07:19 16 Oktober 2018
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    Soldaten der finnischen Streitkräfte (Archivbild)

    Warum Finnen auf eigene Armee und nicht auf Nato setzen

    CC BY-SA 2.0 / Karri Huhtanen / Promise
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    Finnlands Präsident Sauli Niinistö hat Ende der vorigen Woche die Überzeugung geäußert, dass die Nato-Mitgliedschaft seinem Land nur schaden würde.

    Diese Position Helsinkis ist zwar seit vielen Jahrzehnten unverändert, da aber das Thema „Militärische Bedrohung aus dem Osten“ von Zeit zu Zeit aufgeworfen wird, ziehen es die Finnen vor, die Türen zur Nordatlantische Allianz offen zu lassen, andererseits aber die Verteidigungsfähigkeit ihrer eigenen Streitkräfte aufrechtzuerhalten.

    „Kein Grund für russischen Angriff auf Finnland“

    „Die Russen haben klar zu verstehen gegeben, dass sie die Finnen sehen, wenn sie über die Grenze schauen. Und wenn wir Nato-Mitglied wären, dann würden sie Feinde sehen“, sagte Präsident Niinistö in einem Interview für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ). Nach seinen Worten hat Finnland die Möglichkeit, sich dem Bündnis anzuschließen, sieht derzeit jedoch keine Veranlassung dazu.

    „Ich glaube nicht, dass Russland die baltischen Länder angreifen würde. Auch gibt es keinen Grund, Finnland anzugreifen“, ergänzte der finnische Staatschef auf die Frage des FAZ-Journalisten, ob er in Russland eine Gefahr sehen würde.

    Seit 1994 kooperiert Finnland mit der Nato im Rahmen des Programms „Partnerschaft für den Frieden“. Den Beobachterstatus gibt es in der Allianz nicht, aber de facto spielt Helsinki eben diese Rolle. Der finnische Staatschef nahm sogar am diesjährigen Nato-Gipfel als Gast teil. Seit 2014 sind Finnland und Schweden mit dem Bündnis durch Verträge über Militärhilfe verbunden, die eine Vertiefung des Zusammenwirkens vorsehen.

    Und als der deutsche Interviewer im Kontext der angeblichen „russischen Gefahr“ auf die seit 37 Jahren größten Übungen „Wostok-2018“ in Russland verwies, ignorierte Niinistö diese Bemerkung und gab zu verstehen, dass er an den aktuellen Beziehungen mit Russland aus verschiedenen Gründen nichts ändern wolle. Die geografische Lage lasse sich nun einmal nicht ändern, und die russisch-finnische Grenze sei etwa 1300 Kilometer lang – fast genauso lang wie Finnlands Grenzen zu den EU- bzw. Nato-Länder insgesamt. „Unsere Beziehungen mit Russland sind einfach und deutlich. Wir gaben klar zu verstehen, wie wir uns zur Krim und zu den EU-Sanktionen verhalten. Die Russen kennen unsere Position und versuchen nicht, sie zu beeinflussen“, so Niinistö.

    Ausgewogene Position

    Finnland könne seine historischen Erfahrungen nicht ignorieren, und diese zeugen davon, dass die „Gefahr aus dem Osten“ theoretisch bestehe, fuhr der Präsident fort. Allerdings haben nur ziemlich wenige Finnen Angst vor der so genannten „russischen Aggression“, auch wenn ihr Anteil zwischen 2009 und 2017 von acht auf 17 Prozent gestiegen sei.

    Nach den Ereignissen des Jahres 2014 hatte der frühere finnische Botschafter in Moskau, Hannu Himanen, die Regierung seines Landes aufgefordert, ein Verfahren zum Nato-Beitritt ohne ein vorheriges Referendum einzuleiten. Doch in der finnischen Gesellschaft herrscht der Konsens: Sowohl die regierenden Politiker als auch die meisten Einwohner sind der Auffassung, dass ihr Land nicht unbedingt Nato-Mitglied werden muss. Mehr als 60 Prozent der Finnen treten dagegen auf. Auch an den hypothetischen „Angriff aus dem Osten“ glauben sie kaum. Viel größere Gefahren sind nach ihrer Auffassung der internationale Terrorismus, die Weltwirtschaftskrise, die globale Klimaerwärmung, Cyberbedrohungen, bewaffnete Konflikte unweit der finnischen Grenzen und eine globale Atomkatastrophe.

    Ob offiziell oder inoffiziell — finnische Politiker werben dafür, nach beiden Seiten offen zu sein: Helsinki sollte eine ausbalancierte politische und wirtschaftliche Position zwischen seinen westlichen Partnern – der EU und den USA – und dem Nachbarland Russland einnehmen. „In der Nachkriegszeit bemühten wir uns um solche politischen Beziehungen, dass Finnland nie zum Gegenstand eines Wettstreits zwischen Russland und den USA wird“, sagte eine hochrangige Quelle in Helsinki. „Und das ist Finnland auch gelungen.“

    Für Unabhängigkeit, territoriale Einheit und Demokratie

    „Man kann sagen, dass Finnland zwei nationale Ideen hat: Überleben und Entwicklung. Angesichts der instabilen und kaum vorhersagbaren Sicherheitssituation in den letzten Jahren bemühen wir uns sowohl um die äußere als auch um die innere Antwort darauf“, sagte Charly Salonius-Pasternak vom Finnischen Institut für internationale Beziehungen (FIIA). „Auf internationaler Ebene festigen wir unser Zusammenwirken im Sicherheitsbereich mit Schweden und beteiligen uns an internationalen Übungen. Auf nationaler Ebene fördern wir unsere eigene Verteidigungsfähigkeit.“

    Im militärischen Bereich kooperiert Finnland nicht nur mit seinem Nachbarland Schweden, sondern auch mit anderen nordeuropäischen Ländern sowie mit der EU und der Nato. 2018 nahmen finnische Soldaten an mehr als 80 internationalen Manövern (unter anderem an Nato-Übungen) teil. Zudem sind aktuell etwa 500 finnische Militärs an internationalen Friedenseinsätzen in verschiedenen Ländern beteiligt.

    Finnlands Militärhaushalt beläuft sich auf etwa zwei Milliarden Euro, während das zivile Personal der Streitkräfte nach der Reform von 2014 von 14 000 bis auf 12 000 Mitarbeiter reduziert wurde.

    95 Prozent des Militäretats werden für die nationale Verteidigung ausgegeben: Es geht um den Kauf von neuen Rüstungen als auch um die Ausbildung von Wehrpflichtigen, die die Mehrheit des Personalbestands im Falle einer totalen Mobilmachung bilden. Den Wehrpflichtdienst leisten etwa 75 Prozent der finnischen Männer (etwa 40 000 pro Jahr).

    „Wir sind mit dem Bereitschaftsstand unserer Kräfte zufrieden – wir haben sehr gut motivierte Wehrpflichtsoldaten“, sagte der finnische Oberst Kari Nisula, der einst Teilnehmer der internationalen Friedenskräfte in Afghanistan (ISAF)  gewesen war und sich am Kommando der UN-Mission im Libanon beteiligt hatte.

    Finnische Wehrpflichtsoldaten bekommen einen Sold von weniger als zehn Euro pro Tag. Falls sie danach aber Berufssoldat werden, dürfen sie mit einem stabilen Status und einer Entlohnung von mehr als 3000 Euro rechnen. „Egal was die Politiker entscheiden — es ist unsere Aufgabe, in der Lage zu sein, uns mit allen möglichen Mitteln zu wehren“, sagte der Oberst, ohne aber die Antwort nach dem Bereitschaftsstand der finnischen Streitkräfte für den Fall eines äußeren Angriffs direkt zu beantworten.

    Auffallend ist übrigens, dass finnische Soldaten in Kasernen soziale Netzwerke nutzen dürfen. Sie können – und sollen sogar – ihren Freunden erzählen, wie gut es ist, Soldat zu sein, damit junge Leute Lust auf den Wehrdienst haben. Das jetzige Ausbildungssystem während des Wehrdienstes wird von fast 80 Prozent der Finnen positiv bewertet. Ebenfalls 80 Prozent sind mit der Verteidigungspolitik ihres Landes zufrieden. Die Finnen wissen genau, was sie im Falle eines Kriegs verteidigen müssten – und wie. Davon zeugen die Ergebnisse einer Umfrage, die dem 100-jährigen Jubiläum der nationalen Streitkräfte gewidmet war. 87 Prozent zeigten sich bereit, sich den nationalen Verteidigungskräften sofort anzuschließen. 83 Prozent sagten, sie würden mit Waffen in der Hand für die Unabhängigkeit ihres Landes kämpfen, 60 Prozent — für die territoriale Integrität Finnlands und 43 Prozent — für die Demokratie.

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    Tags:
    Militarismus, NATO-Beitritt, Präsident, Interview, FAZ, ISAF, NATO, Jussi Niinistö, Afghanistan, Finnland, Russland