06:07 15 Dezember 2018
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    Ende der Energie-Supermacht: Versiegen Russlands Ölquellen?

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    Der saudische Thronfolger und Vizepremier Mohammed bin Salman hat in der vergangenen Woche prophezeit, dass Russland auf dem globalen Ölmarkt an Bedeutung verliert oder sogar in zwei Jahrzehnten ganz von der Bildfläche verschwindet. Der Grund sei das angebliche Versiegen der Vorkommen, schreibt das Portal „iz.ru“.

    Solche Prognosen wurden auch früher gemacht, auch durch Marktteilnehmer in Russland selbst, doch sie gingen nicht in Erfüllung. Allerdings sollte man nicht jubeln – Öl wird nicht immer vorhanden sein. Fehlt es an Investitionen, könnten sowohl die Förderung als auch die nachgewiesenen Ölvorräte im Land bedeutend zurückgehen.

    In den vergangenen Jahren hat Russland seine Spitzenposition auf dem globalen Ölmarkt stabilisiert, auch trotz der übernommenen Verpflichtungen zur Einschränkung der Fördermengen. 2017 lag Russland vor Saudi-Arabien bei der Ölfördermenge. Vor kurzem noch konnte man sich solche Zahlen kaum vorstellen – Ende der 1990er-Jahre wurden in Russland etwas mehr als 300 Mio. Tonnen pro Jahr gefördert — rund 60 Prozent der jetzigen Kennzahlen.

    Die niedrigen Kennzahlen in der damaligen Zeit waren mit den niedrigen internationalen Preisen und der zeitweiligen Branchenkrise wegen der postsowjetischen Aufteilung des Vermögens verbunden. Nach dem Anstieg der Preise wuchs auch die russische Ölbranche. 2007 lag die Fördermenge bei 490 Mio. Tonnen pro Jahr.

    Damals tauchten erste Prognosen auf, dass der russischen Ölförderung der Verfall drohe. Zu Beginn des Jahres 2008 prognostizierte der Vizepräsident von Lukoil, Leonid Fedun, dass die Kennzahlen ihren Höhepunkt erreicht hätten und künftig ein Rückgang zu erwarten sei, wie das zu diesem Zeitpunkt bereits in Mexiko und Norwegen der Fall war, die zu bestimmten Zeitpunkten die Spitzenreiter bei der Ölförderung waren. Er hatte zum Teil Recht. 2008 ging die Förderung um 0,1 Prozent zurück. Doch danach zeigte die Branche sieben Jahre nacheinander einen reinen Zuwachs, wobei die Ergebnisse um mehr als zehn Prozent gegenüber dem Vorkrisen-Höhepunkt gestiegen sind – auf 550 Mio. Tonnen pro Jahr.

    Im Ganzen sahen Vertreter des Mineralölkonzerns Lukoil die Möglichkeiten der russischen Ölbranche mehrmals eher skeptisch – die Prognosen über den Rückgang der Förderung wurden von Lukoil-Chef Wagit Alekperow im Jahr 2012 abgegeben. Wie die Praxis zeigte, war das eher eine Art PR-Druck gegen die Regierung, wobei mit fiskalischen Vergünstigungen gerechnet wurde. Erst 2017 sank die Förderung, als Moskau in das OPEC+-Abkommen einwilligte, laut dem die Ölproduktion im Land um 300.000 Barrel pro Tag reduziert werden musste.

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    Die jetzige Förderdynamik zeigt, dass die Zukunft Russlands als Ölmacht ziemlich wolkenlos ist – trotz der Instabilität der Weltpreise schafft es Russland, das Wachstum aufrechtzuerhalten. Doch der Höhepunkt ist bei vielen Ländern bereits vorbei. Prognosen können nur ausgehend von den Vorräten und ihrer Änderung gemacht werden.

    Nach Angaben des Naturschutzministeriums verfügt Russland über nachgewiesene Vorräte in Höhe von 14 Mrd. Tonnen Öl. Es handelt sich um Reserven, die man wirtschaftlich gewinnbringend fördern kann. Ungefähr dieselben Kennzahlen werden vom BP-Konzern in seiner Jahresübersicht angegeben. Bei Beibehaltung der jetzigen Förderzahlen würden diese Vorräte für etwas mehr als 25 Jahre ausreichen.

    Eigentlich hat Russland unter den führenden Ölmächten die schlechtesten Zahlen bei den förderbaren Vorräten. Zum Vergleich: Dem Irak und Iran würde das Öl für weitere 90 Jahre ausreichen, Nigeria 50 Jahre, Saudi-Arabien 61 Jahre, Venezuela 392 Jahre. Von den Ländern, die mehr als 100 Mio. Tonnen pro Jahr fördern, sind die Kennzahlen nur bei China und den USA schlechter (18 bzw. 10 Jahre). Damit scheint auf den ersten Blick, dass Prinz Mohammed sich nicht so sehr irrte, als er meinte, dass Russland kein langfristiger Konkurrent auf dem Ölmarkt sei.

    Dennoch ist nicht nur die absolute Zahl der Vorräte, sondern auch die Dynamik des Wachstums bzw. Rückganges bedeutend. In diesem Punkt sieht für Russland vieles besser aus. 2017 stiegen die nachgewiesenen Vorräte um 550 Mio. Tonnen. 2016 waren die Ergebnisse der geologischen Erkundungen noch positiver – rund eine Mrd. Tonnen. Seit 2007 hat sich die Menge der nachgewiesenen Vorräte dank dem kompensierenden Wachstum fast nicht verändert. Seit 1997 lag der Rückgang bei weniger als sieben Prozent. Ein bedeutender Rückgang der Vorräte in den vergangenen zehn bis 20 Jahren wurde in den Ländern festgestellt, wo die Förderung bereits sinkt (Mexiko, Norwegen, Großbritannien). Die meisten anderen Ölförderstaaten zeigen eine positive bzw. gleichbleibende Dynamik.

    Zugleich hat das Wachstum der Vorräte in Russland ein Problem – die überwiegende Mehrheit der neuen Vorkommen ist klein bzw. schwer zugänglich, wo die Förderung kostspielig ist. So war 2017 eine der größten Entdeckungen das Vorkommen Nowosamarskoje, das von Gazprom Neft erkundet wurde. Seine geologischen Vorräte wurden auf 20 Mio. Tonnen beziffert. Nach russischen Maßstäben also kaum der Rede wert. Um das größte der bisher unberührten Vorkommen – Erginskoje – gab es in den letzten Jahren einen erbitterten Kampf zwischen vier Ölunternehmen. Bislang gibt es keine Gründe zu behaupten, dass diese Abschnitte in der absehbaren Zukunft in Betrieb genommen werden.

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    Laut Analyst Alexej Kalatschow kann die Ölförderung in Russland nach 2021 sinken, weil die Erschließung der schwer zugänglichen Vorräte größere Ausgaben erfordert, was nur mit teurem Öl und neuen Technologien möglich ist. „Doch selbst wenn Russland seinen Platz unter den Spitzenreitern bei der Ölförderung und dem Ölexport verliert, muss erst etwas sehr Katastrophales geschehen, damit Russland völlig vom Weltmarkt verschwindet“.

    Die Äußerungen von Mohammed bin Salman hätten eher einen politischen und PR-Charakter, so der Experte. „19 Jahre sind eine lange Zeit. In dieser Zeit kann viel geschehen. Politiker geben gern den Guru, doch wer wird sich da später an seine Prognosen erinnern? In einem Bloomberg-Interview gab der Prinz einige lautstarke, jedoch kaum begründete Statements von sich, die für großes Aufsehen sorgten. Anscheinend war das das einzige Ziel. Das ganze Interview kann als Start einer Roadshow vor dem ständig verschobenen Börsengang des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco betrachtet werden. Es soll anscheinend potentielle Investoren von der Zuverlässigkeit und den Aussichten dieser Anlagen vor dem Hintergrund der Schwäche der Konkurrenten überzeugen“, so der Experte.

    Laut dem Energieexperten Alexander Passetschnik wurden die Worte des Prinzen in der russischen Energiebranche mit Ironie aufgenommen. „Selbst in Westsibirien, unserer größter Basis der Ölförderung, verschwindet allmählich der negative Trend wegen der Anstrengungen der fiskalischen Unterstützung, die von der Regierung beschlossen wurden. Zudem haben wir große Ressourcen in Sibirien und im Fernen Osten. Laut Passetschnik soll die Prognose des Prinzen, die nach kritischen Fragen von Bloomberg-Journalisten geäußert wurde, als Versuch betrachtet werden, die Diskussionen in eine andere Richtung zu drehen.

    Die Situation in der russischen Ölbranche ist nicht katastrophal. Angesichts der wachsenden Nachfrage wird Öl auch weiter der wichtigste Teil der russischen Einnahmen bleiben. Zugleich können nur die Vervollkommnung der Fördertechnologien und umfangreiche Investitionen in geologische Erkundung Russland dabei helfen, seinen Platz in der Spitze der „Energie-Supermächte“ zu verteidigen.

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    Tags:
    Quelle, Bedeutung, Energie, Öl, Prognose, British Petroleum (BP), LUKoil, Saudi-Arabien, USA, Russland, China