04:06 19 Oktober 2018
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    Russlands Präsident Wladimir Putin

    Darum tut es dem Westen erst jetzt leid, dass er Putin „an die Macht gebracht“ hat

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    Ein britischer Ex-Geheimdienstchef glaubt, dass er die Wahl Wladimir Putins zum Präsidenten Russlands hätte verhindern können.

    Im Westen gibt es eine Vielzahl von Geheimdienstlern im Ruhestand, die ihre freie Zeit damit verbringen, hanebüchene Enthüllungen über die russischen Regierenden zu veröffentlichen. Weil es ihnen an entsprechenden Materialien bzw. Beweisen fehlt, verkünden sie bisweilen absolut absurde Dinge. So erschien am 30. September in der britischen „Times“ ein Interview unter der Schlagzeile: „MI6-Chef bedauert, Putin geholfen zu haben, an die Macht zu kommen.“

    Manch ein Leser wird sich nun wohl irritiert fragen: Wie kann es denn dazu gekommen sein, dass der britische Nachrichtendienst Putin quasi zur Machtübernahme verholfen hat? Die Fantasie treibt manchmal die wildesten Blüten, wenn es um die Erregung von Aufmerksamkeit geht. So war es wohl auch bei Sir Richard Dearlove, der von 1999 bis 2004 den britischen Geheimdienst MI6 leitete. Er äußerte sein Bedauern, vor der russischen Präsidentschaftswahl 2000 bei der Organisation eines gemeinsamen Theaterbesuchs des damaligen britischen Premiers Tony Blair mit Wladimir Putin geholfen zu haben.

    Dearlove erzählte, dass er im Laufe des russischen Wahlkampfes von einem „hochrangigen KGB-Vertreter in London“ gefragt worden sei, ob der MI6 dabei helfen könnte. Übrigens steht in dem Artikel „KGB“, obwohl es sich wohlgemerkt um das Jahr 2000 handelt. Der russische Offizier fragte nämlich, ob Tony Blair gemeinsam mit Putin die Erstaufführung der Oper „Krieg und Frieden“ von Sergej Prokofjew im Mariinski-Theater besuchen könnte.

    „Wir hatten in London eine lange Diskussion, ob Tony Blair die Einladung annehmen sollte, und entschieden dann, nachdem wir alle ‚pro‘ und ‚contra‘ analysiert hatten, dass dies eine ungewöhnliche und einmalige Chance war und dass wir sie annehmen sollten“, so Sir Richard Dearlove. Er betonte extra, dass die Beziehungen zwischen Moskau und London damals „gut“ gewesen seien, sich aber nur wenige Jahre später angespannt hätten.

    Und dieser gemeinsame Theaterbesuch war nach seiner Auffassung hilfreich beim „Aufpolieren des Images“ Putins, so dass er am Ende sogar die Präsidentschaftswahl gewann. Das soll wohl so gedeutet werden: Wenn Tony Blair, der in Russland sehr beliebt war (stimmt das überhaupt?), nicht mit Putin ins Theater gegangen wäre, dann hätten die Russen nicht für Putin gestimmt. Das behauptete jedenfalls der frühere MI6-Chef, und die „angesehenen“ Medien auf der Insel verbreiten diese „Offenbarungen“ gern unter den Briten.

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    Diese „Mega-Nachricht“ kommentierte man sogar im Kreml. „Wir wussten nicht, dass der MI6 Ministerpräsidenten erlaubt, sich an diesen oder jenen Veranstaltungen zu beteiligen. Das ist eine neue Information. Ansonsten ist das wohl kein Grund für uns, Kommentare abzugeben“, sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow.

    Man muss sagen, dass dies nicht die erste Nachricht dieser Art in den westlichen Medien in letzter Zeit war. Erst am 31. August hatte Bloomberg behauptet, Bill Clinton hätte „die Möglichkeit verpasst, Russlands Zukunft zu verändern“. Denn es wurden kürzlich die Telefonate zwischen den damaligen Präsidenten Russlands und der USA, Boris Jelzin und Bill Clinton, veröffentlicht. Dabei teilte Jelzin seinem Amtskollegen mit, er hätte schon entschieden, wer sein Nachfolger werden sollte: Wladimir Putin. Die amerikanischen Journalisten glauben anscheinend nun, dass bei einem Veto Clintons jemand anders Kreml-Chef hätte werden können.

    Dass die „Times“ solche Dinge schreibt, lässt sich einfach erklären: Tony Blair hatte in diesem Jahr seine Absicht zur Rückkehr in die große Politik zum Ausdruck gebracht. Und eine solche Nachricht ist ein guter Anlass, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass es ihn noch gibt. Besonders vor dem Hintergrund der neuen Spannungen mit Moskau im Zusammenhang mit der „Skripal-Affäre“. Andererseits passt das durchaus in den Trend der letzten Zeit.

    Der Generaldirektor des russischen Instituts für regionale Probleme, Dmitri Schurawljow, meint, dass der Westen, insbesondere Großbritannien, mit solchen Medienberichten den Eindruck vermitteln will, dass er immer noch alle Ereignisse in Russland und in der ganzen Welt unter seiner Kontrolle hat.

    „Viele Briten glauben tatsächlich, dass man sich mit Tony Blair treffen musste, um in Russland zum Präsidenten gewählt zu werden. Obwohl die meisten von unseren Bürgern wohl nicht sagen können, wer Tony Blair ist, selbst wenn man sie foltern würde – einfach weil sie ihn nicht kennen“, so der Politologe.

    Was Jelzins Gespräch mit Clinton angeht, so schloss er nicht aus, dass das Thema Jelzin-Nachfolger tatsächlich bestanden hatte, weil die US-Administration den Kreml damals beeinflussen konnte. „Aber die Amerikaner glauben aufrichtig, dass dies der Hauptgrund für Wladimir Putins Wahl war. Sie verstehen nicht, dass die Russen zu den Wahlurnen gingen und für den neuen Präsidenten stimmten – und auch dafür, dass sich etwas verändert“, betonte Schurawljow.

    Solche Medienberichte erschienen gerade in letzter Zeit, weil das einerseits ein Versuch sei, Putin in die Schranken zu weisen und ihm zu zeigen, dass er im Grunde eine „Kreatur“ des Westens war, die jetzt außer Kontrolle geraten ist, sagt der Experte. Andererseits wolle man der eigenen Gesellschaft zeigen, dass der Westen nach wie vor die stärkste Kraft in der Welt ist. „Dass manche ‚Kreaturen‘ außer Kontrolle geraten, kommt nun einmal vor. Man will die Menschen beruhigen, indem der Eindruck vermittelt, dass die Situation bald wieder in Ordnung gebracht wird. Denn die Welt wurde vom Westen erschaffen und wird von ihm regiert“, sagte Schurawljow. Und weiter:

    „Aber in Wahrheit bemüht man sich darum, der Öffentlichkeit solche Dinge als Beweis vorzulegen, wenn man daran selbst nicht mehr glaubt. So lange die Menschen daran glauben, dass man die Welt regiert, brauchen sie keine Beweise. Aber wenn sie sich daran erinnern, wer mit wem vor 20 Jahren das Theater besuchte, heißt das, dass sie von ihrer eigenen Dominanz nicht mehr so überzeugt sind. Vielleicht werden die Menschen einsehen, dass die Welt in Wirklichkeit komplizierter ist, als es auf den ersten Blick zu sein scheint.“

    Ferner zeigte sich der Politologe überzeugt, dass die Briten und die Menschen im Westen solchen Medienberichten wirklich glauben. „Einfache Menschen verfallen verschiedenen Irrtümern. Sie glauben, dass russische Spione alle Türklinken in England mit Giftstoffen bestrichen hätten – aber aus irgendwelchen Gründen ist niemand gestorben. Aber wenn sie an so etwas nicht glauben würden, dann wäre es sinnlos, solche Dinge zu veröffentlichen.“

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    Eine andere Frage sei, dass die Menschen im Westen noch weniger als die Menschen in Russland über die Außenwelt informiert sind. Sie konzentrieren sich auf ihre Straße, auf ihr Haus, auf ihre Nachbarn. „Die Außenwelt ist für sie wie eine Art ‚Sammlung von Mythen‘. Und der größte Mythos ist, dass sie im besten Land leben, das die Welt verwaltet“, so Schurawljow. „Dieser Mythos ist sehr günstig für die Machthaber – denn es ist wichtig für sie, dass die Menschen sie respektieren. Und solche Geschichten tragen zum Respekt bei. Sie sagen ihren Mitbürgern, dass sie in einem Land leben, das nicht nur den ‚größten Gott‘, sondern auch den ‚größten Teufel‘ – Putin – geschaffen hat. Sie versuchen, ihre Wähler zu überzeugen, dass sie schrecklicher, klüger und stärker als alle anderen sind. Und einfache Briten glauben, dass sie auch selbst sehr gut sind. Mythen, die den Menschen helfen, in ihren eigenen Augen gut auszusehen, werden fast immer positiv wahrgenommen. Die Menschen denken nicht daran, ob sie daran glauben sollten oder nicht. Die Frage ist nur, wie lange die Menschen an solche Mythen glauben.“

    Wladimir Putin bei der Eröffnungszeremonie von Olympischen Winterspielen in Sotschi (Archivbild)
    © Sputnik / Michail Klimentiew
    Zu der Behauptung Richard Dearloves, die Beziehungen zwischen London und Moskau wären in den späten 1990er bzw. frühen 2000er Jahren gut gewesen, hätten sich aber bald darauf verschlechtert, sagte Schurawljow: „Unter Gorbatschow hatten wir sehr gute Beziehungen mit Großbritannien – großenteils weil er gute persönliche Kontakte mit Margaret Thatcher hatte. Er hatte London noch vor seiner Wahl zum Generalsekretär des ZK der KPdSU besucht – und dadurch wurden seine Positionen wesentlich stärker. Auch unter Jelzin hatten wir im Grunde gute Beziehungen. Damals waren wir mit allem einverstanden und folgten im ‚Kielwasser‘ Amerikas und Großbritanniens. Weshalb sollten sie sich mit uns streiten? Sobald aber Russland erklärte, dass es seine eigenen Interessen hat, änderte sich plötzlich alles.“

    „Erinnern Sie sich noch an Putins Rede in München im Jahr 2007? Er sagte damals nicht, dass wir gegen den Westen sind oder dass wir verlangen, etwas zu ändern“, so der Experte weiter. „Er gab einfach zu verstehen, dass wir auch unsere Interessen haben und auf unseren Positionen stehen. Der Westen nahm das als Affront wahr, als Verrat. Sie glauben wirklich daran, dass die einzige akzeptable Existenzform darin besteht, dass sie Befehle geben, die die ganze Welt erfüllt. Deshalb wurden unsere guten Beziehungen auf einmal schlecht. Obwohl sich, objektiv gesehen, nichts veränderte. Der russische Präsident sagte lediglich, dass wir unsere eigene Position haben. Doch das war ein Schock und das Ende einer ganzen Epoche. Wenn die Briten von ‚guten Beziehungen‘ reden, heißt das, dass wir uns ihnen damals anpassten. Und andere Beziehungen halten sie nicht für gut“, fügte der Politologe hinzu.

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    Tags:
    Präsidentschaft, Geheimdienste, Times, KGB, Britischer Geheimdienst MI6, Tony Blair, Bill Clinton, Boris Jelzin, Michail Gorbatschow, Wladimir Putin, Westen, Russland