19:43 17 Dezember 2018
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    ein US-Soldat beim Flugabwehrraketen-System Patriot PAC-3

    Russland und USA im Raketen-Wettstreit: Darum bevorzugt Indien russische S-400

    © AFP 2018 / JUNG YEON-JE
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    Dass die Amerikaner verärgert über den Abschluss des Abkommens zur Lieferung von russischen Raketensystemen S-400 „Triumph“ an Indien sind, ist nicht verwunderlich.

    Washington wollte Neu-Delhi seine Flugabwehrraketen Patriot PAC-3 aufzwingen. US-Verteidigungsminister James Mattis drohte sogar den Indern mit Konsequenzen, sollten sie sich für Erzeugnisse des russischen Konkurrenten entscheiden. Auch Vertreter des US-Außenministeriums warnten, dass der Rüstungsdeal mit den Russen ein Verstoß gegen das amerikanische Gesetz „Zur Gegenwirkung den Gegnern Amerikas durch Sanktionen“ wäre.

    Doch die Drohungen der Amerikaner verpufften: Die russische Waffenexportbehörde „Rosoboronexport“ und das indische Verteidigungsministerium machten während des Indien-Besuchs von Wladimir Putin in der vorigen Woche den Raketen-Deal perfekt.

    Damit wird nicht der US-Konzern Raytheon (Hersteller der Patriot-Raketensysteme), sondern der russische Mitbewerber Almas-Antej 5,5 Milliarden Dollar bekommen. Dafür erhalten die Inder in absehbarer Zeit fünf Regimentskomplexe S-400 „Triumph“.

    Das ist ein herber Schlag gegen die Amerikaner mit ihren großen Ansprüchen, den sie aber einstecken müssen.

    Nur die allerbesten Waffen im Arsenal

    Der Stabschef des indischen Heeres, Generalleutnant Bipin Rawat, erklärte: „Indien führt eine unabhängige Politik durch und wird weiterhin russische Verteidigungssysteme kaufen – trotz der Drohungen Washingtons mit Sanktionen gegen Neu-Delhi.“ Zugleich betonte er, dass sein Land auch andere russische Waffenarten kaufen könnte, beispielsweise Hubschrauber „Kamow“. Und die Zeitung „Times of India“ berichtete, dass noch vier Fregatten des Projekts 11356 infrage kämen, von denen zwei in Russland und zwei in Indien gebaut werden sollen. Und schließlich könnte Indien 1700 russische Panzer T-14 auf der „Armata“-Plattform kaufen. Dabei mache man sich in Neu-Delhi absolut keine Sorgen über mögliche US-Sanktionen, auch wenn gewisse Schwierigkeiten um den Zugang zu amerikanischen Technologien möglich wären.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Sanktionen wegen russischer S-400-Systeme? Indien kontert Drohungen aus USA

    Aber warum sind die Inder so zuversichtlich, dass Washington gegen sie keine Sanktionen verhängt?

    Die Antwort auf diese Frage könnte darin bestehen, dass Neu-Delhi nicht auf den Erwerb von US-Militärtechnik verzichtet. So hat es sich für das schwere Frachtflugzeug C-130 – und damit gegen das russische Modell An-124 – entschieden. Außerdem hat Russland mit seinem Mi-26-Hubschrauber gegen das amerikanische Modell Sikorsky CH-53 Sea Stallion den Kürzeren gezogen, obwohl eine Mi-26-Maschine 20 Tonnen Last an Bord nehmen kann, während der „Amerikaner“ nur sechs Tonnen verkraftet.

    Bei der militärtechnischen Kooperation mit Indien muss man einige wichtige Aspekte berücksichtigen: Erstens setzt Neu-Delhi auf das Prinzip „Nicht alle Eier in einem Korb aufbewahren!“  — die Inder wollen nicht von einem einzigen Lieferanten abhängen.

    Einerseits ist das vollkommen richtig: Eine solche Abhängigkeit könnte den Importeur in einer kritischen Situation teuer zu stehen kommen. Andererseits aber entstehen dadurch etliche Schwierigkeiten: Die Betriebsbedingungen können für verschiedene Technik unterschiedlich sein; es sind unterschiedliche Ersatzteile nötig; man muss einen großen Pool von Experten haben, die für die technische Wartung verschiedener Technik zuständig sind, usw. Und dann wird man nicht von einem, sondern gleich von mehreren Lieferanten abhängig. Aber es ist nun einmal so: Wer zahlt, der bestellt auch die Musik.

    Zweitens wollen die Inder in ihrem Arsenal nur die allerbeste Technik haben. Eben deshalb haben sie sich für die S-400- und gegen die Patriot-Raketen entschieden.

    Es ist immerhin allgemein bekannt, dass die Patriot-Komplexe nicht immer in der Lage sind, selbst sehr alte taktische Raketen abzuschießen. So konnten die amerikanischen Raketen Patriot PAC-2 während des Golfkrieges, als die Truppen Saddam Husseins Israel mit alten sowjetischen Raketen Scud B P-17 beschossen, bestenfalls jede zweite Rakete abschießen. Auch jetzt können sie in Saudi-Arabien nicht immer die „Totschka-U“-Raketen, mit denen die Huthi-Kämpfer ihre Gegner beschießen, abfangen.

    Als es aber um die schweren Frachthubschrauber ging, gingen die Inder anders vor. Allerdings wollten sie Washington gefallen und darüber hinaus ihre Militärtechnik diversifizieren. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass es in Neu-Delhi Anhänger sowohl Russlands als auch Amerikas gibt, und manchmal fällt es ihnen wirklich schwer, einen Konsens zu finden.

    Und es gibt noch den dritten Aspekt: Indien importiert ausländische Militärtechnik mit der Absicht, sie künftig auch selbst zu bauen. „Made in India“ – das ist das Motto, an dem sich das Establishment in Neu-Delhi orientiert.

    Die Inder wollen nicht nur die beste Technik haben, sondern auch diese Technik selbst herstellen, so dass in ihrem Land Hunderttausende neue Arbeitsplätze entstehen, während ihre Konstrukteure, Ingenieure und Techniker ihre Qualifikation möglichst erhöhen. Bei jeder Ausschreibung ist eine der wichtigsten Forderungen, künftig die Produktion der ausländischen Technik auf dem Territorium Indiens zu garantieren.

    Das Problem ist nur, dass nicht alle Länder bereit sind, Neu-Delhi ihre Technologien zu überlassen. Russland tut das: Kampfjets Su-30MKI und Panzer T-90S werden direkt in Indien gebaut.

    Moskau und Neu-Delhi bilden sogar Joint Ventures – eines von ihnen, die Firma BraMos, baut beispielsweise Anti-Schiffs-Überschallraketen. Der Firmenname ist die Abkürzung der zwei zusammengesetzten Flussnamen – Brahmaputra und Moskwa. Mit den in diesem Betrieb gebauten Raketen werden jetzt Anti-Schiffs-Komplexe, Fregatten des Projekts 11356 und U-Boote der „Warschawjanka“-Klasse ausgerüstet.

    Aktuell entwickeln die russischen und indischen Spezialisten eine neue Modifikation dieser Raketen, mit denen Kampfjets Su-30MKI ausgerüstet werden könnten. Laut Quellen wurde die Rakete verkleinert, wobei die Schlagkraft dieselbe geblieben ist.

    Anspruchsvoller Kunde, der aber manchmal kontroverse Forderungen hat

    Erwähnenswert sind auch andere Beispiele für die militärtechnische Kooperation Russlands und Indiens. So hatten die Inder vor einigen Jahren ein russisches Atom-U-Boot des Projekts 971 K-152 „Nerpa“ gemietet (in Indien trägt es den Namen „Chakra“). Zudem wurde der Bau eines anderen U-Boots dieses Typs für Neu-Delhi in Komsomolsk-am-Amur vereinbart. Außerdem kaufte Indien russische Deck-Kampfjets MiG-29K und den Flugzeugträger „Admiral Gorschkow“, der extra modernisiert und in „Vikramaditya“ umbenannt wurde.

    Es gibt kein anderes Land, das den Indern mehr Lizenzen verkauft und mehr Joint Ventures mit ihnen gegründet hätte. Es gab ja ein Beispiel für eine langjährige Ausschreibung für die Lieferung von Mehrzweck-Kampfjets, die am Ende die Franzosen von der Firma Dassault gewannen. Es ging dabei um 126 Flugzeuge für zehn Milliarden Dollar und die spätere Herstellung dieser Maschinen unmittelbar in Indien. Letztendlich wurde jedoch vereinbart, dass Neu-Delhi nur 36 Kampfjets für fast 20 Milliarden Dollar kaufen würde, ohne dass sie in indischen Betrieben hergestellt werden.

    Wenn man dieses Gros der Umstände analysiert, wegen der die Regierung in Neu-Delhi diese oder jene Entscheidungen trifft, sieht man ein, dass das ganze Geschrei der westlichen (aber auch russischen) Medien, die USA würden Russland als Waffenlieferant Indiens ablösen, absolut unbegründet ist.

    Russland nimmt durch die Waffenlieferungen an Indien etwa 4,5 Milliarden Dollar jährlich ein. Zudem hat „Rosoboronexport“ Verträge (der S-400-Deal wurde dabei nicht einkalkuliert) für weitere vier Milliarden Dollar. Auf Indien entfallen etwa 30 Prozent aller Einnahmen Russlands aus dem Waffenexport.

    Der Gerechtigkeit halber muss man allerdings sagen, dass es zwischen Moskau und Neu-Delhi auch Schwierigkeiten gibt: Indien ist ein sehr anspruchsvoller Klient, der aber manchmal kontroverse Forderungen stellt. Das gilt für die Kampfjets fünfter Generation und könnte auch für die T-14-Panzer, wie auch für andere Projekte, gelten. Das ist allerdings kein großes Problem – alle Kontroversen sind immerhin überwindbar, wenn die Kooperation für beide Seiten lukrativ ist, besonders wenn niemand der Gegenseite politische Bedingungen stellt (was die Amerikaner immer wieder tun).

    >>Andere Sputnik-Artikel: Auf Russland abgezielt: Vize-Außenminister kritisiert Baupläne von US-Basis in Polen

    Washington kann Neu-Delhi keine Angst machen

    Übrigens haben die Inder keine Angst vor den möglichen US-Sanktionen auch deshalb, weil sie diese schon einmal überlebt haben: Als Indien in den 1970er-Jahren seine eigenen Atomwaffen entwickelte, unterbrachen die Amerikaner alle Wirtschaftskontakte mit Neu-Delhi.

    Aber 30 Jahre später sahen sie auf einmal ein, dass der indische Markt an Russland gehen könnte – und buhlten schon wieder um das Establishment in Neu-Delhi. Daraus kann man wohl schließen, dass ihre Drohungen mit neuen Sanktionen wegen der Militärkooperation mit Moskau nicht in Erfüllung gehen werden.

    Denn für Washington stehen im Vordergrund seine egoistischen Interessen – die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Vorteile. Die Amerikaner wollen diesen riesigen Markt nicht den Russen, Franzosen, Deutschen oder Israelis überlassen. Außerdem hoffen sie, Indien in ihrem geopolitischen Kampf gegen China auszunutzen – und solche Perspektiven gibt man nicht so einfach auf.

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    Tags:
    Waffenexporte, Lieferungen, Raketenabwehrsystem S-400, US-Flugabwehrraketen Patriot, Indien, USA, Russland