20:47 16 November 2018
SNA Radio
    Teilnehmer des Bischofskonzils der Konstantinopel-Kirche in Istanbul

    Kiew vor blutiger Religionskrise wegen der Abspaltungspläne vom Moskauer Patriarchat?

    © AFP 2018 / Ozan Kose
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Iswestija
    295425

    Die Präsidentschaftswahl in der Ukraine rückt immer näher und immer größer wird die Wahrscheinlichkeit einer verbissenen religiösen Konfrontation.

    Der ökumenische Patriarch Bartholomaios hat zwei seiner Exarchen nach Kiew geschickt und die Gewährung der Autokephalie angekündigt. Damit sorgte er für Empörung in den Reihen der Orthodoxen Kirche der Ukraine. Was könnten aber die möglichen Folgen dieses Konflikts sein?

    Frage von globaler Bedeutung

    Anfang September ereigneten sich gleich mehrere Dinge, die in der Ukraine einen religiösen Konflikt durchaus wahrscheinlich gemacht haben. Bei einem Bischofskonzil der Konstantinopel-Kirche in Istanbul wurde beschlossen, dass sie ab sofort die Verleihung der Autokephalie mit anderen Kirchen nicht abzusprechen braucht. Bartholomaios teilte mit, die Initiative zu übernehmen, „weil Russland, das für die aktuelle schmerzhafte Situation in der Ukraine verantwortlich ist, nicht imstande ist, das Problem zu lösen“. Gleich als erstes bestimmte er zwei Exarchen für die Ukraine: den Erzbischof  Daniel von Pamphilon (USA) und den Bischof Ilarion von Edmonton (Kanada). Diese haben einige Momente gemeinsam: Sie beide kamen 1972 in der Ukraine zur Welt. Beide gehörten dem dortigen Ökumenischen Patriarchat an.

    Daniel von Pamphilon (bürgerlich Wladimir Selinski) studierte an einem Priesterseminar in der Ukraine und dann an der Katholischen Universität in den Vereinigten Staaten. Dann wechselte er zur Ukrainisch-Orthodoxen Kirche in den USA, die dem Ökumenischen Patriarchat angehört. Ilarion von Edmonton studierte am Kiewer Priesterseminar und zog später nach Griechenland, wo er Mönch wurde. Danach vertrat er das Ökumenische Patriarchat in mehreren Ländern. 2005 war er Dolmetscher während eines Treffens von Bartholomaios mit dem damaligen Präsidenten der Ukraine, Viktor Juschtschenko. Damals kam es zu einem Zwischenfall: Ilarion wurde von türkischen Polizisten festgenommen, und zwar weil er angeblich mit gefälschten Unterlagen gereist wäre und zudem ein „tschetschenischer Rebell“ wäre. Er wurde erst dann freigelassen, nachdem der ukrainische Konsul dessen Identität bestätigt hatte.

    Die beiden hochrangigen Priester lobbyieren seit langem Kiews Streben nach der Autokephalie. „2015 waren sie Repräsentanten des Ökumenischen Patriarchen bei den Verhandlungen zum Thema Vereinigung von orthodoxen Kirchen der Ukraine“, sagte der Sprecher des selbsternannten Kiewer Patriarchats, Jewstrati Sorja. „Außerdem wurden sie vom Ökumenischen Patriarchen mehrmals zu feierlichen Veranstaltungen in der Ukraine geschickt, um die Konstantinopel-Kirche zu vertreten – zuletzt im Juni dieses Jahres, während der Feierlichkeiten zur 1030- Jahr-Feier der Taufe Russlands und der Ukraine.“

    Spaltung vor allen Augen

    Die Ernennung der Exarchen hat die ohnehin schwierige Situation im orthodoxen Glauben in der Ukraine noch mehr verworren. In diesem Land funktionieren aktuell gleich mehrere größere Bündnisse. Die einzige kanonische Organisation ist die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, der insgesamt etwa 12 000 Gotteshäuser gehören und die mehr als 10 000 Prediger zählt. Sie kontaktiert mit dem Moskauer Patriarchat, dem sie allerdings weder politisch noch finanziell noch sonst wie untergeordnet ist.  Aber selbst ihre symbolische Verbindung mit Russland wird von vielen ukrainischen Politikern äußerst negativ wahrgenommen.

    Der größte Opponent der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche ist das 1992 gegründete selbsternannte Kiewer Patriarchat (5000 Kirchen, 3500 Kleriker). Es ist in der orthodoxen Welt nicht anerkannt, aber in Kiew glaubt man, dass gerade auf seiner Basis die autokephale Kirche entstehen sollte.

    Aber die Frage nach den Vollmachten der Exarchen bleibt vorerst offen. Zwar geht aus der entsprechenden Mitteilung des Patriarchen von Konstantinopel hervor, dass Daniel und Ilarion zwecks Vorbereitung auf die Überlassung der Autokephalie (sprich Unabhängigkeit) und zwecks künftiger Bildung des eigenständigen Patriarchats ernannt worden seien. Aber in der orthodoxen und katholischen Kirche kann nur der Vorsteher eines eigenständigen Kirchensprengels zum  Exarchen ernannt werden. In der Ukraine gibt es inzwischen Gerüchte, dass Bartholomaios die Gründung der autokephalen Kirche nicht voranbringen wolle, sondern an der Einrichtung einer Filiale des Ökumenischen Patriarchats interessiert sei.

    In Kiew weist man solche Vermutungen vehement zurück. „Der Exarchentitel bedeutet in diesem Fall die Vollmachten zur Vertretung des Ökumenischen Patriarchen und der Kirche bei der Erfüllung einer ganz konkreten Aufgabe: der Vorbereitung auf die Überlassung der Autokephalie. Es muss erläutert werden, dass die Ernennung zum Exarchen nicht die Gründung einer neuen kirchlichen Jurisdiktion als Exarchat bedeutet“, zeigte sich Jewstrati Sorja überzeugt.

    Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche verwies ihrerseits darauf, dass das Vorgehen der Konstantinopel-Kirche den Traditionen widerspreche. „Bischöfe, egal welcher Kirchen, können das Territorium einer anderen Kirche nur mit ihrer Erlaubnis besuchen, geschweige denn dort etwas unternehmen. Und der Metropolit Onufri von Kiew hat an niemanden entsprechende Einladungen verschickt“, sagte der Sprecher der Ukrainisch-orthodoxen Kirche, Nikolai Danilewitsch. Der Sprecher des Moskauer Patriarchats, Wladimir Legoida, nannte die erwähnten Ereignisse „eine beispiellos grobe Invasion“ auf das Territorium der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche.

    Der Sprecher des Moskauer Patriarchats, Metropolit Ilarion von Wolokolamsk, erklärte seinerseits, das Moskauer Patriarchat würde die Kontakte mit dem Konstantinopel-Patriarchat einstellen, falls dieses der Ukrainischen Kirche die Autokephalie verleihen sollte.

    Armee, Sprache, Glaube

    Experten zufolge lässt sich die weitere Entwicklung der Situation kaum vorhersagen. Einerseits kann der Status der Exarchen sehr lange unbestimmt bleiben, denn die Situation in der Ukraine wird mindestens bis zur Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2019 unbestimmt bzw. instabil bleiben. Und dann könnte es zu einer Milderung der Spannung kommen, so dass diese Frage quasi in den Hintergrund tritt.

    Die zweite Variante bestünde darin, dass das Kiewer Patriarchat und die politische Führung der Ukraine versuchen, die Bildung der autokephalen Kirche zu forcieren. Für den Staatschef Petro Poroschenko wurde dieses Thema zu einem der wichtigsten im Vorfeld der Präsidentschaftswahl. „Armee, Sprache, Glaube“ heißt es auf seinen Wahlkampfplakaten, die landesweit zu sehen sind. Die Popularitätsraten des Staatsoberhauptes liegen nahezu bei null, und unter diesen Bedingungen muss er einfach seine Mitbürger von sozialwirtschaftlichen Problemen ablenken. Die Präsidentschaftswahl 2014 hatte Poroschenko vor dem Hintergrund des bewaffneten Konflikts im Donbass gewonnen. Auch diesmal könnte er auf seine Lieblingsmethode zurückgreifen: einen inneren Feind finden (zu diesem könnte beispielsweise die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche abgestempelt werden) und einen Konflikt auslösen. Seine jüngsten Aussagen zeugen von seiner Bereitschaft zu einem solchen Szenario.

    „Bei der Autokephalie geht es um unsere Unabhängigkeit und nationale Sicherheit. Gerade deshalb ist der Widerstand seitens Moskaus und seiner ‚fünften Kolonne‘ in der Ukraine so verbissen“, sagte Poroschenko Ende Juli.

    In diesem Fall lässt sich die weitere Entwicklung der Situation ziemlich leicht vorhersagen: Der Versuch zur Bildung einer einheitlichen nationalen Kirche könnte zur gewaltsamen Eroberung von Kirchen und Klöstern – und damit zu Auseinandersetzungen zwischen Kirchgängern – führen. Der Vorsteher des Kiewer Patriarchats, Filaret, hat bereits angekündigt, dass die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche das Kiewer Höhlenkloster und das Potschajew-Kloster (Gebiet Ternopol im Westen des Landes) verlieren würde. Zu Auseinandersetzungen könnte es praktisch in allen Regionen kommen. Und dann wäre der Bürgerfrieden in der Ukraine endgültig vorbei.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Säuberungen, Gewalt, Kriegsgefahr, Streit, Kirche, Religion, Ukrainisch-Orthodoxe-Kirche, Russisch-orthodoxe Kirche, Petro Poroschenko, Istanbul, USA, Russland, Ukraine