19:08 20 November 2018
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    Jagdbomber F-4 Phantom der U.S. Navy während eines Luftschalgs in Vietnam 1971Crew eines sowjetischen Luftabwehrsystems des Typs S-75 (Archivbild)

    Schock für die Phantom: Wie eine Sowjetrakete die Air Force in Vietnam traumatisierte

    © Foto: U.S. Navy National Museum of Naval Aviation/ Photo No. 1996.253.7279.006 © Sputnik / K. Kulitschenko
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    Für die US Air Force in Vietnam war sie der pure Horror: Die S-75 aus der UdSSR. Allein der Start dieser Flugabwehrrakete löste bei den amerikanischen Kampfpiloten Panik aus. Aus Angst katapultierten sich manche sogar vorzeitig aus ihren Phantom-Jets. Letztlich brachte die Sowjetwaffe die Wende im Luftkrieg über Vietnam.

    Als die US Air Force im Februar 1965 anfing, Nordvietnam zu bombardieren, hätte es nicht lange gebraucht, bis von der vietnamesischen Luftwaffe nichts mehr übriggeblieben wäre. Aber es kam gänzlich anders.

    Über gerade einmal 60 Flugzeuge verfügten die nordvietnamesischen Luftstreitkräfte im Winter 1965. Meist handelte es sich um chinesische Kopien der sowjetischen MiG-17 und einige Kleinbomber Il-28.

    Die Amerikaner hatten sich über ein Jahr lang auf ihren Überfall vorbereitet. Alte Flugplätze in der Region wurden saniert, neue wurden gebaut – und außerdem wurden zwei Flugzeugträger in den Golf von Tonkin entsandt: Knapp 5.000 Flugzeuge schickten die US-Amerikaner in den Jahren 1965-1973 ins vietnamesische Schlachthaus.

    Der modernste Jet der US-Amerikaner war damals, als der Luftkrieg begann, die F-4 Phantom II. Der Mehrzweckjäger war gleichermaßen für den Luftkampf, für Angriffe gegen Bodenziele und für Aufklärungseinsätze geeignet.

    Die Leistungsmerkmale der Phantom II beeindruckten: Höchstgeschwindigkeit bei 2.400 Stundenkilometern, eine Dienstgipfelhöhe von rekordhaften 19.000 Metern und eine mit 2.400 Kilometern ordentliche Reichweite.

    Insofern waren die Luftangriffe gegen nordvietnamesische Stellungen für die US Air Force anfangs ein Kinderspiel: Die Vietnamesen hatten den US-Jets einfach nichts entgegenzusetzen.

    Die Phantom II flog die Angriffe in einer Höhe von rund 5.000 Metern, wo sie für die Geschütze der Flugabwehr unerreichbar war. Die US-Kampfpiloten warfen die Bomben im Überschallmodus ab und verließen das Einsatzgebiet ebenso schnell und unversehrt, wie sie eingeflogen waren.

    Die Situation änderte sich im wahrsten Sinne schlagartig am 24. Juli 1965. An dem Tag wurden in Vietnam erstmals die sowjetischen Flugabwehrsysteme S-75 eingesetzt. Vier Raketen feuerten die Vietnamesen ab, drei Phantom-Jets holten sie damit vom Himmel. Und es wären womöglich vier geworden, hätte es keinen Doppeltreffer gegeben: zwei Flugkörper schlugen in einen Kampfjet ein.

    Die US Air Force war nun gezwungen, ihre Taktik an das Flugabwehrsystem, das nicht danebenschießt, anzupassen. Die Geschwindigkeit des Zielobjekts spielte für die S-75 so gut wie keine Rolle: Die sowjetische Rakete bekämpfte alles, was mit bis zu 2.300 km/h flog. Die Phantom II war zwar 100 Stundenkilometer schneller – aber nur in maximaler Höhe und ohne Bombenlast.

    Die Ergebnisse waren sensationell: Auf einen US-Jet kamen, statistisch gerechnet, nur 1,5 sowjetische Flugabwehrraketen. Die US-Luftwaffe verlor bis zu 200 Kampfflugzeuge pro Monat. Bis die US-Kampfpiloten lernten, das sowjetische System zu überlisten.

    Die S-75 bekämpfte ihre Ziele nämlich in einer Höhe von 3 bis 22 Kilometern. Also flogen die Phantom-Piloten ihre Einsätze in einer Höhe unterhalb dieses Bereichs. Hier stießen sie allerdings auf das Gegenfeuer der vietnamesischen Flugabwehrgeschütze. Dennoch konnten die Verlustzahlen vermindert werden.

    Parallel zu dieser Taktikänderung setzten die amerikanischen Luftstreitkräfte auch auf elektronische Störsignale, die von Begleitflugzeugen ausgestrahlt wurden. Zur Bekämpfung von Flugabwehrraketen war diese Methode recht wirksam, weil die S-75 per Funk vom Boden aus ins Ziel gesteuert wurde.

    Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Waffenentwickler aus der UdSSR eine Möglichkeit fanden, auf die neue Einsatztaktik der US Air Force zu reagieren. Der unterste Einsatzbereich der S-75-Rakete wurde auf 500 Meter gesenkt.

    In diesem „Luftspalt“ am Himmel über Vietnam konnten nur die amerikanischen F-111-Bomber agieren, die 1967 entwickelt wurden. Dank modernster Elektronik konnten diese Maschinen auch im extremen Tiefflug mit Überschalltempo fliegen.

    Außerdem verbesserten die sowjetischen Ingenieure den Schutz der Funkverbindung der S-75: Die Steuerung der Flugabwehrrakete war nunmehr störfest und für die elektronische Kampfführung der Amerikaner nicht mehr anfällig.

    Trotz der enormen Verluste setzte die US Air Force ihre Angriffe gegen Nordvietnam – auch gegen zivile Einrichtungen – fort. Erst Ende 1967 wurden Lufteinsätze praktisch gänzlich eingestellt. Der Grund dafür waren aber nicht nur die Flugabwehrraketen.

    Seit diesem Jahr wurde die sowjetische MiG-21 in Vietnam eingesetzt. Der Jäger gewann unverzüglich die Hoheit über den vietnamesischen Himmel: Die amerikanische Phantom konnte mit der MiG nicht mithalten – weder bei der Manövrierbarkeit und Steiggeschwindigkeit noch bei der Raketenbewaffnung.

    Wie schlagkräftig das sowjetische Jagdflugzeug war, zeigt folgende Rechnung: Die USA verlor insgesamt 3.374 Flugzeuge in Vietnam. Die vietnamesische Luftwaffe musste rund 150 Jagdflugzeuge entbehren, zerstörte aber neun Prozent der eingesetzten US-Jets.

    31 Prozent wurden durch den Einsatz des S-75-Systems abgeschossen, die restlichen 60 Prozent gehen auf das Konto vietnamesischer Flugabwehrgeschütze. Dass die Fla-Schützen so treffsicher agieren konnten, ist aber auch wieder den Sowjetraketen zu verdanken.

    Denn durch deren Einsatz waren die amerikanischen Kampfpiloten gezwungen, in einer Höhe zu fliegen, in der sie für die Fla-Kanonen überhaupt erreichbar waren. Nicht zu vergessen ist auch, dass die Flugabwehrgeschütze die Zieldaten nutzten, die von den Radaranalgen der S-75-Systeme in Vietnam ermittelt wurden.

    Letztlich spricht die Statistik für sich: Die Sowjetunion lieferte in jenen Jahren 95 Flugabwehrsysteme und rund 7.700 dazugehörige Raketen nach Vietnam. Tatsächlich abgefeuert wurden rund 3.200 Flugkörper. Insofern wurden für einen abgeschossenen US-Kampfjet circa drei Flugabwehrraketen verschossen.

    Die Gefahr, von einer S-75 getroffen zu werden, war so groß und belastete die US-Kampfpiloten schwer, manche von ihnen verfielen während des Einsatzes regelrecht in Panik. Es sind Fälle bekannt, dass Piloten allein aus dem Grund ihre Phantom-Jets mit dem Schleudersitz verließen, weil sie den Start einer S-75 ausgemacht hatten.

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    Jagdflugzeug, Kampfjets, Fla-Raketensysteme, Raketensystem, Luftabwehrsysteme, MiG-17, MiG-21, Abfangjet F-4 Phantom II, F-4, Vietnamkrieg, US Air Force USAF, USAF, UdSSR, Sowjetunion, Vietnam, Russland, USA