12:36 17 Oktober 2018
SNA Radio
    Übung der schwedischen und US-Marineinfanteristen im Baltikum (Archivbild)

    Nato in der „baltischen Falle“

    © Foto: U.S. Marine Corps/ Sgt. Devin Andrews
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Nesawissimaja Gaseta
    9244513

    Das westliche Militärbündnis hat nach seiner Erweiterung erheblich an Schlagkraft eingebüßt. Wie wir aus eigener (sowjetischer) Erfahrung wissen: Je stärker die ideologischen Dogmen mit der Realität auseinander gehen, desto inadäquater ist das Vorgehen der politischen Führung.

    Die Nato hat für sich einen Grund gefunden, warum gegen Russland vorgegangen werden muss – Russland sei der Hauptfaktor bei der Zerstörung des eigenen Weltbildes und der eigenen Hegemonie (bzw. Illusion).

    Allerdings fehlt es der Nato an den entsprechenden Möglichkeiten – der Westen ist absolut nicht in der Lage, gegen Russland in den Krieg zu ziehen, weil seine Militärmaschinerie bislang nicht entsprechend umstrukturiert wurde. Allerdings können die wachsende Paranoia und Inadäquatheit des Westens, dem seine eigene militärische Schwäche allmählich bewusst wird, reale Probleme verursachen.

    Das größte Problem ist natürlich das Baltikum. Die Aufnahme der baltischen Länder in die Nato war einer der größten Fehler der Allianz (ein größerer Fehler war wohl der Verzicht auf die Auflösung der Nato zu Beginn der 1990er-Jahre). Die Nato-Erweiterung gen Osten wurde von Brüssel und Washington nie im Kontext einer militärischen Offensive gegen Russland betrachtet. Es handelte sich um einen rein bürokratischen Prozess (nach dem Verzicht auf die Auflösung suchte man nach einer Existenzberechtigung). Zudem wurde Russland politisch gedemütigt (ihm wurde der Platz des stummen Öl- und Gaslieferanten zugewiesen, der keine Rechte und Interessen außerhalb der eigenen Grenzen hat). Dabei hat niemand vor, die Baltikum-Länder anzugreifen. Zugleich ist es jedoch absolut unmöglich, das Baltikum zu verteidigen — wegen seiner geringen Größe und Isoliertheit vom restlichen Europa. Als die Beziehungen zu Russland in eine scharfe Konfrontation manövriert wurden, trieb sich die Nato selbst in die „baltische Falle“.

    Zum jetzigen Zeitpunkt reicht das gesamte Potenzial der drei Armeen der baltischen Länder und der dort stationierten Nato-Truppen nicht aus, um diese zu verteidigen. Natürlich kann die Nato auf die Schnelle einen entsprechenden Verband zusammenstellen, doch in diesem Fall wird Europa „entblößt“. Zudem müssten noch Waffen und Soldaten aus den USA ins Baltikum gebracht werden. Also: Ein großer Teil der Nato-Streitkräfte müsste dann in einer kleinen isolierten nordöstlichen Ecke Europas konzentriert werden. Das wäre so, als ob Russland jetzt die Hälfte seiner Streitkräfte auf die Tschuktschen-Halbinsel verlegen würde.

    Diese Variante wäre aus militärischer Sicht schwachsinnig. Einen Verband in dieser Größenordnung würde Russland als reale Bedrohung bewerten. In diesem Fall wären die Diskussionen über die Flugzeit von 30 Minuten bis Moskau und zehn Minuten bis Sankt Petersburg weitaus mehr als bloßes Gerede. Russland bekäme damit einen Grund zur Aggression. Das Ziel wäre dann nicht die Eroberung des unnötigen Baltikums, sondern ein präventiver Schlag, um den größten Teil der Nato-Kräfte in Europa zu vernichten und die unmittelbare Bedrohung für Moskau und Sankt Petersburg zu beseitigen.

    Nachdem die Baltikum-Länder unabhängig wurden, gab es keine äußere Bedrohungen für sie — das Gleiche gilt für Polen. Doch sie beschafften sich in der postsowjetischen Periode das politische Kapital auf Basis der „russischen Bedrohung“ und forderten, ihnen die Sicherheit zu gewährleisten. Vielleicht erreichen sie dieses Ziel, indem sie eine Bedrohung kreieren, die es früher nicht gegeben hat.

    Je höher die formelle Sicherheit Polens und der baltischen Länder (die Zahl der Nato-Truppen) sein wird, desto niedriger wird ihre tatsächliche Sicherheit sein. Dasselbe gilt für die neutralen Schweden und Finnen – je mehr sie sich im Kampf gegen die „russische Bedrohung“ an die Nato annähern werden, desto niedriger wird ihre reale Sicherheit sein.

    Ein weiterer wichtiger militärischer Aspekt darf dabei nicht außer Acht gelassen werden. Die USA interessieren sich aktiv für Mini-Atomgeschosse (1 KT bzw. weniger), die als wichtige Abschreckungsmittel gegen Russland betrachtet werden. Die Folgen einer Explosion solcher Geschosse für die Umwelt scheinen nicht so katastrophal zu sein.

    Auf diese Weise wollen die Amerikaner Russland „eindeutige und starke Signale“ senden, damit es seine „Aggression“ beendet. Dabei können wir nicht mehr sicher sagen, was als „Aggression“ bezeichnet wird. Sie verstehen ja gar nicht, dass Russland auf eine solche „Abschreckung“ mit einem „normalen“ (Dutzende Kilotonnen) Schlag mit taktischen Atomwaffen reagieren wird.

    Danach wird vor den USA die Frage stehen: Auf einen großen Abtausch von Atomschlägen eingehen — also die Menschheit in den Abgrund treiben — oder Europa in Schutt und Asche legen und dabei die Gewissheit haben, dass Russland die USA nicht überfallen wird?

    Solche Szenarien überhaupt zu diskutieren, wäre absurd, wenn der Westen nicht zu viele Beispiele für seinen Wahnsinn demonstriert hätte. Man muss die westlichen Hysterien ignorieren und darf dabei natürlich nicht vergessen, das eigene militärische, wissenschaftliche und wirtschaftliche Potential auszubauen – in der Hoffnung, dass es nicht zu physischen Auswirkungen kommt, weil die Irren im Westen schwach und feige sind.

    Alexander Chramtschichin

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Kriegsgefahr, Truppenentsendung, Truppenkonzentration, Nato-Erweiterung, Atomwaffen, Sicherheit, NATO, Baltikum, Estland, Litauen, Polen, Ostsee, Lettland, USA, Russland