09:22 18 November 2018
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    Muammar Gaddafi (Archivbild)

    Muammar Gaddafi: Der Robin Hood der Wüste

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    Der Versuch, eine gemeinsame Sprache mit dem Westen zu finden, ist für den Anführer der libyschen Revolution fatal ausgegangen, schreibt das Nachrichten-Portal www.zvezdaweekly.ru.

    Gaddafi war voller Widersprüche, viele erklärten seine Unberechenbarkeit fast schon mit Schizophrenie. Mit seinem exaltierten Benehmen und seinen unglaublichen Outfits sorgte er immer wieder für Schlagzeilen und Irritationen. Er bevorzugte bei offiziellen Besuchen ein Beduinenzelt statt Hotels, hatte als Leibwache eine Gruppe von Jungfrauen, weil er meinte, dass sie Gefahren besser spüren. Sein Land verwandelte sich unter seiner 42 Jahre dauernden Regentschaft aus einem der ärmsten in der Welt in ein prosperierendes, die Staats- und Regierungschefs der führenden Länder waren mit ihm befreundet, doch später verrieten sie ihn…

    Beduinische Wurzeln

    Hätte Gaddafi Brüder gehabt, hätte die Welt vielleicht nicht von der „Dritten Universaltheorie“ bzw. Dschamahirija erfahren. Vielleicht hätte er wie sein Vater bis zum Ende seines Lebens Kamele in der Wüste hüten müssen. Doch Allah brachte der Familie zunächst fünf Töchter und erst dann den lang erwarteten Sohn – Muammar Muhammad Abdassalam Abu Minyar al-Gaddafi.

    Mädchen galten bei den Beduinen als „Kinder zweiter Klasse“, weshalb die Familie das wenige Geld, das sie hatte, in das Studium des einzigen Sohns investierte.

    Niemand kennt das genaue Geburtsdatum Gaddafis. Sein Vater, ein armer Hirte aus dem Stamm der Guededfa, hatte einfach nicht die Möglichkeit, die Geburt seines Sohnes rechtzeitig registrieren zu lassen. Die Geburtsurkunde wurde wohl nachträglich geschrieben. Deswegen sprechen die Biografen Gaddafis von zwei möglichen Geburtsjahren – 1941 bzw. 1940. Der libysche Anführer selbst behauptete, er sei 1942 geboren worden.

    Da die Familie ziemlich arm war, wurde Gaddafi bereits in der Kindheit vielen Prüfungen unterzogen. Er erlebte Zeiten des Hungers, musste in Moscheen übernachten und viele Kilometer zu Fuß laufen, um die Ferien mit der Familie zu verbringen.

    Viele Eigenschaften Gaddafis sind wohl auf seine Kindheit zurückzuführen – das Gefühl für soziale Gerechtigkeit und der Hass gegen Reiche, der sich nach der Revolution vom 1. September 1969 in der bizarren Entscheidung zeigte, den Thronfolger Hassan ar-Rida in einer Umkleidekabine am Strand unterzubringen.

    Oder die Gewohnheit, ohne jemanden zu benachrichtigen, für einige Tage in die Wüste zu gehen, um dort in totaler Einsamkeit nachzudenken.

    Das Streben nach politischem Kampf zeigte Gaddafi erstmals in der Mittelschule. 1956, während der Sueskrise, nahm Gaddafi an antiisraelischen Protestaktionen teil, 1961 trat er in Sabha mit einer Rede bei der Kundgebung gegen den Austritt Syriens aus der Vereinigten Arabischen Republik auf. Dafür wurde er von der Schule verwiesen und aus der Stadt verbannt.

    Seine Revolution

    1964 schafft Gaddafi nach dem Vorbild der Organisation „Freie Offiziere“, die von seinem Götzen, dem ägyptischen Präsidenten Abdel Nasser gegründet worden war, die geheime Organisation „Bund freier Offiziere“. Aufgabe der jungen Offiziere war die Vorbereitung eines bewaffneten Aufstands und die Abschaffung der Monarchie. Die Verschwörer, deren Bewusstsein sich laut Gaddafi unter dem Einfluss des nationalen Kampfes herausbildete, agierten unter dem Motto „Einheit, Freiheit, Sozialismus“.

    Diese Periode war eine der verantwortungsvollsten im Leben Gaddafis. Die Revolutionäre arbeiteten unter derart geheimen Bedingungen, dass viele nicht einmal ahnten, dass sie von Muammar Gaddafi angeführt wurden, der bei der Leitung als „unverbesserlicher Träumer“ galt.

    In der Nacht zum 1. September 1969 kam es zur Revolution in Libyen, die Monarchie stürzte. Die ersten Schritte der neuen Behörden war die Auflösung des US-Militärstützpunktes Wheelus Field in Tripolis und des britischen Stützpunktes Al-Adem in Tobruk sowie die Verstaatlichung der Ölfirmen. Viele Unternehmen wurden zudem unter staatliche Kontrolle genommen.

    Das wurde Gaddafi weder im Westen noch von den Kräften im Lande verziehen, gegen deren Interessen er verstieß. Der Kampf ließ mal nach, weil Libyen selbst nichts produzierte und Lebensmittel und Waren vor allem im Westen kaufen musste, mal entflammte er wieder.

    Dabei war Libyen Gaddafi nicht genug. Er begann, die linksradikalen und nationalen Befreiungsbewegungen in der ganzen Welt zu unterstützen, und sah keinen Unterschied zwischen dem Streben der Völker nach Freiheit und Terrorismus.

    Damals half Libyen rund 30 extremistischen Organisationen mit Geld und Waffen, darunter solchen berüchtigten wie die Irisch-Republikanische Armee, die baskische Euskadi Ta Askatasuna, die italienischen Roten Brigaden, die japanische Rote Armee, die westdeutsche Rote-Armee-Fraktion der Baader-Meinhof-Gruppe, die palästinensische Gruppierung Abu Nidal, u.a.

    Die blutige Phase begann. 1986 kam es zu einer Bombenexplosion in einer Disco in Westberlin, bei der drei US-Militärs ums Leben kamen und mehr als 200 Menschen verletzt wurden (daraufhin bombardierten die USA Tripolis, wobei die kleine Pflegetochter Gaddafis ums Leben kam). Im Dezember 1988 explodierte über Lockerbie in Schottland eine Passagiermaschine Boeing 747, wobei 270 Menschen ums Leben kamen. Im September 1989 stürzte eine Passagiermaschine DC-10 auf dem Weg von Brazzaville nach Paris ab – 179 Menschen starben. Westliche Geheimdienste entdeckten damals die Spur Gaddafis.

    Nach dem Zerfall der Sowjetunion verhängte der UN-Sicherheitsrat Sanktionen gegen Libyen, die so drastisch waren, dass Gaddafi 2003 seine Sünden einräumte und Entschädigungen für die Verwandten der Verstorbenen zahlte und sogar dem Westen einige seiner Henker übergab.

    Daraufhin nahm er Kurs auf Annäherung an den Westen. Nicht ausgeschlossen ist, dass eines der Argumente dafür die geplante Hinrichtung Saddam Husseins war. Gaddafi wusste wohl, dass er an der Reihe sein könnte.

    Mit der Zeit distanzierte er sich zunehmend von seinen Mitstreitern, mit denen er die Revolution ins Leben gerufen hatte, und ersetzte sie durch Verwandte. Die Weggefährten wurden auch zu Feinden. Der einzige seiner Mitstreiter, der ihm treu blieb, war Abu Bakr Yunis Jaber, der gleichzeitig mit Gaddafi im Oktober 2011 in den Opfertod ging.

    Sein Land

    Nach dem Tod Gaddafis verbreiteten sich Legenden, dass der libysche Revolutionsführer Tausende Dollar für den Ankauf von Wohnungen für Bedürftigte, junge Eheleute bzw. Familien nach Geburt eines Kindes bereitstellte – und das Benzin in Libyen billiger als Wasser war. In der Tat entwerteten diese plumpen Versuche die beeindruckenden Errungenschaften Gaddafis – in den zehn Jahren nach der Revolution baute der libysche Staat rund 200.000 Wohnungen, wobei die Libyer für Wohnen, Bildung und medizinische Versorgung nicht zur Kasse gebeten wurden.

    Als Libyen 1951 unabhängig wurde, litten fast zehn Prozent der Bevölkerung an Blindheit wegen totaler Hygiene-Widrigkeiten und des großen Mangels an Ärzten und Krankenhäusern. Drei Viertel der Libyer waren bis 1969 Analphabeten. Gaddafi begann sofort mit dem Bau von Krankenhäusern, Bibliotheken, Schulen und Universitäten.

    Bis 1977 stieg das Bildungsniveau um 50 Prozent, 2009 waren es fast 90 Prozent. Es wurden Industrieunternehmen, Straßen und Stromleitungen gebaut. Es wurde der „Große künstliche Fluss“ angelegt, dank dem große Gebiete bewässert und das Trinkwasser-Problem gelöst werden konnte.

    Allerdings fanden die sowjetischen Staatschefs Gefallen an Gaddafis antiimperialistischer Politik und seiner Bereitschaft, mit Moskau eine allseitige Zusammenarbeit zu entwickeln und viel Geld für Waffen zu zahlen.

    Nach Strafgericht

    Das kann zwar merkwürdig erscheinen, doch jetzt fehlt Gaddafi sowohl seinen Freunden als auch seinen Feinden. Nach seinem Tod verschwand nicht nur ein starker und prosperierender Staat, sondern auch ein starkes Hindernis für die Flüchtlingswelle aus Afrika nach Europa. Libyen zerfiel in viele Teile und verwandelte sich erneut wie im Mittelalter in eine „Piratenküste“, die von Dutzenden sich gegenseitig bekämpfenden bewaffneten Gruppierungen kontrolliert wird. Selbst jene, die den Krieg gegen das Gaddafi-Regime entfachten, geben heute zu, dass das „demokratische Experiment“ des Westens in Libyen gescheitert ist. Mit Gaddafi hätte man doch in Kontakt treten können. Er selbst zeigte Entgegenkommen, finanzierte die Wahlkampagnen des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und des italienischen Premiers Silvio Berlusconi.

    Es ist klar, dass nur eine starke Persönlichkeit wie Gaddafi das zersplitterte Land wieder zusammenbauen kann. Doch wo soll so eine Persönlichkeit herkommen? Wegen der geopolitischen Ausweglosigkeit befasst sich nun der Westen, der das Land in den Abgrund stürzte, mit der Suche nach den Verantwortlichen für die Entfachung des Krieges gegen Gaddafi. Die erste Geige spielt dabei Italien, das sich an der Spitze der Migrationsprobleme erwies.

    So wirft der italienische Vizepremier Matteo Salvini Nicolas Sarkozy offen die „Entfachung des Krieges in Libyen“ vor. Obwohl bekannt ist, dass auch Berlusconi eine große Rolle beim Sturz Gaddafis spielte. Allerdings ist dieser verbale Kampf fehl am Platz, denn sowohl die Franzosen als auch die Italiener bombardierten Libyen mit viel Elan. Ihr Jubel nach der Tötung des libyschen Anführers war selbst in Washington angekommen.

    Wer war Muammar Gaddafi? Diktator, Stütze der Nation oder Extremist? Diese Frage ist nicht einfach… Er wünschte seinem Volk zweifellos nur das Gute, was er auch erfolgreich in Taten umsetzte. Für den Westen war er vielleicht vor allem ein Prophet, dessen Prophezeiung bereits in Erfüllung ging – ohne Libyen, das nur Gaddafi kontrollieren konnte, geht es für Europa wegen der unkontrollierten Migration, begleitet von Extremismus, steil abwärts.

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    Terrorangriff, Diktator, Machtenthebung, Wahlkampagne, Finanzierung, Islamisten, Invasion, Terrorismus, UN, NATO, Muammar al-Gaddafi, Nicolas Sarkozy, Silvio Berlusconi, Sowjetunion, Europa, Nordafrika, Afrika, Italien, Libyen, USA, Frankreich