10:17 17 November 2018
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    Russische Elite-Kampftaucher bei Übung (Archivbild)

    Was machen russische Elite-Kampftaucher in Syrien?

    © Sputnik / Witalij Ankow
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    In Syrien gibt es ab jetzt offenbar nicht nur russische Militärpiloten, Militärberater und Geheimdienstler. Laut westlichen Medienberichten wurden im östlichen Mittelmeer sogar russische Kampftaucher gesichtet.

    Es wurden auch zusätzliche Informationen angeführt. So sollen sie beispielsweise ausländische Technik (französische und italienische Unterwasserausrüstung sowie deutsche „Seabobs“ (Unterwasser-Scooter) Black Shadow 730) eingesetzt haben.

    In diesem Zusammenhang stellen sich gleich mehrere Fragen: Was waren das für Spezialkräfte? Wie sind sie entstanden? Welche Aufgaben erfüllten sie in Sowjetzeiten und wofür sind sie aktuell verantwortlich? Und schließlich die wichtigste Frage: Was machen sie eigentlich in Syrien?

    Kampftaucher gehören zu den elitären Spezialkräften der russischen Armee. Über ihre Aktivitäten gibt es kaum Medienberichte, aber umso mehr Aufmerksamkeit erregte die jüngste Mitteilung der Website Strategie Page, dass vor der syrischen Küste vor kurzem eine Übung russischer Kampftaucher stattgefunden hätte.

    Experimentelle Beteiligung von Kampftauchern an Diversionen gab es noch in den 1930er Jahren in der Sowjetunion, aber kurz nach dem Zerfall der UdSSR wurde diese Truppengattung wesentlich abgebaut. In den späten 1990er Jahren begann ihre Umstrukturierung. Damals gab es in Russland allerdings keine entsprechende Ausrüstung, die dann in Westeuropa gekauft werden musste. Das passierte noch vor der Wiedervereinigung Russlands mit der Krim im Jahr 2014.

    Strategic Page berichtete offenbar von der Übung des russischen Militärs vor der syrischen Küste, die Anfang September stattfand. In der entsprechenden Mitteilung der Militärbehörde stand jedoch nichts über die Teilnahme von Kampftauchern.

    Angesichts dessen ist es wohl durchaus angebracht, die wahre Geschichte der russischen Kampftaucher zu erzählen.

    Seit den 1930er Jahren

    In der Sowjetunion gab es in den 1930er Jahren tatsächlich Übungen, bei denen die Rettung von Besatzungen versunkener U-Boote trainiert wurde. Die erste solche Übung fand im Juli 1936 statt – es sollte die Besatzung eines in einer Tiefe von zehn Metern liegenden U-Bootes gerettet werden. Später kam jemand auf die Idee, Taucher bei Diversionen im gegnerischen Hinterland einzusetzen. Die erste Übung dieser Art wurde vom 22. bis 24. Oktober 1938 in der Usiss-Bucht im Stillen Ozean durchgeführt.

    Die erste wirkliche Kampftaucherabteilung wurde in den Jahren des Großen Vaterländischen Kriegs an der Baltischen Flotte gebildet. Außerdem hatten alle Flotten ab dieser Zeit Spezialabteilungen, die sich mit Aufklärungs- und Diversionseinsätzen befassten. Die wohl bekannteste war die Abteilung der Nordflotte mit dem zweimaligen „Helden der Sowjetunion“ Viktor Leonow an der Spitze.

    Nach dem Großen Vaterländischen Krieg wurden diese Abteilungen aufgelöst, obwohl die meisten Experten vehement dagegen auftraten.

    Bis zur Unterwasser-Maschinenpistole

    Dann begann aber der Kalte Krieg, und die Dienste der Kampftaucher waren wieder gefragt: Schon in den frühen 1950er Jahren wurden diese Kräfte wiederbelebt. Ihre wichtigsten Aufgaben waren die Sammlung von Informationen über gegnerische Infrastruktur, Schiffe usw. sowie Diversionen im gegnerischen Hinterland. Alle vier sowjetischen Flotten bekamen Kampftaucher.

    Besonders intensiv entwickelten sich die Flotten-Spezialkräfte Ende der 1950er bzw. Anfang der 1960er Jahre. Es wurden entsprechende Vorschriften ausgearbeitet und verschiedene Möglichkeiten zur Beförderung der Kampftaucher in gegnerische Häfen entwickelt. Die Basis ihrer modernen Ausrüstung wurde gerade damals gelegt.

    Wie sah die Ausrüstung der Kampftaucher in den 1960er bzw. 1970er Jahren aus?

    Schleppgeräte „Protej-1“ und „Protej-2“ beförderten die Kampftaucher mit einer Geschwindigkeit zwischen 3,6 und 4,1 km/h (abhängig von der Akku-Stärke). Schleppgeräte des Typs „Sirena“, die gleich für zwei Personen geeignet waren, sahen die Absetzung von Kampftauchern durch Torpedoröhren von U-Booten vor. Ein solches Schleppgerät konnte eine Geschwindigkeit von 7,5 km/h erreichen und hatte eine Reichweite von 37,5 Kilometern.

    Außerdem wurden zwischen den 1960er und 1980er Jahren Unterwasserbeförderungsmittel für mehrere Personen (beispielsweise „Triton-1M“ für zwei Personen und „Triton-2“ für sechs Personen) entwickelt. Das waren im Grunde Klein-U-Boote, die serienmäßig in der Admiralitätswerft im damaligen Leningrad gebaut wurden. Das „Triton-2“-Modell hatte eine Wasserverdrängung von bis zu 15,5 Tonnen, eine Geschwindigkeit von fünf Knoten und eine Reichweite von 60 Meilen (111 Kilometer). Es wurden insgesamt 13 Apparate dieser Art gebaut. Das „Nachfolger“-Modell (Projekt 865 „Piranha“) wurde 1990 in die Bewaffnung der sowjetischen Streitkräfte aufgenommen. Allerdings wurden nur zwei dieser Apparate hergestellt, die nur bis 1999 in Betrieb blieben. Laut einigen Offizieren der Marinespezialkräfte wären diese Apparate bei der Rettung der Besatzung des im August 2000 gesunkenen U-Boots „Kursk“ sehr nützlich gewesen. Man muss außerdem sagen, dass die „Piranhas“ unter Druck der US-Seite entsorgt werden mussten.

    Und schließlich wurden 1975 spezielle Waffen für Kampftaucher entwickelt: die vierröhrige Bündelpistole SPP-1 und die Maschinenpistole APS, die unter Wasser schießen konnten.

    Allerdings konnten Kampftaucher auch ohne technische Mittel schwimmen, und zwar in einer Tiefe von bis zu fünf Metern. Sie verfügten über Ausrüstung, die ihnen ermöglichte, mit dem Fallschirm ins Wasser zu springen und sofort zu tauchen. Sie konnten sich zwischen zwei und sechs Stunden in einer Tiefe von 20 Metern und kurzfristig in einer Tiefe von bis zu 40 Metern aufhalten.

    Mitte der 1970er Jahre wurde ein besonderer, universaler Fallschirmkomplex entwickelt, so dass Kampftaucher sowohl auf den Boden als auch ins Wasser springen konnten. Jetzt konnten Taucher von Flugapparaten in ihrer Tauchermontur und mit Waffen abspringen. Seit 1986 wurden dank diesem Fallschirmkomplex mehrere Rekorde aus der Sicht der minimalen Höhe der Fallschirmentfaltung aufgestellt. Diese Komplexe sind übrigens immer noch im Einsatz.

    Aber natürlich entwickelte sich nicht nur die Technik, sondern auch die Struktur bzw. die zahlenmäßige Stärke der Marine-Spezialkräfte. Anfang der 1990er Jahre bestanden sie aus fünf Abteilungen (je eine für die vier Flotten und die Kaspi-Flottille). Ihnen gehörten mehrere Hunderte hochklassige Spezialisten an, denen modernste geheime Waffen zur Verfügung standen.

    Nach dem Zerfall der Sowjetunion

    Der Zerfall der Sowjetunion hatte auch für die Marine-Spezialkräfte negative Folgen.

    1992 schwor die Kampftaucherabteilung 1464 der Schwarzmeerflotte der Ukraine die Treue. (Jetzt hat die Nato also deren gesamte Technik und Waffen in die Hände bekommen.) Aktuell wird sie als 73. Marinezentrum für Spezialeinsätze der ukrainischen Seestreitkräfte bezeichnet. Seit September 2004 ist es in der Stadt Otschakow (Gebiet Nikolajew) stationiert. Wegen mangelhafter Finanzierung ist der Ausbildungsgrad des Personals katastrophal gesunken. Außerdem kommt es im Rahmen der so genannten Anti-Terror-Operation im Donezbecken zum Einsatz und muss Verluste tragen.

    Alle anderen Kampftaucherabteilungen konnte Russland glücklicherweise retten. Der 137. Marineaufklärungspunkt, der in Baku (damals Aserbaidschanische Sowjetrepublik) stationiert war, wurde nach der Anspannung der Situation 1989 (also kurz vor dem UdSSR-Zerfall) in die Stadt Priosjorsk (Gebiet Leningrad) verlegt. Später wurde er an die Schwarzmeerflotte weitergegeben und ist jetzt in Tuapse (Region Krasnodar) stationiert.

    In den 1990er Jahren wurde die Finanzierung für die Entwicklung neuer Rüstungen für Kampftaucher wesentlich reduziert. Die zahlenmäßige Stärke dieser Kräfte blieb aber unverändert. Mehr noch: Auch die Entwicklung der Waffen für sie ging trotzdem weiter. In diesen Jahren wurden Unterwasserbeförderungsgeräte „Tunez“, „Neptun“ und „Sirena-M“, „Grosd“ (gleich für sechs Taucher) usw. entwickelt und in die Bewaffnung eingeführt.

    Und was passiert in Syrien?

    Was für „Kampftaucher“ wurden neulich in Syrien gesichtet? Und warum hatten sie dabei ausländische Ausrüstung?

    In Sewastopol wurde vor relativ kurzer Zeit ein Havarie-Rettungs-Zentrum ins Leben gerufen, wo unter anderem Kampftaucher ausgebildet werden.

    Als Anatoli Serdjukow Verteidigungsminister war (2007 bis 2012), wurde diverse Technik für Kampftaucher im Ausland gekauft. Das könnte eben die Erklärung für die „Sensation“ sein, die die westlichen Medien an die große Glocke hängen. Allerdings stehen ihnen auch russische Schnellmotorboote BK-17 und BK-18 zur Verfügung. Also wäre es falsch, zu behaupten, dass russische Kampftaucher nur auf ausländische technische Mittel setzen.

    Die Kräfte des Havarie-Rettungs-Zentrums erfüllen in Syrien diverse Aufträge. Vermutlich gehören ihnen auch Kampftaucher an.

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    Tags:
    Kampfschwimmer, Kampftaucher, Sabotage, Spezialkräfte, Marine Russlands, Verteidigungsministerium Russlands, Sewastopol, UdSSR, Sowjetunion, Nahost, Russland, Syrien