23:33 16 Oktober 2018
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    Ort der Notlandung vom Sojus-Raumschiff in Kasachstan

    Panne auf dem Weg zur ISS: Weltweit sicherste Rakete versagt erstmals seit 1983

    © Sputnik / Pressedienst des Militärbezirks Zentrum
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    Erstmals seit 35 Jahren ist der Start eines bemannten Raumschiffs wegen einer Panne mit der Trägerrakete gescheitert, wie die Zeitung „Kommersant“ schreibt.

    Am Donnerstag ist die Trägerrakete Sojus-FG, die das bemannte Raumschiff „Sojus MS-10“ mit Roskosmos-Kosmonaut Alexej Owtschinin und NASA-Astronaut Nick Hague an Bord zur Internationalen Raumstation (ISS) bringen sollte, abgestürzt. Dank dem Havariesystem der Rakete konnten die beiden Raumfahrer in Kasachstan notlanden. Nach „Kommersant“-Angaben ist es zur Panne gekommen, weil einer der vier seitlichen Booster der ersten Stufe sich nicht abtrennte. Eine speziell gebildete Kommission untersucht die Ursachen der Havarie und will nach Möglichkeit die Verantwortlichen für diesen Unfall ausfindig machen.

    Der Raketenstart erfolgte wie üblich. Die Kennzahlen der Betriebssysteme waren im zulässigen Rahmen, wie während der Live-Übertragung auf der Webseite der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos  kommentiert wurde. Die Situation änderte sich kardinal nach der 117. Sekunde des Fluges. Zu diesem Zeitpunkt sollte es zur Abtrennung der ersten Stufe kommen. Allerdings entstand eine Notstandssituation, weil in der 123. Sekunde das Notfallsystem startete. Die Kapsel trennte sich von der Rakete und begann eine ballistische Notlandung. Sie ging rund 25 km östlich der kasachischen Stadt Scheskasgan nieder. Nach der Notlandung setzte sich die Besatzung mit der Leitzentrale in Verbindung. 41 Minuten nach der Panne landete ein Rettungsteam mit einem An-12-Flugzeug. Innerhalb einer Stunde trafen ein Rettungsteam mit Geländewagen sowie vier Mi-8-Hubschrauber in dem Gebiet ein.

    Owtschinin und Hague wurden aus der Kapsel geholt und ins Krankenhaus zur medizinischen Untersuchung gebracht. Am Donnerstag flogen sie bereits nach Baikonur. Am Freitagmorgen wurden sie bereits am Flugplatz Tschkalowski im Gebiet Moskau erwartet. Ihr Zustand wird als befriedigend bezeichnet, sie haben keine Verletzungen.

    Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin und Vizepremier Juri Borissow hoben die hohe Zuverlässigkeit des Notrettungssystems hervor. Es war die erste Notfallsituation mit Trägerraketen, die im bemannten Flugprogramm eingesetzt werden, seit 35 Jahren. Am 26. September 1983 überraschte die Besatzung des Raumschiffs Sojus T-10, Wladimir Titow und Gennadi Strekalow, ein Feuer beim Raketenstart, sie überlebten wegen des Notrettungssystems. Die Überbelastung bei der Landung lag bei bis zu 18g. Am 5. April 1975 wurde die Besatzung der Sojus-18 (Wassili Lasarew und Oleg Makarow) 21,27 Minuten nach dem Start wegen ähnlicher Probleme bei der Trennung der zweiten Stufe evakuiert. Damals landete die Kapsel in der Republik Altai.

    Nach Kommersant-Informationen beauftragte Roskosmos-Chef Rogosin den stellvertretenden Generaldirektor des Zentralen Wissenschafts- und Forschungsinstituts für Maschinenbau, Oleg Skorobogatow, eine Kommission zu bilden, die die Ursache der Panne feststellen soll. Spezialisten werden vor allem mit der Entschlüsselung der telemetrischen Informationen, mit der Analyse der Go-Pro-Kameras sowie Raketensplitter beginnen.

    Laut „Kommersant“-Quellen, die der Untersuchung nahe stehen, kam es zum Fehlstart, weil einer der vier Booster der ersten Stufe sich nicht abtrennte. Dafür kann es drei Gründe geben, die von der Kommission detailliert untersucht werden.

    Der erste Grund könnte mit dem Ausfall  der Verriegelung des Boosters, der zweite mit der mechanischen Beschädigung seiner Befestigungseinrichtung zusammenhängen. Der dritte Grund könnte theoretisch mit der Automatik zu tun haben, die keinen Befehl zur Abtrennung des Boosters gab, doch das sei eher unwahrscheinlich, so die Quelle. Die Kommission soll die Ergebnisse der Untersuchung ungefähr innerhalb eines Monats vorlegen.

    Bis zum Ende der Untersuchung wurden aus Sicherheitsgründen Flüge dieses Raketentyps ausgesetzt. Deshalb wurde der nächste Start von Sojus-FG mit dem Raumfrachter Progress-MS-10 vom 31. Oktober auf die erste Dezember-Hälfte verschoben.

    Sämtliche Roskosmos-Angaben werden der NASA übermittelt. „Wir werden die Ursachen der Panne nicht verheimlichen“, sagte Borissow. Dabei schloss er personelle Maßnahmen gegenüber den Verantwortlichen für die Panne nicht aus. Allerdings sollte man das Ende der Untersuchung abwarten. Russlands Ermittlungskomitee berichtete derweil von der Einleitung eines Strafverfahrens nach Artikel 216 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation (wegen Sicherheitsverletzungen bei Bauarbeiten, die einen großen Schaden nach sich zogen).

    Die Sojus-FG gilt als eine der zuverlässigsten Raketen – vom 20. Mai 2001 bis 6. Juni 2018 gab es 64 Starts, die alle erfolgreich waren. Diese Modifikation der Sojus-Raketen war die einzige, die Roskosmos für die Umsetzung des bemannten Programms nutzte. Nach dem Stand vom Juli 2018 sind im Raketenzentrum Progress sieben Raketen gelagert –  nach der Panne und der Übergabe einer Rakete für den Start des Frachters Progress-MS-10 verfügt man nun über fünf solche Raketen. Sie sollen alle bis Ende 2019 eingesetzt werden. Danach sollen die Starts der bemannten Raumschiffe mit Sojus-2.1a erfolgen, die für die Entsendung der Frachten zur ISS genutzt wird. Progress hat bereits mit der Herstellung der ersten drei Raketen begonnen, die erste von ihnen soll die Crew der Sojus-MS-16 im Frühjahr 2020 in den Orbit bringen.

    Aus finanzieller Sicht entstehen für Roskosmos wegen des Fehlstarts keine Kosten – die Rakete Sojus-FG und das Raumschiff Sojus-MS-10 wurden im Wert von bis zu 4,66 Mrd. Rubel versichert. Wenn diese Panne als Versicherungsfall eingestuft wird, könnte das Versicherungsentgelt vielleicht das größte in den vergangenen Jahrzehnten sein, wie die Generaldirektorin der Versicherungsfirma Soglassije, Maja Tichonowa, anmerkte.

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    Tags:
    Panne, Rakete, Ermittlung, Trägerrakete, Weltraum, Sojus, NASA, Roskosmos, Dmitri Rogosin, Kasachstan, Baikonur, USA, Russland