11:58 17 Oktober 2018
SNA Radio
    ein russischer Soldat in Syrien (Archiv)

    Neues Kriegs-Know-how: Diese Erfahrungen sammelt Russlands Armee beim Syrien-Einsatz

    © AP Photo / Pavel Golovkin
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Swesda
    141802

    Drei Jahre sind seit der ersten Offensive der russischen Streitkräfte gegen die Extremisten in Syrien vergangen. Die internationalen Terrorgruppen sind beinahe zerschlagen.

    Die während des Syrien-Einsatzes gesammelten Erfahrungen werden derzeit aktiv in allen russischen Truppengattungen implementiert und bei Übungen genutzt, darunter internationalen wie Zapad 2018 und Wostok 2018 sowie den OVKS-Manövern.

    Einheitlicher Plan gegen Terroristen

    Eines der größten Probleme, die während der ersten Etappe der Operation in Syrien vor den russischen Truppen standen, war die Koordinierung der Handlungen aller bewaffneten Gruppierungen, die auf der Seite der syrischen Regierung kämpften. Im Herbst 2015 richteten die russischen Stabsoffiziere ein Steuerungssystem ein, in das alle Kräfte der Verbündeten Assads integriert wurden.

    „Die Schaffung eines integrierten Verbandes wurde dank der Nutzung automatischer Steuerungssysteme und Kommunikationsmittel möglich. Das ermöglichte den russischen Truppen, fast blitzschnell auf entstehende Bedrohungen zu reagieren, ‚Friendly Fire‘ zu verhindern und die Fliegerkräfte punktuell einzusetzen“, sagte der Militärexperte Juri Knutow.

    Das wurde auch vom ehemaligen Kommandeur des Verbandes der russischen Streitkräfte in Syrien, Generaloberst Alexander Dwornikow, bestätigt. Ihm zufolge wurden in der Kommandostelle im Stützpunkt Hmeimim die operativen Gruppen aller Verbände stationiert, die gegen die Radikalen vorgehen.

    Trotz zahlreicher Schwierigkeiten organisierten russische Spezialisten das Zusammenwirken zwischen den Einheiten von Brigadegeneral Suhel, der Freiwilligeneinheit „Falken der Wüste“, der Islamischen Revolutionsgarde, dem 5. Angriffskorps der syrischen Armee sowie den Einheiten von Hisbollah und Fatimida.

    „Es handelt sich de facto um einzelne irreguläre Kampfeinheiten. Doch vereinigt unter Leitung des Befehlshabers des russischen Verbandes und beim Vorgehen nach einem einheitlichen Plan erhielten sie einen anderen Status. Nun können sie als integrierter Verband bezeichnet werden“, sagte Dwornikow.

    Das russische Militär teilte Syrien in Verantwortungsbereiche der bewaffneten Gruppierungen auf. Für die Koordinierung der taktischen Richtungen waren operative Gruppen von bis zu fünf Offizieren zuständig. Je nach Aufgabenstellung konnte die Gruppe auf 15-20 Mitglieder erhöht werden.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Britische Medien nennen „Symbol des Erfolgs“ Russlands in Syrien

    Zudem wurde die Arbeit der Kommandostelle optimiert. Zu einer Schicht gehörten nun Vertreter der Flugabwehr, Spezialisten für Aufklärungs- und Angriffshandlungen und das Planen des Feuers. Eine separate Gruppe befasste sich mit der Koordinierung der bewaffneten Kräfte der westlichen Staaten, Israels und der Türkei.

    Laut Dwornikow hat Russland äußerst nützliche Erfahrungen gesammelt, die von großer Bedeutung bei lokalen Konflikten sind, bei denen irreguläre autonome Kampfgruppen vorgehen.

    Hintergrund

    Kampferfahrungen während der Syrien-Operation sammelten viele russische Soldaten. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums nahmen am Einsatz in Syrien 63.000 russische Militärs, darunter 434 Generäle, teil. Im Verband in Syrien dienten mit ihren Stäben alle Truppenkommandeure der Militärbezirke, allgemeinen Armeen und Armeen der Luftstreitkräfte und Flugabwehr, Kommandeure der Divisionen sowie 95 Prozent der Kommandeure der Brigaden und Regimenter.

    24/7

    Dem Beginn der Kampfmission ging die Verlegung von Ingenieureinheiten und gemischten Flugzeuggruppierung voraus. Diese Flugzeuggruppierung wurde zur wichtigsten Angriffskraft der russischen Streitkräfte in Syrien. Es wurden die Angriffsflugzeuge Su-25SM, Angriffsbomber Su-24M, Kampfjets Su-27, Su-30SM, Su-35 und neuste Su-57, strategische Raketenträger Tu-22M3, Tu-95MS und Tu-160, Hubschrauber Mi-8, Mi-28N, Mi-24P und Ka-52 eingesetzt.

    Der gemischte Flugzeugverband war Tag und Nacht im Einsatz. 20.000 der 39.000 Starts erfolgten in der Nacht. In einzelnen Perioden des Syrien-Einsatzes gab es mehr als 100 Starts pro Tag.

    Laut dem russischen Verteidigungsministerium vernichteten die russischen Luftstreitkräfte nach Stand August 2018 mehr als 121.000 Objekte der Terroristen, darunter 649 Panzer und 731 Schützenpanzerwagen. 8927 Fahrzeuge mit Flakanlagen wurden zerstört. Es wurden mehr als 86.000 Extremisten und 830 Anführer illegaler bewaffneter Gruppierungen eliminiert.

    Die Rotation der Kampfpiloten und des technischen Personals wurde so gestaltet, dass alle Einheiten der Luftstreitkräfte und der Armee-Fliegerkräfte Kampferfahrungen sammeln. An der syrischen Operation nahmen 87 Prozent der Besatzungen der operativ-taktischen Fliegerkräfte, 60 Prozent der Langstrecken- und strategischen Luftstreitkräfte sowie 91 Prozent der Armee-Fliegerkräfte teil.

    Die russischen Luftstreitkräfte leisteten den größten Beitrag zur Zerschlagung der Terroristen in Syrien. Laut dem Militärexperten Juri Knutow verwandelten sich fast alle einsetzbaren Geschosse in Hochpräzisionswaffen dank der modernen Bordanlagen in den russischen Flugzeugen, vor allem der Visier- und Navigationsanlage SWP-24 Gefest.

    „Bezüglich des Erdkampfflugzeugs Su-25, das schon in Afghanistan und im Nordkaukasus eingesetzt worden war, gab es von Anfang an keine Fragen. Doch die Verlegung der Su-24, die oft als Relikt des Kalten Krieges betrachtet wurde, war fraglich. Allerdings erwies sich diese Maschine mit SWP-24 an Bord als effektive Plattform“, so Knutow.

    Laut dem Experten bestätigte der Syrien-Einsatz, dass die Möglichkeiten von Angriffsbombern in lokalen Konflikten nützlich sind. Die Su-24M nimmt neben der Su-25 regelmäßig an OVKS-Übungen in der GUS teil, bei denen die Beseitigung von Terrorgefahren geübt wird.

    „Sehr wichtig ist, dass unsere Fliegerkräfte in Syrien die Angriffe gegen Terroristenobjekte durchgearbeitet haben, indem Informationen aus verschiedenen Quellen erhalten wurden. Zudem setzten sie aktiv die so genannte ‘freie Jagd‘ ein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir bald erfahren, dass die in Syrien erhaltenen Fertigkeiten in diesem Herbst bei den OVKS-Übungen mit dem Einsatz von Su-25 und Su-24 gefestigt werden“, so Knutow.

    Die syrische Mission ließ den russischen Truppen Erfahrungen bei den Offensiven in lokalen Konflikten sammeln. Als Beispiel gilt die Operation zur Befreiung Aleppos Ende 2016. Damals wurde die Taktik einer Offensive in drei Schichten angewendet – 24/7.

    Neue Taktik bei Bodenkämpfen

    Wichtige Erfahrungen wurden auch bei den Kämpfen im Gebirge und in Wüsten gesammelt. Die syrischen Truppen, denen russische Militärberater beiseite standen, eroberten die beherrschenden Höhen und Gebirgspässe.

    In den Wüsten wurden die Ergebnisse des Einsatzes der Fliegerkräfte und Artillerie in der Tiefe der gegnerischen Verteidigung eingesetzt. In einzelnen Richtungen wurden Bulldozer und gepanzerte Straßentechnik als Befestigungsanlagen eingesetzt.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Schießen nonstop: Das russische „Panzerkarussell“ löst die klassische Offensive ab

    Diese Taktik wurde von General Suhel ins Leben gerufen und wird in Russland als „syrischer Wall“ bezeichnet. Sie besteht in der Errichtung einer Schutzwand aus Sand bzw. Erde, hinter der sich die Angriffseinheit versteckt. Geschützt durch eine Befestigungsanlage führt die Panzergruppe das Feuer durch Löcher. Das Hauptziel sind die Artilleriestellungen des Gegners.

    Im September und Oktober 2018 wurde der Einsatz des „syrischen Walls“ von Einheiten des Militärbezirks Süd, darunter einem auf der Krim stationierten Korps, geübt. Unter russischen Bedingungen kann diese Taktik in den Steppen im Süden des Landes und in offenen Gebieten genutzt werden.

    Zudem setzen die russischen Streitkräfte bei den Manövern im Süden und auf den Militärgeländen in den OVKS-Ländern immer aktiver Buggys und Geländewagen mit installierten Maschinengewehren ein. In Syrien erwies sich der Einsatz dieser Technik bei Sonderoperationen und Aufklärung als wirkungsvoll.

    Wichtige Erfahrungswerte sammelte die russische Armee auch im Tunnel- und Anti-Tunnel-Kampf. Unterirdische Straßen wurden von den Terroristen zwischen Homs, Aleppo und Damaskus bzw. zur Vernichtung der von der Regierung kontrollierten staatlichen Objekte genutzt.

    Erfahrungen mit großem Nutzwert

    Laut Knutow lernt die russische Armee neue taktische Methoden nicht nur zum Schutz eigener Grenzen. Der „syrische Wall“, Sonderoperationen mit dem Einsatz neuer Fahrzeuge und weitere Methoden könnten beispielsweise bei der Zuspitzung der Lage in Zentralasien nützlich sein.

    Nach FSB-Angaben bewegen sich Terroristen aus Syrien und dem Irak seit 2017 zur Bildung neuer Terrorzellen in Richtung Norden Afghanistans und von dort aus in die postsowjetischen Länder. Somit könnte im Süden eine explosive Situation entstehen, die die nationale Sicherheit Russlands unmittelbar bedroht.

    „Wir haben es geschafft, das Terrornest im Nahen Osten zu zerschlagen, doch jetzt sammeln sich die Reste der Dschihadisten in Afghanistan – und die USA schauen tatenlos zu. Die Umstände bewegen unsere Armee zum Erlernen neuer Kampftaktiken, darunter Kämpfe am Boden gegen radikale Islamisten. Leider kann das negativste Szenario nicht ausgeschlossen werden, doch die in Syrien gesammelten Erfahrungen ermöglichen den russischen Streitkräften, sich auf eine neue Antiterroroperation vorzubereiten“, so Knutow.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Taktik, Terroristen, Erfahrung, Armee, Übungen, Su-57, Su-35, Su-30SM, Su-27, Russland, Syrien