08:47 16 November 2018
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    Lernmodul der ISS-Station auf der ErdeISS (Archivbild)

    Weltraum-WG ohne Mieter: ISS könnte unbemannt werden

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    Die jüngste Havarie der Trägerrakete Sojus-FG mit dem bemannten Raumschiff Sojus MS-10 könnte schwerwiegende Konsequenzen für den Betrieb der Internationalen Raumstation (ISS) haben. Im schlimmsten Fall könnten aus der Weltall-WG sogar vorübergehend alle Bewohner abgezogen werden.

    Wie der Leiter der ISS-Mission in der NASA, Kenny Todd, sagte, könnte die Besatzung von der Raumstation evakuiert werden, falls Russland bis Januar 2019 eine neue Sojus-Rakete mit einer neuen Besatzung nicht starten könnte. Die Raumfahrer, die sich aktuell an Bord befinden, nämlich Sergej Prokopjew (Russland), Serena Auñón (USA) und Alexander Gerst (Deutschland), müssten an Bord des Raumschiffs Sojus MS-09, auf dessen Rumpf ein winziger Riss entdeckt wurde, der einen Luftverlust an Bord verursachte, auf die Erde zurückkehren. Allerdings befindet sich dieser Defekt nicht in der Landekapsel, sondern im Bordsegment und wurde bereits beseitigt. Also steht der Rückkehr der Raumfahrer auf die Erde nichts im Wege.

    Eine andere Situation ist um die ISS selbst entstanden: Es war bisher noch nie passiert, dass sie ohne eine Besatzung geblieben wäre. „Die ISS ist für einen autonomen Betrieb nicht geeignet. Und da dies zum ersten Mal passieren würde, könnten viele Schwierigkeiten entstehen“, sagte der Forschungsleiter des russischen Instituts für Weltraumpolitik, Iwan Moissejew. Deshalb sei enorm wichtig, dass die zuständige Kommission der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos die Ursachen der Havarie in der vergangenen Woche baldmöglichst herausfinde und Maßnahmen ergreife, damit sie nie wieder zutage treten.

    Die Sojus MS-10 mit den Raumfahrern Alexej Owtschinin (Russland) und Nick Hague (USA) an Bord war am 11. Oktober vom Weltraumbahnhof Baikonur gestartet. Allerdings entstand nur 117 Sekunden nach dem Start eine Notsituation: Bei der Trennung eines der vier Booster der ersten Stufe vom zentralen Block der zweiten Stufe schalteten sich die Triebwerke plötzlich aus. „Das könnte sowohl mit dem Ausfall des pyrotechnischen Schlosses als auch mit einer mechanischen Beschädigung seiner Bindung verbunden sein“, teilte eine Quelle in der russischen Raumfahrtbranche mit.

    Die zweite Stufe der Sojus-FG verlor die Raumorientierung, und es wurde sofort der Havarie-Modus im Kopfteil der Rakete eingeschaltet. Schon zwölf Sekunden nach dem Ausfall aktivierte die Besatzung das Rettungssystem: Das Schiff teilte sich in einzelne Abteilungen auf und stieß den Fallschirm aus. Die Landekapsel landete erfolgreich in Kasachstan, etwa 25 Kilometer vom Flugplatz Scheskasgan. Die Flugbahn der Landekapsel war sehr steil, und die Raumfahrer wurden einer Überbelastung von bis zu 7g ausgesetzt. Allerdings hatte das glücklicherweise offenbar keine schlimmen Folgen für ihre Gesundheit.

    Ort der Notlandung vom Sojus-Raumschiff in Kasachstan
    © Sputnik / Pressedienst des Militärbezirks Zentrum

    Das war die dritte Havarie in der 43-jährigen Geschichte des sowjetischen bzw. russischen Sojus-Raumfahrtprogramms. Im Frühjahr 1975 war eine ähnliche Havarie nach dem Start des Raumschiffs Sojus-18-1 passiert. Damals dauerte der Flug 261 Sekunden. 

    Und im Herbst 1983 ging etwa zwei Minuten vor dem Start eines der Elemente im Kraftstoffleitungssystem der Rakete Sojus-U in Flammen auf. Die Kosmonauten Wladimir Titow und Alexander Strekalow mussten dabei unfreiwillig Tester des Havarie-Rettungssystems werden. „Noch vier Sekunden, und wir wären verbrannt worden“, erinnerte sich später Titow. „Aber das Rettungssystem funktionierte richtig, und unsere Kapsel wurde um etwa vier Kilometer zur Seite abgeworfen. Die Überbelastung war damals am Rande der menschlichen Fähigkeiten: etwa 16g – aber wir landeten erfolgreich.“

    Auch diesmal funktionierte das Rettungssystem tadellos. ESA-Chef Johann-Dietrich Wörner sagte dazu, dass die erfolgreiche Rückkehr der Besatzung auf die Erde die außerordentliche Zuverlässigkeit des Verkehrssystems „Sojus“ und seine enorme Wichtigkeit für die ganze Partnerschaft im Rahmen des ISS-Programms beweise.

    Und Kenny Todd sagte seinerseits, dass die NASA stolz auf die Kooperation mit Roskosmos sei und dass die Partnerschaft mit den Russen fortgesetzt werde.

    Allerdings wird dieses Zusammenwirken jedenfalls einen anderen Charakter tragen. Denn schon im kommenden Jahr könnte Russland sein Monopol auf die Beförderung von Raumfahrern ins Weltall verlieren. Die NASA will nämlich zwei neue amerikanische bemannte Raumschiffe testen: „Dragon 2“ von SpaceX und „Starliner“ von Boeing. Das erste Raumschiff wird unbemannt im Januar und bemannt im August gestartet. Der erste (unbemannte) Raumstart der „Starliner“ ist für März und der zweite (bemannte) für September geplant. Natürlich müssen die beiden Raumschiffe ihre Effizienz noch unter Beweis stellen, aber irgendwann wird das jedenfalls passieren.

    Das würde für Russland einen Verlust von etwa 300 Millionen Dollar bedeuten, die es jedes Jahr von der NASA und der ESA für die Beförderung ihrer Raumfahrer ins Weltall bekommt.

    Aber das ist noch nicht alles: Die Amerikaner wollen die „Dragon 2“, die „Starliner“ und noch das dritte Raumschiff „Orion“ auch für bemannte Flüge zur Mondstation einsetzen, deren Bau 2023 beginnen soll. Und sobald diese fertiggestellt ist, wird die NASA die Mitfinanzierung der ISS höchstwahrscheinlich einstellen.

    Für die Russen bestünde der einzige Ausweg aus dieser Situation in der Umorientierung der Sojus-FG-Rakete auf Satellitenstarts (unter anderem für ausländische Kunden). Aber auf diesem Gebiet verlieren russische Raketen den Konkurrenzkampf gegen amerikanische. Noch vor fünf Jahren hatte Russland etwa 42 Prozent des internationalen „Marktes für Weltraumstarts“ kontrolliert. Inzwischen beläuft sich diese Zahl nur noch auf zwölf Prozent, und zwar wegen gleich mehrerer Havarien russischer Trägerraketen und der rasch gestiegenen Versicherungsbeiträge. Das hat sich auf die Preise ausgewirkt: Während die Firma SpaceX die Raumstarts ihrer Falcon-Rakete für neun bis 62 Millionen Dollar verkauft, sind es bei den Russen 70 bis 80 Millionen Dollar.

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    Tags:
    Weltraumstation, Panne, Weltraum, Sojus, Internationale Raumstation ISS, ESA, NASA, Roskosmos, Nick Hague, Alexej Owtschinin, Dmitri Rogosin, Kasachstan, Baikonur, USA, Russland