12:12 17 Oktober 2018
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    Einer der von der Türkei unterstützten FSA-Kämpfer in Idlib

    Ringen um Idlib: Ankara setzt auf Befreiungsblockade

    © AP Photo / Ugur Can/DHA
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    Nesawissimaja Gaseta
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    Wenn Idlib wieder von der syrischen Regierung kontrolliert wird, ist der Syrien-Krieg vorbei. Die nordsyrische Provinz ist die einzige, die die Terrorbanden noch in ihrer Gewalt halten. Einer Offensive gegen die Terroristen stellen sich aber die westliche Gemeinschaft und die Türkei in den Weg. Moskau sucht zwar nach einem Kompromiss, aber…

    Dass die Terrorbanden in Idlib bekämpft werden müssten, darin waren sich die russische, türkische und iranische Führung auf dem Gipfel in Teheran vor zehn Tagen einig. Die Seiten haben auch eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, die die politische Lösung in Syrien als Ziel wieder bekräftigt.

    Nun treffen sich der russische Präsident Putin und sein türkischer Amtskollege Erdogan am Montag, den 17. September in Sotschi, um das Problem noch mal zu besprechen.

    Nach dem Gipfel in Teheran setzten die russische und die syrische Luftwaffe ihre Angriffe gegen die Terroristenstellungen fort. Viele Politiker und Experten werteten dies als den Auftakt einer Großoffensive, die Moskau und Damaskus zuvor bereits angekündigt hatten.

    Die Türkei verurteilte die Luftangriffe. In einem Artikel im „Wall Street Journal“ hat der türkische Präsident die internationale Gemeinschaft sogar dazu aufgerufen, keinen Waffeneinsatz in Idlib zuzulassen, weil die „ganze Welt“ dafür einen „sehr hohen Preis“ würde zahlen müssen.

    Außer solchen diplomatischen Anstrengungen unternimmt Ankara auch militärische: Seit letzter Woche steht die Türkei den Terrorbanden militärisch bei und konzentriert überdies ihre Streitkräfte in Idlib.

    Russland hat die Luftangriffe gegen die Terrorguerillas in Idlib vor wenigen Tagen eingestellt. Doch hat der russische Außenminister Sergei Lawrow am vergangenen Freitag die Fortsetzung der Luftwaffeneinsätze angekündigt. Dabei, das hat er betont, werde Russland „humanitäre Korridore“ schaffen und „lokales Befrieden“ fördern, damit die Zivilbevölkerung nicht leide.

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    Zuvor hatte der Außenminister auf dem deutsch-russischen Forum erklärt: Außer „den Anstrengungen zur Organisation lokaler Vereinbarungen“ mit den Gruppen, die sich in Idlib befänden, werde ein „humanitärer Korridor“ für alle geschaffen, die die Provinz verlassen wollten, „so wie es in Südsyrien, in Homs und in der Ost-Ghuta getan wurde“.

    Diese Bemühungen der russischen Seite hat die türkische Führung am Samstag kritisiert: „Die Einrichtung eines humanitären Korridors ist unmöglich, ohne eine anfängliche Sicherheit in der Region gewährleistet zu haben“, sagte der Sprecher des türkischen Präsidenten Ibrahim Kalin.

    Eine weitere Flüchtlingswelle wäre nicht nur eine Last für die Türkei, sondern auch eine Krisengefahr für Europa, erklärte er.

    Unter „Gewährleistung der Sicherheit“ versteht Ankara offenbar die Aufstellung seiner Truppen in Idlib. Dass Damaskus dagegen protestiert, ist selbstverständlich. Die syrische Führung hat die Stationierung türkischer Truppen auf syrischem Boden bereits mehrmals verurteilt.

    Erdogan zeigt sich davon unbeeindruckt. Wie das Portal „Al Masdar News“ berichtet, verstärkt die Türkei ihre Kampfkraft in Syrien weiter, indem sie neue Armeetechnik dorthin verlegt. Demnach ist in der syrischen Stadt Dschisr asch-Schughur eine Kolonne aus über 100 Lastwagen mit Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und Artilleriesystemen aus der türkischen Provinz Hatay angekommen.

    Es wird auch berichtet, die türkischen Streitkräfte hätten sechs Panzer, zehn gepanzerte Fahrzeuge und eine mobile Kommandozentrale an ihren Beobachtungsposten in der Al-Ghab-Ebene und im Nordwesten der Idlib-Provinz aufgestellt. In diesen Gebieten plane die Türkei ihre Offensive, schreibt das Portal mit Verweis auf Armeequellen.

    Ob dieses Aufgebot zu blutigen Kämpfen mit den syrischen Regierungstruppen in der Provinz Idlib führen wird, ist noch unklar. Ein türkischer Militär erklärte jedoch vor wenigen Tagen: „Unsere Truppen sind dort präsent, und sollten sie einen Schaden erleiden oder in irgendeiner Weise angegriffen werden, wird das als ein Angriff gegen die Türkei betrachtet, die notwendige Vergeltung wird kommen“, sagt er im Gespräch mit der Zeitung „The Daily Star“ aus dem Libanon.

    Syrische Quellen erklären indes, die anstehende Offensive gegen die Terroristen in Idlib werde gemeinsam mit russischen Beratern geplant, sie werde jedoch nicht die ganze Idlib-Provinz umfassen.

    Demnach soll die Offensive zunächst im Norden Latakias und Hamas sowie im Südosten Idlibs starten. Das heißt, der Angriff würde sich auf die Al-Ghab-Ebene, die Stadt Dschisr asch-Schughur und die Stadt Abu Duhur beschränken, in deren Nähe sich ein großer Flugplatz befindet.

    Noch haben die Kämpfe nicht begonnen. Die syrische Führung hat gemeinsam mit dem russischen Militär in diesem Bereich einen Durchgangsposten und ein Aufenthaltslager für die Flüchtlinge eingerichtet, die aus dem Konfliktgebiet nach Syrien zurückkehren.

    Russlands Präsident Putin hat die Lage in Idlib unterdessen mit dem russischen Sicherheitsrat erörtert. Man sei besorgt angesichts der „hohen Konzentration der Terroristen in dieser Ortschaft“ und deren „destabilisierenden Aktivität“, erklärte der Sprecher des russischen Präsidenten Dmitri Peskow.

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    Das russische Verteidigungsministerium warnt indes weiterhin vor möglichen Giftgasattacken als Provokation vonseiten der Terroristen. Das russische Versöhnungszentrum in Syrien hat mitgeteilt, die Kämpfer der Haiʾat Tahrir asch-Scham (ehemals Al-Nusra-Front) hätten „mehrere Chlorfässer“ in die Ortschaft Basankur gebracht.

    Nun trifft sich Präsident Putin erneut mit seinem Kollegen Erdogan. Der russische Präsident werde es noch einmal versuchen, den türkischen Machthaber von der Notwendigkeit zu überzeugen, „alle unversöhnlichen Mitglieder von Terrorbanden zu vernichten“, sagt der Militärexperte Schamil Garejew.

    Erst wenn die Idlib-Provinz endgültig von den Terroristen befreit worden ist, könne ein Dialog „über die künftigen politischen Schritte in Syrien“ beginnen. „Einen anderen Weg gibt es nicht“, sagt der Analyst.

    Einer gänzlich anderen Ansicht ist der türkische Experte Dschingis Tomar von der Marmara-Universität. Von der Vernichtung der Terrorbanden und der bewaffneten Opposition in Idlib, die von der Türkei unterstützt wird, würden die Vereinigten Staaten profitieren.

    Assads Offensive würde die bewaffnete Opposition in der Region schwächen. Dann würde die syrische Führung die Türkei auffordern, ihre Truppen aus Syrien abzuziehen. „Auf diese Weise erhalten die kurdischen PYD-Terroristen die Möglichkeit, eine pseudostaatliche Struktur im Osten Syriens zu schaffen. Dann werden die Kämpfer nur mit Russland, dem Iran und dem Assad-Regime verhandeln“, sagte der türkische Experte der regierungsnahen Agentur „Anadolu“.

    Aus dieser Einschätzung wird deutlich: Ankara will in Syrien eigene geostrategische und sonstige Interessen durchsetzen, kampflos wird die türkische Führung die Region Idlib an die rechtmäßige syrische Regierung sicherlich nicht abgeben.

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    Tags:
    Offensive, Sicherheit, Lösung, Recep Tayyip Erdogan, Wladimir Putin, Sergej Lawrow, Türkei, Iran, Russland, Idlib, Syrien