01:43 21 Oktober 2018
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    Russlands Aufklärungsflugzeug Il-20 (Archiv)

    Die russische Il-20 kam durch krassen Zufall um

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    Fast zwei Wochen nach dem Unglück mit dem russischen Seefernaufklärer Il-20 vor der syrischen Küste werden die offenen Fragen zur Ursache und dem Hergang der Tragödie nur unwesentlich weniger. Eine Version könnte einige Widersprüche in den offiziellen Erklärungen auflösen.

    Die Erklärungen des russischen Verteidigungsministeriums und der israelischen Führung stehen im Widerspruch zueinander. Die russische Behörde macht allein Israel für den Tod der 15-köpfigen Flugzeugcrew verantwortlich – die Israelis sehen die Schuld bei der syrischen Luftabwehr, die chaotisch um sich geschossen habe.

    Einerseits klingt die Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums durchaus plausibel. Andererseits haben die Piloten der israelischen Luftwaffe, die seit Jahren schon Angriffe gegen syrische Stellungen fliegen, bislang jeden nur denkbaren Zusammenstoß mit den russischen Kräften vermieden. Und jetzt entschließen sie sich plötzlich, einen Konflikt mit Russland zu provozieren?

    So haben israelische Kampfjets den Abschuss der russischen Il-20 provoziert
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    So haben israelische Kampfjets den Abschuss der russischen Il-20 provoziert

    Um hier Klarheit zu schaffen, müsse man sehen, wie genau die syrischen Flugabwehrraketen den russischen Aufklärer getroffen haben, sagte ein hochrangiger Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums im Gespräch mit der Zeitung „Wsgljad“. Dann werde auch deutlich, dass Wladimir Putins Erklärung über die „Verkettung tragischer Umstände“ wörtlich zu verstehen sei.

    „Es ist schwer zu glauben, aber die Rakete des syrischen S-200-Systems wurde nicht gegen die Il-20 gerichtet“, sagte der Ministeriumsbeamte. „Die Rakete streifte aber die Propellerblätter der russischen Maschine, als sie die israelischen F-16-Jets anflog.“

    Demnach gab es zwei syrische Raketen. „Die russische Crew hatte die erste an ihrem Flugzeug vorbeifliegen sehen und meldete dies an die Leitstelle am Boden. Die zweite Rakete streifte das russische Flugzeug vermutlich nur, zerstörte die Propeller, löste einen Brand aus, explodierte aber nicht“, sagt der ranghohe Offizier.

    Die Besatzung kämpfte noch gegen das Feuer an, meldete die Lage an die Leitstelle, konnte die Katastrophe aber nicht verhindern. Diese Version würde jedenfalls die für viele Fachleute unlogische Erklärung des offiziellen Sprechers des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, bestätigen.

    Er hat den Katastrophenhergang nämlich so geschildert, dass das russische Aufklärungsflugzeug erst vier Minuten nach dem Raketentreffer vom Radar verschwand, wobei es dem Crewkapitän vorher gelungen war, das ausgebrochene Feuer an Bord des Flugzeugs zu melden.

    Der Punkt ist: Hätte die syrische Rakete die Il-20 gezielt getroffen, hätte die Besatzung des russischen Flugzeugs nichts mehr melden können – sie wäre sofort tot.

    Der Gefechtskopf einer Rakete des S-200-Systems ist 217 Kilo schwer und mit abertausenden Subprojektilen gefüllt. Eine Detonation dieser Stärke hätte das Flugzeug auf eine Weise beschädigt, dass es sofort abgestürzt wäre.

    Da die Maschine aber, wie gesagt, erst nach vier Minuten vom Radarschirm verschwand, ist anzunehmen, dass sie nicht wie ein Stein abstürzte – die Besatzung muss bis zur letzten Sekunde versucht haben, die Lage unter Kontrolle zu bekommen.

    Die Vorwürfe des russischen Verteidigungsministeriums gegen die israelische Luftwaffe werden durch diese Erklärung aber nicht entkräftigt. Denn: Die syrische Rakete flog in Richtung der israelischen Kampfjets und auf deren Weg war in der Tat das russische Flugzeug.

    Dadurch wird auch die syrische Flugabwehr entlastet, weil sie die Rakete sehr präzise gegen die israelische Maschine gerichtet hatte. Eine andere Sache ist, dass eine F-16 viele Möglichkeiten hat, den Angriff eines S-200-Systems abzuwehren. Auf die Bekämpfung hochmanövrierfähiger Ziele ist diese Anlage auch gar nicht ausgelegt.

    Der israelische Pilot konnte es zweifelsfrei erkennen, dass die syrische Rakete seinen Jet ansteuert, auch der Bordcomputer muss den Piloten davor gewarnt haben. Laut dem israelischen Verteidigungsministerium war der Kampfpilot sich absolut sicher, der syrischen Abwehr entkommen zu können – also hatte es für ihn keinen Sinn, sich hinter der Il-20 zu verstecken.

    Und außerdem: Dass die S-200-Rakete gar nicht explodiert, ist durchaus denkbar. „Diese Rakete zielt immer auf die Rumpfmitte, nicht auf den Bug. Der Zünder hatte wahrscheinlich einen Aussetzer, weshalb die Rakete das Flugzeug einfach rammte. Durch die kinetische Energie des Aufpralls wurde der Brand ausgelöst“, sagt Flugabwehrgeneral Alexander Lusan.

    Das S-200-System funktioniert folgendermaßen: Die Radarstation am Boden peilt das Ziel an. Die Abwehrrakete selbst hat einen Zielsuchkopf. Sie folgt zunächst dem Radarsignal, erfasst das Ziel und zerstört es. Es ist nur so:

    „Das System ist schon etwas älter. Deshalb kann es passieren, dass das Radar mehrere Ziele anpeilt, erst recht wenn die Ziele in einer Gruppe auftreten. Der Zielsuchkopf erfasst dann das Ziel mit der größten Radarsignatur. Höchstwahrscheinlich zielten die Syrer wirklich auf die F-16, da der israelische Jet aber sehr nach an die Il-20 herangeflogen war, steuerte der Zielsuchkopf die Rakete ins russische Flugzeug“, erklärt General Lusan.

    Doch sollte es wirklich so gewesen  sein, bleiben trotzdem einige Fragen ungeklärt – auch Fragen, die für das russische Verteidigungsministerium unangenehm sind.

    Wusste die russische Leitstelle auf dem Stützpunkt Hmeimim, dass sich zum Zeitpunkt der Katastrophe israelische Kampfjets in dem Gebiet befanden?

    Wenn ja: Warum wurde die Il-20 exakt um diese Zeit und auf dieser Route zur Landung aufgefordert und warum wurde die syrische Luftabwehr darüber nicht informiert? Wenn nicht: Wie funktioniert die Flugleitstelle der russischen Luftwaffe in Syrien überhaupt und wie koordiniert sie ihr Vorgehen mit der syrischen Luftabwehr?

    Und noch etwas: Selbst erfahrene Piloten können sich nicht erinnern, dass ein Flugzeug von einer Abwehrrakete zerstört wird, ohne dass der Sprengkopf der Rakete detoniert wäre. Wenn diese Version von offiziellen Ermittlern bestätigt werden sollte, geht der Vorfall mit der Il-20 als ein einmaliges Beispiel für die Verkettung wahrhaftig tragischer Umstände in die Geschichte der Luftfahrt ein.

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    Aufklärungsflugzeug, Militärflugzeug, Rakete, Kampfjet, Luftabwehr, Abschuss, Luftabwehr S-200, Il-20, F-16, Verteidigungsministerium Russlands, Igor Konaschenkow, Sergej Schoigu, Hmeimim, Nahost, Latakia, Israel, Syrien, Russland