12:10 17 November 2018
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    Weinachtsmesse in Kiewer Höhlenkloster (Archivbild)

    Zwietracht unter den Orthodoxen: USA setzen „ukrainische Einheitskirche“ durch

    © Sputnik / Stringer
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    Nesawissimaja Gaseta
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    Es gab nicht wenige Diktatoren im 20. Jahrhundert, die die Kirchen für ihre Politik instrumentalisierten. Die Sowjetunion, Nazi-Deutschland, China, Nordkorea schufen loyale Kirchenstrukturen, die außen- und innenpolitischen Zwecken dienten, schreibt die „Nesawissimaja Gaseta“.

    Auch die ukrainischen Behörden manipulieren Gläubige und Geistliche im Namen der „Unabhängigkeit“ und „Souveränität“. Eine völlige Überraschung wurde die Position der US-Administration, für die die Prinzipien der religiösen Freiheit immer das Bollwerk der Demokratie waren. Im Fall Ukraine stellte sich jedoch heraus, dass man eine Kirche opfern kann – und zwar die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats.

    Die Streitigkeiten um die politischen Positionen verschiedener Kirchen – der Orthodoxen, Katholiken, Unierten und Protestanten verschiedener Richtungen – gab es bereits während der „Orangenen Revolution“ und anschließend während der „Revolution der Würde“ 2014. Die Situation ist zynisch, weil beschlossen wurde, einen großen Teil der orthodoxen Gläubigen außer Gesetz zu stellen und sie als „ausländische Agenten“ einzustufen.

    Während die Idee einer „einheitlichen Kirche der Ukraine“ bereits seit der Amtszeit des Präsidenten Leonid Kutschma existierte und erfolglos von Viktor Juschtschenko am Leben gehalten wurde, begann nach 2014 die Vorbereitung einer gezielten Abtrennung der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche von Moskau. Das war vor allem auf die gestiegene Medienpopularität des Kiewer Patriarchen Philaret zurückzuführen, der flammende Reden über die geistliche und militärische Aggression Moskaus gegen die Ukraine hielt. In die Werchowna Rada (ukrainisches Parlament) wurden Gesetzentwürfe über den Status einer religiösen Vereinigung mit dem Zentrum im Aggressor-Land eingereicht, wobei betont wurde, dass die Regierungsvertreter die Personalpolitik solcher Vereinigungen kontrollieren können. Bei den Konflikten um die Einstellung zur russisch-ukrainischen Krise wurden rund 50 Kirchgemeinden der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche gespalten und mit Unterstützung der lokalen Behörden und Nationalisten zum Teil dem Kiewer Patriarchat übergeben. Die Versuche der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, Satzungen zu verabschieden, laut denen die Beschlüsse über die Zugehörigkeit der Gemeinden auf der Eparchie- und Bischofs-Ebene getroffen werden sollen, wurden von ukrainischen Behörden blockiert.

    Von 2014 bis 2015 ignorierte das Justizministerium die Position der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche und ließ de facto die Kirchgemeinden zum Kiewer Patriarchat wechseln. Als ideologische Begründung dieser Position wurde das Streben angegeben, das religiöse Bild der Ukraine mit den Präferenzen der Ukrainer in Übereinstimmung zu bringen. Mit diesem Ziel wurden vom Meinungsforschungsinstitut Rasumkow-Zentrum aktiv Angaben über die wachsende Unterstützung des Kiewer Patriarchats durch die Bevölkerung (rund 40 Prozent) verbreitet.

    Vor dem Hintergrund dieser politischen und gesetzgebenden Vorbereitungsarbeiten wird zunehmend deutlich, mit welcher Dreistigkeit Poroschenko und das Parlament vorgehen, die den ökumenischen Patriarchen Konstantinopels,  Bartholomaios I.  — also die USA —, baten, „eine einheitliche Kirche“ aus gehorsamen und stark nationalistisch politisierten Strukturen und Menschen zusammenzustellen.

    Noch tragischer und paradoxer erscheinen die Verkündigungen des US-Beauftragten für besondere Angelegenheiten und internationale Religionsfreiheit, Samuel Brownback, bei einem Treffen mit Präsident Poroschenko am 11. September. Der US-Gesandte sicherte dem ukrainischen Präsidenten zu, dass Washington die Ukraine weiterhin bei der Wiederherstellung der Souveränität und territorialen Integrität und dem Recht unterstützen werde, „eine einheitliche selbstständige Ukrainisch-Orthodoxe Kirche zu haben“. Poroschenko erklärte dem US-Diplomaten den Plan zur Schaffung der selbstständigen Ukrainisch-Orthodoxen Kirche und bedankte sich bei Brownback für seine aktive Haltung bei dieser Frage.

    Verwirrend ist dabei, dass das US-Außenministerium in seinem Jahresbericht diese engen Verbindungen mit der Staatskirche und dem Druck auf andere religiöse Bewegungen der russischen Führung vorwirft. Der Bericht über die religiöse Freiheit ist natürlich ein politisches Einflussinstrument. Interessant ist, ob die Beschwerden der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche und ihrer Gemeinden in diesem Bericht erwähnt werden. Ob das Institut für religiöse Freiheit in Kiew und andere Menschenrechtsorganisationen die Ukrainer aus der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche schützen werden? Diese Fragen sind von Bedeutung, denn bereits seit späten Sowjetzeiten war die Ukraine eine Insel des religiösen Pluralismus und Vorbild für Freiheit. Ein schlechtes Beispiel der Ukraine würde die Situation mit den Andersdenkenden in Russland verschlechtern.

    Ideologische Spaltungen vollziehen sich weltweit. Dabei geht es nicht um die Religion an sich, sondern um innenpolitische Beweggründe. Das orthodoxe Christentum wird in ein östliches und westliches gespalten, der Wettstreit zwischen den orthodoxen Kirchen auf nationaler Ebene verschärft sich, was von Weltmächten für ihre Zwecke genutzt wird. Im Falle Ukraine sind das die USA und der kollektive Westen, die sich Russland entgegensetzen. Demokratie und Freiheit werden in dieser Situation zur Scheidemünze für Politiker, und die scheinbar unerschütterlichen Werte der Gewissensfreiheit werden „neuen Identitäten“ geopfert.

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    Tags:
    Manipulieren, Streit, Spaltung, Konflikt, Religion, Kirche, Orange Revolution, US-State Department, US-Außenministerium, Russisch-orthodoxe Kirche, Ukrainisch-Orthodoxe-Kirche, Werchowna Rada, Petro Poroschenko, Russland, Ukraine, USA