12:35 17 Oktober 2018
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    Start der S-300-Flugabwehrrakete (Archiv)

    Wird Israel die russischen Flugabwehrraketen in Syrien zerstören können?

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    Die russische Führung will etwas tun, wovon Israel sie seit langer Zeit abzubringen versucht. Moskau hat erklärt, in Syrien würden Flugabwehrsysteme S-300 stationiert – ein Schritt, der die Kräfteverhältnisse in der Region massiv verschiebt. Einen Angriff gegen die russischen Systeme hat die israelische Militärführung nicht ausgeschlossen.

    Um Vorfälle wie mit der russischen Il-20 künftig zu vermeiden, wird Russland neue Flugabwehrsysteme an die syrischen Streitkräfte liefern. Auch werden die Feuerleitstellen der syrischen Flugabwehr automatisiert. Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu hat dies am Montag angekündigt.

    „Das Wichtigste ist, dass die Identifizierung aller russischen Luftfahrzeuge durch die syrische Flugabwehr garantiert wird“, sagte der Minister. Durch die Automatisierung würden die syrischen Leitstellen befähigt, die Lage im Luftraum zentralisiert zu überwachen, alle Kräfte der Flugabwehr zu koordinieren und die Zielbefehle zügig zu erteilen.

    Ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums konkretisierte: Um sicherzugehen, könnten dem syrischen Flugabwehrpersonal russische Berater zur Seite gestellt werden, sagte die Quelle der Zeitung „Kommersant“.

    Bislang hat Russland seine Freund-Feind-Erkennungssysteme keiner ausländischen Streitmacht zur Verfügung gestellt. Bei den Exportversionen des Flugabwehrsystems S-300 werden diese Systeme gar nicht erst eingebaut. Für Syrien soll offenbar eine Ausnahme gemacht werden.

    Außerdem: „Für die Dauer des Konflikts werden Russland und Syrien gemeinsam ein einheitliches Erkennungssystem betreiben“, sagte der ehemalige Vizeoberkommandeur der russischen Luftwaffe, Ajtetsch Bischew.

    Zu den technischen Details dieses Systems wollte er sich nicht äußern – nur so viel: Das System werde nur zeitweilig und unter der Kontrolle russischer Militärs betrieben. „Ein Verlust geheimer Daten wird so vermieden werden können.“

    Israel wird währenddessen nicht müde zu beteuern, den russischen Streitkräften in Syrien drohe keine Gefahr. Jedenfalls sei ein zielgerichteter Angriff gegen russische Kräfte ausgeschlossen. Für die an das syrische Militär noch zu übergebenden S-300-Systeme gilt diese Bekundung aber offenbar nicht.

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    Der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman hat im April bereits erklärt, die syrischen S-300 würden zerstört, sollte Russland diese an Syrien liefern und würden damit israelische Kampfjets beschossen.

    Wie das gehen kann, erklärt der israelische Militärhistoriker Alexander Schulmann. Er nennt fünf Möglichkeiten, die russischen S-300-Systeme in Syrien zu zerstören.

    Erste Option: Spezialkräfte besetzen syrische Flugabwehrstellungen und erbeuten die Raketen. Ähnlich verfuhr Israel 1969. Damals kaperten israelische Sonderkommandos eine Radarstation, die die Sowjets an Ägypten geliefert hatten.

    Zweite Option: Eine Bodenoffensive gegen die syrischen Stellungen, bei der die russischen Flugabwehrraketen vernichtet werden.

    Dritte Option: Ein massiver Luft- und Raketenschlag gegen die Flugabwehrstellungen – wie bereits im Libanonkrieg 1982 von den Israelis gegen die Syrer eingesetzt.

    Vierte Option: Eine elektronische Einwirkung, um die Radare der S-300-Systeme zu „betäuben“ – so geschehen 2007, als israelische F-15-Jets syrische Stellungen angriffen.

    Und schließlich die fünfte Option: Die russischen Flugabwehrraketen in Syrien werden von Sabotagetrupps zerstört.

    „Die Varianten mit der Bodenoffensive und den Sondereinsätzen kann man getrost von vornherein ausschließen“, sagt der Militärexperte Anton Lawrow. „Wenn die Flugabwehrraketen zerstört werden, dann nur aus der Ferne, durch den Einsatz von Präzisionswaffen großer Reichweite oder durch einen massiven Luftangriff.“

    Ein Großangriff der israelischen Luftwaffe würde die Möglichkeiten der Flugabwehr überbieten, sagt der Experte: „Israel ist sehr erfahren in der Bekämpfung von Flugabwehrstellungen.“ Es würde auch nur eine begrenzte Anzahl von S-300-Systemen in Syrien stationiert werden, „was keine vollständige Abschirmung gegen die zahlenstarke und moderne israelische Luftwaffe geben kann.“

    Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Operation gegen die syrischen Flugabwehrstellungen sind den Israelis gegeben, erklärt der Experte weiter: „Die Entfernung ist sehr gering, es könnten also F-16-Jets eingesetzt werden. Die F-35 steht der israelischen Luftwaffe auch schon zur Verfügung und wird eingesetzt.“

    Was eine elektronische Einwirkung auf die S-300-Systeme angeht, so kämen die israelischen Streitkräfte damit nicht sehr weit, so der Experte Lawrow: „Die letzten Versionen des S-300 zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie in einem sehr schwierigen Störumfeld einsatzfähig bleiben.“

    Natürlich könnte Israel die Amerikaner um Hilfe bitten, sie hätten die Fähigkeiten, die russischen Flugabwehrsysteme elektronisch zu stören. „Das würde allerdings einen Großeinsatz der US-Streitkräfte erfordern. Da wäre ein Raketenschlag einfacher – den vollständig abzuwehren, wäre auch den S-300-Systemen nicht möglich.“

    Der ehemalige Vizeoberkommandeur der russischen Luftwaffe, Ajtetsch Bischew, ist diesbezüglich anderer Meinung: „Am S-300 würden sich die Israelis die Zähne ausbeißen. Diese Abwehranlage steht nicht allein da, es ist ein ganzes System, welches selbst von Flugabwehr- und Eloka-Stellungen geschützt wird. Und dann haben wir noch die Kampfjets Su-30 und Su-27. Die beißen die israelischen F-16 in Sekunden durch.“

    >>Andere Sputnik-Artikel: Reaktion auf russische S-300-Lieferung an Syrien: USA sprechen von Eskalation

    Einen elektronischen Angriff gegen die russischen Flugabwehrraketen in Syrien hält auch Bischew für unwirksam bis unmöglich: „Störflugzeuge müssen positioniert werden, es muss ein ganzes Bündel an aufwendigen Maßnahmen geben – technisch praktisch nicht machbar.“

    Der Militärexperte Andrej Koschinow hält einen israelischen Angriff an sich für undenkbar – nicht aus technischen, sondern aus politischen Gründen: „Die Lieferung der russischen S-300-Systeme an Syrien stellt Russland und Israel an den Rand einer bewaffneten Konfrontation“, sagt er.

    Der israelische Minister für Nachrichtendienste, Israel Katz, sagte im April, die Lieferung russischer Flugabwehrsysteme an Syrien wäre der Übertritt „einer gewissen Linie in unseren Beziehungen“. Demnach überschreitet Moskau aus Israels Sicht gegenwärtig wohl eine rote Linie.

    Das russische Außenministerium ist indes zuversichtlich, dass das Verhältnis zwischen Moskau und Tel-Aviv durch die Sache mit den S-300-Systemen nicht belastet werde. Unsere Beziehungen sind „umfassender und breiter“, sagte der russische Vize-Außenminister Michail Bogdanow. Wollen wir hoffen, dass diese Beziehung auch trägt.

    Hintergrund:

    Wie am Montag bekannt geworden ist, hatte der russische Präsident Wladimir Putin mit seinem syrischen Amtskollegen Baschar al-Assad über die Lieferung von S-300-Flugabwhersystemen nach Syrien gesprochen. Danach erklärte der syrische Botschafter in Moskau, Riad Haddad, die Lieferung sei als „Schutz gegen die israelische Aggression“ notwendig.

    Danach rief der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu den russischen Präsidenten an. Er brachte erneut sein Bedauern wegen des Vorfalls mit der russischen Il-20 zum Ausdruck. Wladimir Putin betonte, die Verstärkung der russischen Flugabwehr mit den russischen S-300-Systemen sei „der entstandenen Situation angemessen“ und auf „die Vorbeugung jedweder potentiellen Bedrohung“ für die russischen Kräfte gerichtet.

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    Lieferung, Waffen, S-300, Il-20, Sergej Schoigu, Israel, Syrien, Russland