. Auf die Aufrufe, die Plus-Size-Models auf die Catwalks zu lassen, sagte er, dass schlanke Models nur von dicken Frauen kritisiert werden, die mit Chips vor dem Fernseher sitzen.

    2017 kam es zu einem Skandal, als Lagerfeld Harvey Weinstein mit einem Schweinekopf gezeichnet (und die „FAZ“ es abgedruckt) hat. Lagerfeld titelte seine Zeichnung „Harvey Schweinstein“. Ein Deutscher, der einen Juden in Gestalt eines Schweins darstellt, wird nach 1945 nicht als integer wahrgenommen.

    Oder sein Cartoon, der ebenfalls bei der FAZ veröffentlicht wurde: Die Illustration zeigt, wie Hitler hinter der deutschen Bundeskanzlerin steht und sagt: „Vielen Dank, dass Sie ungewollt meinen Nachkommen erlaubt haben, wieder im Parlament vertreten zu sein“.

    November 2017. In einer Talkshow des französischen Fernsehsenders „Canal 8“ sagte Lagerfeld in Bezug auf die westliche Migrationspolitik:

    „Wir können nicht, selbst wenn Jahrzehnte zwischen den beiden Ereignissen liegen, Millionen Juden töten und Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen.“

    Worte, die auch in Deutschland für einen Skandal sorgten.

    Doch auch dieser Fall traf Lagerfeld nicht – es geht nicht nur um ein angesehenes Alter und Verdienste vor der Modeindustrie. Lagerfeld nahm nun mal im Kulturraum eine absolut einmalige Position ein. Er ist wohl der Modeschöpfer, dessen Bild selbst dem einfachen Publikum bekannt ist. Er weigert sich, Pelz aus seinen Kollektionen zu entfernen, und kommentiert die Gerüchte über sein baldiges Verlassen des Modehauses Chanel fast gar nicht. „Alle hoffen, dass ich Fendi und Chanel verlasse, um einen Job für sich zu bekommen, doch sie vergessen, dass ich einen lebenslangen Vertrag habe“, sagt er.

    Im Mai hatte der Modedesigner dann die Bundeskanzlerin Angela Merkel beschuldigt, dass 100 „Neonazis“ im Parlament sitzen würden. Wenn die Bundeskanzlerin ihre Politik nicht verändere, „gebe ich die deutsche Staatsangehörigkeit auf“, sagte er dem französischen Magazin „Le Point“. Er „verabscheut“ Merkel dafür.

    Offenbar darf sich „Kaiser Karl“ viel mehr erlauben als ein üblicher Sterblicher. Bedeutet das vielleicht, dass er das Geheimnis des ewigen Lebens entdeckte?

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    Tags:
    Karikatur, Bundeskanzlerin, Kritik, Antisemitismus, Xenophobie, Migranten, Flüchtlinge, Geburtstag, Mode, FAZ, Chanel, Harvey Weinstein, Angela Merkel, Adolf Hitler, Karl Lagerfeld, Nahost, Deutschland